Besuch bei der Bahnhofsmission

Endlich war es soweit: Ich besuchte die Bahnhofsmission vor Ort. Ich wollte erfahren, wo die im Juli gesammelten Spenden konkret eingesetzt wurden und wie die Tätigkeit am Bahnhof praktisch aussieht. Deshalb hatte ich angefragt, ob ich mir das Ganze nicht einmal vor Ort anschauen könnte. Die Antwort war äußerst positiv, und so traf ich mich am Mittwoch, dem 6. September 2017, mit dem Vorsitzenden des Fördervereins der Bahnhofsmission an der Straßenbahnhaltestelle und ging mit ihm in die Räumlichkeiten der Bahnhofsmission, die sich in Karlsruhe hinter einer Tür am vordersten Bahnsteig (Gleis 101) befinden. Dort gab es viel spannendes zu entdecken: Da gab es zum einen den Aufenthaltsraum für Menschen, die einsam oder obdachlos sind oder einfach eine Pause brauchen. In der Küche wurde gerade Apfelkompott zubereitet. Als ich fragte, ob es einen Grund hätte, dass ausgerechnet Apfelkompott gekocht wird, wurde die Frage bejaht: „Das ist zum einen sehr gesund und zum anderen können das auch Menschen, die keine Zähne mehr haben, problemlos essen.“ Im Büro konnte ich mit der Chefin der Bahnhofsmission sprechen, der einzigen hauptamtlichen Mitarbeiterin. Ihre Aufgabe ist fast ausschließlich Papierarbeit. Die Bahnhofsmission steht in Kontakt mit der Deutschen Bahn, mit anderen Bahnhofsmissionen, mit der katholischen Kirche, mit der Stadt Karlsruhe, mit sämtlichen Behörden und einigem mehr. Ich war überrascht, wie viel Verwaltung da zu erledigen war. Klar muss man mal mit der Deutschen Bahn oder anderen Bahnhofsmissionen schreiben, und letztens wurden die Räumlichkeiten modernisiert, das lief sicher auch nicht ganz schriftfrei, aber das Ausmaß, was diesbezüglich zu tun war, war schon enorm. Als nächstes lernte ich eine Mitarbeiterin vom diakonischen Werk kennen, die jeden Mittwoch in der Bahnhofsmission arbeitet. Seit 2014 kommen nämlich verstärkt Menschen aus Osteuropa, insbesondere aus Rumänien, nach Deutschland. Da Rumänien ein EU-Land ist, können die Menschen frei nach Deutschland einreisen und hier arbeiten und da die Arbeitslosigkeit in Rumänien sehr hoch ist, erhoffen sie sich in Deutschland bessere Chancen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können. Der Karlsruher Busbahnhof ist ein wichtiger Anlaufpunkt dieser Reise, weswegen viele hier ankommen – und da ist es natürlich geschickt, die diesbezügliche Arbeit zeitweise auf die Räumlichkeiten der Bahnhofsmission zu verlegen. Ansonsten sind in der Regel immer zwei Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen am Bahnhof. Damit jeder der inzwischen 33 Ehrenamtlichen weiß, wann er oder sie Dienst hat, wird für jeden Monat ein Dienstplan festgelegt. Jeder Tag wird in zwei jeweils 5,25-stündige Schichten plus eine halbe Stunde Übergangsphase zwischen den beiden Schichten, in der die diensthabenden Personen wechseln, eingeteilt. Wichtigste Regel bei der Arbeit: Eine Person ist an den Bahnsteigen und in der Bahnhofshalle unterwegs und die andere Person ist in den Räumlichkeiten. Nach einer Weile wird gewechselt. So konnte die eine Mitarbeiterin weiter dem Apfelkompott nachgehen, während ich mit der anderen ins Bahnhofstreiben ging. Wichtigste Regel dort: Langsam laufen und nach rechts und links schauen. „Wenn man schon länger bei der Bahnhofsmission tätig ist, kann man den Leuten von der Stirn ablesen, ob sie Hilfe brauchen oder nicht“, erklärte die Mitarbeiterin. Die Aufgaben am Bahnhof sind sehr verschieden: Manchmal kommen Leute im Rollstuhl, die Schwierigkeiten haben, die Treppen zu den Gleisen hinauf- und hinunterzukommen. Dann muss mitunter bei der Fahrt mit dem Aufzug geholfen werden. Auch kann die Bahnhofsmission in Absprache mit der Deutschen Bahn eine Rampe nutzen, über die Reisende im Rollstuhl in den Zug ein- oder aus dem Zug aussteigen können. Manchmal kommen auch Flüchtlinge oder Menschen, die sich hier nicht auskennen, kein deutsch sprechen oder aufgrund verschiedenster Gründe die