Die Sprache des Herzens – Ein Abend zum Thema Blindheit

Wie sowohl auf meiner Seite als auch in der regionalen Zeitung angekündigt wurde, fand nun vergangenen Samstag, den 24.03.2018, die Veranstaltung „Die Sprache des Herzens – ein Abend zum Thema Blindheit“ statt, welche ich gemeinsam mit dem Olympia-Kino in Leutershausen organisierte und durchführte.
Obwohl ich erst abends im Kino sein musste, brach ich schon früh am Morgen auf, damit ich mit einer Freundin meinen Frisörtermin im Frisörsalon Lena Kurz in Hüttenfeld wahrnehmen konnte. Zum üblichen Waschen/Scheiden/Föhnen lies ich mir für diesen besonderen Abend eine Flechtfrisur machen. Vielen Dank liebe Lena für diese wundervolle Arbeit! Es folgten letzte Einkäufe für das Bühnenoutfit und eine Stärkung, bevor es schon als Fertigmachen ging.
Während der Einlass erst ab 18.30 Uhr erfolgte, war ich schon wesentlich früher da, um mich mit den technischen Gegebenheiten vertraut zu machen und einen Soundcheck durchzuführen. Es herrschte eine sehr freundliche Atmosphäre und so war ich sehr gespannt auf den Abend.
Als ich nach einer kleinen Runde an der frischen Luft zurückkam, war ich ganz schön überrascht, wie viele Leute gekommen waren. Bevor der Film „Die Sprache des Herzens“ gezeigt wurde, begrüßte eine Mitarbeiterin des Kinos das Publikum und stellte mich kurz vor. Während des Films saß ich, wie alle anderen auch, auf einem der gemütlichen Kinositze und verfolgte, wie eine Nonne geduldig dem taubblinden Mädchen Marie Zeichensprache, Blindenschrift und vieles weitere beibringt. Damit ich die Handlung auch gut verfolgen konnte, hatte ich auf meinem Handy eine App namens „Greta“ installiert, die mir die Audiodeskription für den Film abspielte. So wurde mir über Kopfhörer mitgeteilt, was gerade auf der Leinwand passierte. Leider funktionierte das in diesem Fall nur teilweise und so wurde es am Ende ganz schön schwierig für mich, denn wenn es um ein taubblindes Mädchen geht, wird folglicherweise auch nichts bzw. nur sehr wenig gesprochen, doch im Regelfall funktioniert die Audiodeskription sehr gut.
Im Anschluss an den Film sprach die Mitarbeiterin des Kinos mit mir darüber, wie ich als blinde Person heute lebe. Dabei stellte sie mir verschiedene Fragen, die ich möglichst verständlich beantwortete. Das Publikum hörte sehr aufmerksam zu. Ich erzählte vom Schulalltag in der Blindenschule, von meinen technischen Hilfsmitteln, von meinen sozialen Projekten und von der Musik – der perfekte Übergang zu meinem Konzert. Dabei muss man sagen, dass es lange gar nicht klar war, ob das Konzert überhaupt stattfinden kann, denn ich war zuvor fast zwei Wochen krank gewesen. Doch obwohl ich dadurch schon wochenlang nicht mehr richtig gesungen hatte, funktionierte meine Stimme nahezu einwandfrei. Mit meiner Premiere „Wir starten richtig durch“, einigen weiteren Liedern und zwei Instrumentalstücken konnte ich den Besucherinnen und Besuchern eindrucksvoll präsentieren, was Musik für mich bedeutet. Abschließend gab es noch eine Fragerunde, bei der das Publikum mir Fragen stellen durfte. Tatsächlich kamen wir gut ins Gespräch und ich konnte nochmal von vielem erzählen: Warum ich keine Punktschriftnoten mag, warum der Bildschirmvorhang in Kombination mit einer schnell eingestellten Sprachausgabe bei der Arbeit am Handy so praktisch ist und einiges mehr. Dabei demonstrierte ich das gleich, indem ich mein Handy ans Mikrofon hielt und auf dem Display navigierte. Und noch etwas hatte ich dabei: Meine Braillezeile. Ich erklärte ihre Funktionsweise und wie sie mir hilft, zeigte dem Publikum, wie ich auf der Brailletastatur schreibe und las ein Gedicht vor. Als abschließende Botschaft ermutigte ich die Besucherinnen und Besucher, einmal die Augen zu schließen und die eigene Umgebung bewusst blind wahrzunehmen.
Im Anschluss an die Veranstaltung wurden am Ausgang Spenden für die Christoffel-Blindenmission, eine Organisation, die blinde Menschen auf der ganzen Welt unterstützt, in einer mitgebrachten Spendenbox gesammelt, wobei 344,70 Euro zusammenkamen, die nun an die Organisation überwiesen werden, was mich natürlich sehr freut. Zudem konnten sich die Besucherinnen und Besucher entsprechendes Informationsmaterial mit nach Hause nehmen.
Die Resonanz dieser Veranstaltung war durchweg positiv – und noch am selben Abend gab es die ersten neuen Abonnenten auf meiner Webseite. Meine erste Veranstaltung mit Eintritt – und ich hatte wirklich das Gefühl, dass sie eine Wirkung auf mein Publikum hatte!