Fahrpläne nicht lesen können und deshalb Hilfe benötigen. Häufig kommen blinde Menschen, vor allem Pendler, die in Karlsruhe umsteigen müssen. Und heute musste ein Kind am Gleis abgeholt werden. Auch um die Kinder am Bahnhof wird sich hier gekümmert – wobei es für diese nochmal spezielle Angebote gibt. So bieten die Bahnhofsmission und die Deutsche Bahn gemeinsam begleitete Reisen an. Diese sind vor allem für Kinder sinnvoll, deren Eltern getrennt leben und die deshalb von einem Ort zum anderen pendeln müssen. Manchmal müssen die sieben Begleiterinnen und Begleiter dafür ihren ganzen Tag opfern, denn wenn sie beispielsweise nach Konstanz fahren müssen, braucht das durchaus seine Zeit, vor allem, weil sie ja auch wieder zurück müssen. Ein Glück ist die Fahrt für sie kostenlos – so lange es sich um Regionalzüge handelt. „Eigentlich ist es so, dass begleitete Reisen in dieser Form nur in den Regionalzügen möglich ist“, lernte ich, „bei Fahrten mit dem IC oder ICE gibt es das Angebot „kids on tour“ der Deutschen Bahn. Da bekommen die Kinder dann ein gemeinsames, eigenes Abteil.“ Wie wir so am Bahnsteig standen und auf den Zug warteten, mit dem das Kind ankommen sollte, teilte uns die Ansage mit, dass dieser Verspätung hatte. „Manchmal sind die Termine so knapp getaktet, dass man es dann gar nicht schaffen kann“, erfahre ich. Deshalb hat jede und jeder, der am Bahnhof mitarbeitet, ein Diensthandy, denn es ist wichtig, sich gegenseitig erreichen zu können und sich gegebenenfalls abzusprechen, damit man alles schafft. Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer nehmen auch Telefonate an, zum Beispiel, wenn Umstiegshilfen beantragt werden. Auch bei solch einem Telefonat konnte ich zuhören. Wichtig für alle, die eine Umstiegshilfe beantragen wollen: „Am besten ist es immer, wenn die entsprechende Person Erkennungsmerkmale durchgibt und sagt, wo sie sich im Zug befindet, damit man sich auch findet.“ Manchmal treffen solche Fälle ganz spontan ein, sodass es wichtig ist, sich untereinander erreichen zu können. „Man weiß nie, was an einem Tag passiert“, lernte ich. Zwar gibt es wohl Zeiten, in denen am Bahnhof besonders viel los ist, wie zum Beispiel freitagnachmittags, aber ob dann auch für die Bahnhofsmission mehr los ist, kann man nicht immer vorhersehen. Dennoch sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dann häufig zu dritt unterwegs – denn sie erhalten tatkräftige Unterstützung von einer jungen Dame im freiwilligen sozialen Jahr. So begleitete uns die FSJlerin ebenfalls ins Bahnhofstreiben. Da sie erst seit einer Woche mitarbeitete, durfte sie noch nicht alleine Dienst machen. „Bevor der Vorschlag kam, dass ich mein FSJ doch bei der Bahnhofsmission machen könnte, wusste ich gar nicht genau, was das ist“, erzählte sie, „ich habe zwar manchmal die Schilder am Bahnhof gesehen, aber mehr auch nicht.“ Nachdem das Kind abgeholt und bei einer bereits wartenden Bekannten abgeliefert worden war, ging es zurück in die Räumlichkeiten. Auch auf diesem Weg galt: Aufpassen, schön langsam laufen und nach rechts und links schauen. Damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hilfesuchenden erkannt und angesprochen werden können, tragen sie eine blau-graue Weste, auf der groß das Wort „Bahnhofsmission“ geschrieben steht. „Entweder, die Menschen sprechen uns direkt an oder wir fragen, ob sie Hilfe brauchen“, erklärte die Mitarbeiterin, „manchmal sagen sie nein, dann lassen wir sie auch in Ruhe, aber die meisten sind sehr dankbar dafür.“ Es war so spannend und aufregend, dass ich gar nicht bemerkte, wie die Zeit davonrannte. Nach unserer kleinen Tour durch den Bahnhof bedankte und verabschiedete ich mich auch schon wieder. Es war spannend, die Arbeit der Bahnhofsmission einmal live miterleben zu können. Ein Job für blinde Menschen ist das nicht, denn oft erkennt man hilfebedürftige Menschen am Aussehen. Dennoch ist es ein tolles Gefühl, zu wissen, wo seine gesammelten Spenden landen.