 

Interview vor der Bühne

Kerstin vor der Bergstraße

Die gefüllte Spendendose

Ankündigung Veranstaltung im Olympia Kino Leutershausen

Liebe Leserinnen und Leser,
gerne möchte ich euch zu einer ganz besonderen Veranstaltung einladen, welche ich in Kooperation mit dem Kommunalen Kino in Leutershausen durchführe. So erwartet euch ein spannendes und abwechslungsreiches Programm. Das Kino zeigt den Film „Die Sprache des Herzens“, welches von einem taubblinden Mädchen handelt, welches durch eine geduldige Nonne Zugang zur Außenwelt findet, und im Anschluss gebe ich ein Konzert. Zudem erzähle ich euch etwas über mein Leben mit Blindheit und ihr bekommt auch die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Passend zum Schwerpunkt „Blindheit“ verbinde ich diese Veranstaltung mit einer Spendenaktion für die Christoffel Blindenmission, welche blinde Menschen auf der ganzen Welt unterstützt – euch erwartet also ein spannendes Programm, welches Film, Musik, soziales Engagement und Aufklärung über das Leben mit Blindheit miteinander verbindet. Wenn ihr also am Samstag, den 24.03.2018, noch nichts geplant habt, würde ich mich sehr freuen, wenn wir uns dort sehen!
Eure Kerstin

Alle Infos auf einen Blick
Veranstaltung in Kooperation mit dem Kommunalen Kino Leutershausen
Ort: Olympia-Kino Leutershausen, Hölderlinstraße 2, 69493 Hirschberg
Datum: Samstag, 24.03.2018, Beginn 19.00 Uhr
Eintrittspreis: 8 Euro

Weihnachtsaktion 2017

In den letzten zwei Wochen vor den Weihnachtsferien, vom 12.12. bis zum 21.12., fand meine Weihnachtsaktion statt. Dabei ging es darum, an Menschen zu denken, an die man sonst nicht denkt – und zwar nicht irgendwo weit weg, sondern ganz regional: An meiner eigenen Schule.

An der Schule, die ich besuche, leben und lernen blinde und sehbehinderte Kinder sowie Kinder mit einer Mehrfachbehinderung. Viele leben dort im Internat, da die Schule zu weit von ihrem Zuhause entfernt ist. So ist die Schule für viele zur zweiten Heimat geworden. Aber natürlich braucht es auch Menschen, die dafür sorgen, dass der Schulalltag gut funktioniert. Oft ist man häufig selbst so beschäftigt, dass man viele Personen, die wichtige Aufgaben übernehmen, im Alltag ganz vergisst. Das ist keine Kritik an irgendwem, das ist einfach so – und trotzdem ist es schade. Deshalb habe ich mich dieses Jahr genau auf diese Personen konzentriert und gleichzeitig verdeutlicht, dass auch Lehrer oder Erzieher nur Menschen sind.

Teil 1: An Menschen denken

Vor Beginn der Aktion hieß es erstmal einkaufen gehen – für viele Menschen, die an unserer Schule wichtige Aufgaben übernehmen, aber deren Arbeit im Schulalltag häufig gar nicht richtig geschätzt wird. Ich wollte diesen Anlass nutzen, um „Danke“ zu sagen – mit netten Worten, Schoko-Nikoläusen und Schoko-Bären. Und auch wenn Dir das vielleicht zunächst langweilig erscheint: Man kann dabei wahnsinnig viel erleben!

1. Wäscherei

Im normalen Internatsalltag läuft das so: Die Schülerinnen und Schüler werfen ihre schmutzige Wäsche in die Wäschecontainer und bekommen sie sauber wieder zurück. Aber was passiert eigentlich dazwischen? Die Frauen in der Wäscherei, die die Wäsche waschen, falten und bügeln, werden häufig gar nicht wahrgenommen. Doch ich habe mich auf den Weg gemacht, um ihnen ein kleines Dankeschön zu bringen. Wie lange war ich schon nicht mehr in der Wäscherei? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war ich sehr froh, dass die Chefin zufälligerweise gerade dort war, mich gleich gesehen hat und mir den Weg zeigen konnte.

2. Küche

Wenn der Unterricht zu Ende ist und alle hungrig in den Speisesaal stürmen, steht das Essen meist schon auf dem Tisch. Wenn alle dann essen, hört man eher ein „igitt“ als ein „lecker“. Aber wie viel Arbeit eigentlich hinter so einem Essen steckt, ist den meisten nicht bewusst. Das ist einfach Alltag. Deshalb haben auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Küche ein kleines Geschenk verdient. Hier war es nicht ganz so einfach, auf sich aufmerksam zu machen, denn alle waren eifrig beschäftigt – aber meine Ukulele half mir: Schon nach wenigen leisen Tönen kam eine Küchenfrau zu mir herüber und konnte die Dose mit Schokobären entgegennehmen.

3. Textservice

Wenn man in der Schule in den Schulbüchern liest, denkt man vermutlich vor allem an die Inhalte. Aber einmal habe ich mich etwas anderes gefragt: Wer überträgt das alles eigentlich, scannt die „normalen“ Schulbücher ein und macht sie so barrierefrei, dass sie von blinden Menschen am Computer gelesen und bearbeitet werden können? Die Antwort: Der Textservice. Dabei ist es fast peinlich, dass ich in meinen ganzen zehn Jahren an dieser Schule noch kein einziges Mal dort war. Aber das sollte sich hiermit ändern, denn wer uns blinden die Möglichkeit auf gleichberechtigte Bildung wie die sehenden erst ermöglicht, hat auch eine Gegenleistung verdient. So machte ich mich ganz gespannt auf den Weg – und ging unheimlich erfrischt, aber andererseits auch etwas nachdenklich wieder zurück: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren sehr interessiert, da sie normalerweise keinen Kontakt zur Schülerschaft haben und wir waren schon bald in ein langes Gespräch vertieft, in dem äußerst viel gelacht wurde, und gleichzeitig ist es schade, wie viele nette Menschen es an unserer Schule gibt, die wir Schüler gar nicht richtig kennen. Ein Glück, dass ich bei meiner Aktion ein bisschen herumkomme …

4. Verwaltung

Was wäre, wenn keiner über die finanzielle Lage der Schule Bescheid wüsste, wenn alle Briefe nicht gelesen und beantwortet werden würden und wenn allgemein niemand schauen würde, ob alles seine Ordnung hat? Dann würde so einiges nicht funktionieren. Aber dafür gibt es ja die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung! Auch für sie hatte ich eine Kleinigkeit. Aber obwohl ich schon zehn Jahre an der Schule bin, da hörten meine Wegkenntnisse wirklich auf und mir war gleich klar: Alle Büros würde ich nicht finden. Ein Glück gibt es an unserer Schule viele nette Menschen, die mir helfen konnten – und all diejenigen, die ich nicht persönlich angetroffen habe, bekamen ihr Geschenk vom Sekretariat. Das war zwar irgendwie schon schade, dass wir uns nicht persönlich begegnen konnten, aber ich bin dennoch sehr froh über die vielen Menschen an unserer Schule, die die Dinge vertrauensvoll weitergeben.

5. Hausdienst

Sie basteln und tüfteln, wenn mal etwas nicht so funktioniert, wie es funktionieren soll. Sie tragen Stühle, Tische, Instrumente oder anderes von A nach B, je nachdem, wo es gebraucht wird. Ihr Elektroauto dürfte allen Schülerinnen und Schülern bekannt sein. Schon erkannt, um wen es geht? Richtig, um die Hausmeister. Auch sie haben mal eine kleine Stärkung verdient – was für ein Zufall, dass gerade alle versammelt waren, als ich zum Büro des Chefs kam …

6. Pforte

Die Arbeit an der Pforte beinhaltet Schultore aufmachen, wenn jemand klingelt oder die Leute wieder herauswollen und ganz viel telefonieren. So bin ich an einem kühlen, verregneten Spätnachmittag mit Schokoladennikoläusen bewaffnet zur aktuell diensthabenden Pförtnerin aufgebrochen, um dieser Nervennahrung für das ganze Team zu bringen. Dabei wurden auch hier ein paar nette Worte gewechselt, bevor es für mich weiterging.

7. Pflegekräfte und Fachlehrer K

Viele mehrfachbehinderte Kinder haben ganz spezielle Bedürfnisse. Zum Beispiel können sie nicht alleine essen oder nicht alleine auf die Toilette gehen, weshalb sie Windeln tragen oder über eine Sonde ernährt werden müssen. Absolut nachvollziehbar, dass es nicht so einfach zu bewerkstelligen wäre, wenn die Lehrerinnen und Lehrer in der Unterrichtszeit immer noch Windeln wechseln müssten. Deshalb gibt es spezielle Pflegekräfte, die diese Kinder unterstützen und die Lehrerinnen und Lehrer dadurch entlasten. Und nicht nur das: Da viele Kinder aufgrund einer Körperbehinderung weitere diesbezügliche Förderung brauchen, gibt es die sogenannten Fachlehrer K, ein Team aus Therapeutinnen und Therapeuten. Viele Schülerinnen und Schüler dürften gar nicht wissen, dass es diese Bereiche gibt (insofern sie nicht selbst etwas mit diesen zu tun haben). Deshalb habe ich auch dorthin einen kleinen Weihnachts- und Dankesgruß versendet – im wahrsten Sinne des Wortes, denn da die Zeit für einen persönlichen Besuch leider nicht ausreichte, wurden die Geschenke ganz bequem per „Hauspost“ verschickt und vom stellvertretenden Schulleiter überbracht.

Teil 2: Weihnachtskarten

Lehrerinnen und Lehrer sind auf den ersten Blick eher unbeliebt, denn sie bestimmen, was man als Schüler/Schülerin zu tun hat, geben Hausaufgaben auf und verteilen womöglich auch noch schlechte Noten. Auf den zweiten Blick sind aber auch Lehrerinnen und Lehrer ganz normale Menschen und sind als solche vielleicht gar nicht so streng, wie es auf den ersten Blick ausschaut. Gleiches gilt für die Erzieherinnen und Erzieher, für die Putzfrauen, die die Internatsgruppen und Schulgebäude putzen – und auch für die Schulleitung. Deshalb habe ich mir meine Punktschriftmaschine geschnappt und Karten gebastelt – insgesamt 17 Stück! Wo diese gelandet sind, erfährst Du hier:

1. Fachlehrer

Alle Lehrerinnen und Lehrer, die mich in einem Hauptfach unterrichten, haben eine Weihnachtskarte bekommen. Eigentlich eine nette Geste, oder? Aber das Schenken einer Karte ist gar nicht so einfach wie es vielleicht scheint – denn womöglich hat man den entsprechenden Lehrer oder die entsprechende Lehrerin zwar schon jahrelang im Unterricht, dennoch kostet es Überwindung, auf die Personen zuzugehen und zu sagen: „Ich habe da noch was für Sie …“ Doch ich habe meine Angst überwunden und so hatte am Ende jede Karte ihren Adressaten bzw. ihre Adressatin gefunden.

2. Erzieherinnen

Man begegnet ihnen jeden Tag, wenn man im Internat ist: Den Erziehern und Erzieherinnen. So habe ich auch den Erzieherinnen meiner Internatsgruppe Weihnachtskarten geschenkt – und die Freude darüber war nicht zu übersehen.

3. Leitungsteam

Auch die Schulleiterin und der stellvertretende Schulleiter profitierten von meiner Aktion, denn sie bekamen mit einer Weihnachtskarte und einem Schoko-Nikolaus sogar das doppelte Programm. Dabei konnte ich die Umschläge sogar persönlich übergeben – und auch bei den Menschen in den höchsten Positionen unserer Schule konnten sich alle Beteiligten über freundliche und offene Begegnungen freuen.

4. Reinigungskräfte

Die beiden verbliebenen Weihnachtskarten gingen an die beiden Reinigungskräfte, mit denen ich häufig zu tun habe. Die eine reinigt die Internatsgruppe, die andere in meinem Klassenzimmer. Bei all der Arbeit ist es doch nett, ein kleines Zeichen weiterzugeben.

Fazit

Durch meine Aktion, insbesondere durch den ersten Teil, habe ich viele nette Leute und bislang unbekannte Orte meiner Schule kennengelernt, was sehr spannend war. Ich habe gemerkt, wie einfach es sein kann, anderen eine Freude zu bereiten – und ganz wichtig: Erwachsene freuen sich genauso über Geschenke wie Kinder. Das Beste daran: Dafür braucht es noch nicht einmal viel. Es reicht schon ein freundliches „Danke“ aus. Es ist nämlich nicht wichtig, möglichst viel zu schenken, sondern dass man an die Menschen denkt.

Inspiration

Morgen ist Heiligabend und danach folgen zwei freie Weihnachtstage. Nutze diesen Anlass und überlege Dir einmal, welche Person eine wichtige Position in Deinem Leben einnimmt und dieses entscheidend bereichert und zeige dieser, dass Du an sie denkst. Ein einfaches, aber ehrlich gemeintes „Danke“ kann dabei schon genügen.

Besuch bei der Bahnhofsmission

Endlich war es soweit: Ich besuchte die Bahnhofsmission vor Ort. Ich wollte erfahren, wo die im Juli gesammelten Spenden konkret eingesetzt wurden und wie die Tätigkeit am Bahnhof praktisch aussieht. Deshalb hatte ich angefragt, ob ich mir das Ganze nicht einmal vor Ort anschauen könnte. Die Antwort war äußerst positiv, und so traf ich mich am Mittwoch, dem 6. September 2017, mit dem Vorsitzenden des Fördervereins der Bahnhofsmission an der Straßenbahnhaltestelle und ging mit ihm in die Räumlichkeiten der Bahnhofsmission, die sich in Karlsruhe hinter einer Tür am vordersten Bahnsteig (Gleis 101) befinden. Dort gab es viel spannendes zu entdecken: Da gab es zum einen den Aufenthaltsraum für Menschen, die einsam oder obdachlos sind oder einfach eine Pause brauchen. In der Küche wurde gerade Apfelkompott zubereitet. Als ich fragte, ob es einen Grund hätte, dass ausgerechnet Apfelkompott gekocht wird, wurde die Frage bejaht: „Das ist zum einen sehr gesund und zum anderen können das auch Menschen, die keine Zähne mehr haben, problemlos essen.“ Im Büro konnte ich mit der Chefin der Bahnhofsmission sprechen, der einzigen hauptamtlichen Mitarbeiterin. Ihre Aufgabe ist fast ausschließlich Papierarbeit. Die Bahnhofsmission steht in Kontakt mit der Deutschen Bahn, mit anderen Bahnhofsmissionen, mit der katholischen Kirche, mit der Stadt Karlsruhe, mit sämtlichen Behörden und einigem mehr. Ich war überrascht, wie viel Verwaltung da zu erledigen war. Klar muss man mal mit der Deutschen Bahn oder anderen Bahnhofsmissionen schreiben, und letztens wurden die Räumlichkeiten modernisiert, das lief sicher auch nicht ganz schriftfrei, aber das Ausmaß, was diesbezüglich zu tun war, war schon enorm. Als nächstes lernte ich eine Mitarbeiterin vom diakonischen Werk kennen, die jeden Mittwoch in der Bahnhofsmission arbeitet. Seit 2014 kommen nämlich verstärkt Menschen aus Osteuropa, insbesondere aus Rumänien, nach Deutschland. Da Rumänien ein EU-Land ist, können die Menschen frei nach Deutschland einreisen und hier arbeiten und da die Arbeitslosigkeit in Rumänien sehr hoch ist, erhoffen sie sich in Deutschland bessere Chancen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können. Der Karlsruher Busbahnhof ist ein wichtiger Anlaufpunkt dieser Reise, weswegen viele hier ankommen – und da ist es natürlich geschickt, die diesbezügliche Arbeit zeitweise auf die Räumlichkeiten der Bahnhofsmission zu verlegen. Ansonsten sind in der Regel immer zwei Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen am Bahnhof. Damit jeder der inzwischen 33 Ehrenamtlichen weiß, wann er oder sie Dienst hat, wird für jeden Monat ein Dienstplan festgelegt. Jeder Tag wird in zwei jeweils 5,25-stündige Schichten plus eine halbe Stunde Übergangsphase zwischen den beiden Schichten, in der die diensthabenden Personen wechseln, eingeteilt. Wichtigste Regel bei der Arbeit: Eine Person ist an den Bahnsteigen und in der Bahnhofshalle unterwegs und die andere Person ist in den Räumlichkeiten. Nach einer Weile wird gewechselt. So konnte die eine Mitarbeiterin weiter dem Apfelkompott nachgehen, während ich mit der anderen ins Bahnhofstreiben ging. Wichtigste Regel dort: Langsam laufen und nach rechts und links schauen. „Wenn man schon länger bei der Bahnhofsmission tätig ist, kann man den Leuten von der Stirn ablesen, ob sie Hilfe brauchen oder nicht“, erklärte die Mitarbeiterin. Die Aufgaben am Bahnhof sind sehr verschieden: Manchmal kommen Leute im Rollstuhl, die Schwierigkeiten haben, die Treppen zu den Gleisen hinauf- und hinunterzukommen. Dann muss mitunter bei der Fahrt mit dem Aufzug geholfen werden. Auch kann die Bahnhofsmission in Absprache mit der Deutschen Bahn eine Rampe nutzen, über die Reisende im Rollstuhl in den Zug ein- oder aus dem Zug aussteigen können. Manchmal kommen auch Flüchtlinge oder Menschen, die sich hier nicht auskennen, kein deutsch sprechen oder aufgrund verschiedenster Gründe die Fahrpläne nicht lesen können und deshalb Hilfe benötigen. Häufig kommen blinde Menschen, vor allem Pendler, die in Karlsruhe umsteigen müssen. Und heute musste ein Kind am Gleis abgeholt werden. Auch um die Kinder am Bahnhof wird sich hier gekümmert – wobei es für diese nochmal spezielle Angebote gibt. So bieten die Bahnhofsmission und die Deutsche Bahn gemeinsam begleitete Reisen an. Diese sind vor allem für Kinder sinnvoll, deren Eltern getrennt leben und die deshalb von einem Ort zum anderen pendeln müssen. Manchmal müssen die sieben Begleiterinnen und Begleiter dafür ihren ganzen Tag opfern, denn wenn sie beispielsweise nach Konstanz fahren müssen, braucht das durchaus seine Zeit, vor allem, weil sie ja auch wieder zurück müssen. Ein Glück ist die Fahrt für sie kostenlos – so lange es sich um Regionalzüge handelt. „Eigentlich ist es so, dass begleitete Reisen in dieser Form nur in den Regionalzügen möglich ist“, lernte ich, „bei Fahrten mit dem IC oder ICE gibt es das Angebot „kids on tour“ der Deutschen Bahn. Da bekommen die Kinder dann ein gemeinsames, eigenes Abteil.“ Wie wir so am Bahnsteig standen und auf den Zug warteten, mit dem das Kind ankommen sollte, teilte uns die Ansage mit, dass dieser Verspätung hatte. „Manchmal sind die Termine so knapp getaktet, dass man es dann gar nicht schaffen kann“, erfahre ich. Deshalb hat jede und jeder, der am Bahnhof mitarbeitet, ein Diensthandy, denn es ist wichtig, sich gegenseitig erreichen zu können und sich gegebenenfalls abzusprechen, damit man alles schafft. Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer nehmen auch Telefonate an, zum Beispiel, wenn Umstiegshilfen beantragt werden. Auch bei solch einem Telefonat konnte ich zuhören. Wichtig für alle, die eine Umstiegshilfe beantragen wollen: „Am besten ist es immer, wenn die entsprechende Person Erkennungsmerkmale durchgibt und sagt, wo sie sich im Zug befindet, damit man sich auch findet.“ Manchmal treffen solche Fälle ganz spontan ein, sodass es wichtig ist, sich untereinander erreichen zu können. „Man weiß nie, was an einem Tag passiert“, lernte ich. Zwar gibt es wohl Zeiten, in denen am Bahnhof besonders viel los ist, wie zum Beispiel freitagnachmittags, aber ob dann auch für die Bahnhofsmission mehr los ist, kann man nicht immer vorhersehen. Dennoch sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dann häufig zu dritt unterwegs – denn sie erhalten tatkräftige Unterstützung von einer jungen Dame im freiwilligen sozialen Jahr. So begleitete uns die FSJlerin ebenfalls ins Bahnhofstreiben. Da sie erst seit einer Woche mitarbeitete, durfte sie noch nicht alleine Dienst machen. „Bevor der Vorschlag kam, dass ich mein FSJ doch bei der Bahnhofsmission machen könnte, wusste ich gar nicht genau, was das ist“, erzählte sie, „ich habe zwar manchmal die Schilder am Bahnhof gesehen, aber mehr auch nicht.“ Nachdem das Kind abgeholt und bei einer bereits wartenden Bekannten abgeliefert worden war, ging es zurück in die Räumlichkeiten. Auch auf diesem Weg galt: Aufpassen, schön langsam laufen und nach rechts und links schauen. Damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hilfesuchenden erkannt und angesprochen werden können, tragen sie eine blau-graue Weste, auf der groß das Wort „Bahnhofsmission“ geschrieben steht. „Entweder, die Menschen sprechen uns direkt an oder wir fragen, ob sie Hilfe brauchen“, erklärte die Mitarbeiterin, „manchmal sagen sie nein, dann lassen wir sie auch in Ruhe, aber die meisten sind sehr dankbar dafür.“ Es war so spannend und aufregend, dass ich gar nicht bemerkte, wie die Zeit davonrannte. Nach unserer kleinen Tour durch den Bahnhof bedankte und verabschiedete ich mich auch schon wieder. Es war spannend, die Arbeit der Bahnhofsmission einmal live miterleben zu können. Ein Job für blinde Menschen ist das nicht, denn oft erkennt man hilfebedürftige Menschen am Aussehen. Dennoch ist es ein tolles Gefühl, zu wissen, wo seine gesammelten Spenden landen.

Erfolgreicher Einstieg: Spendenaktion zugunsten der Bahnhofsmission

Die Idee, sozial aktiv zu werden, hatte ich schon sehr früh. Bereits im Alter von zehn Jahren wollte ich beim Juniorbotschafter-Wettbewerb des Kinderhilfswerks UNICEF teilnehmen. Leider blieb das Engagement für andere Menschen lange nur eine Idee – bis Oktober 2016.

Da fing ich endlich an, ernsthaft über eine Aktion dieser Art nachzudenken. Ich informierte mich über die verschiedenen Hilfsorganisationen und hatte auch keine Scheu, die jeweiligen Verantwortlichen per Mail anzuschreiben. Ich informierte mich auch darüber, wie die Menschen in anderen Ländern leben. Allerdings fehlte mir dann wieder die Zeit – und so wurde das Ganze erneut auf  Eis gelegt.

Eigentlich war es Zufall, dass ich in dieses Projekt zurückfand. Ursprünglich wollte ich für Arbeiterkinder in Indien spenden, aber da erzählte mir eine blinde Freundin von ihrer ersten Zugfahrt allein und die hervorragende Unterstützung der Bahnhofsmission dabei – und das warf alles über den Haufen. Ich informierte mich darüber, was die örtliche Bahnhofsmission, in meinem Fall die Bahnhofsmission Karlsruhe, für Aufgaben hat, und wusste: Dafür möchte ich mich einsetzen! Um meine Idee nicht gleich wieder zu vergessen, schrieb ich direkt eine Mail an den Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde. Dieser war von meiner Idee begeistert – und so planten wir gemeinsam einen Gottesdienst, in dem für die Bahnhofsmission gespendet werden sollte.

Am 10. Juli 2017 war dann der große Tag gekommen. Ich durfte den Gottesdienst mit einem selbst komponierten, instrumentalen Stück einleiten. Im Laufe des Gottesdienstes präsentierte ich zudem der Gemeinde mein Mottolied „Traum nach Freiheit“, welches auf Probleme dieser Welt aufmerksam machen und andere dazu motivieren soll, sich ebenfalls für eine bessere Welt einzusetzen. Auch führte der Pfarrer mit mir ein Interview, in dem ich die Ziele dieser Spendenaktion erläuterte, die Tätigkeit der Bahnhofsmission zusammenfasste und lobte und die anwesenden Gemeindemitglieder dazu aufforderte, sich für dieses regionale Projekt einzusetzen. Keiner konnte den Erfolg dieses Gottesdienstes erahnen, doch die Reaktion der Menschen war durchaus überraschend: Die Spendeneinnahmen betrugen 648 Euro, zudem bekam ich ein Dankschreiben des Vorsitzenden des Fördervereins der Bahnhofsmission – und spätestens da wusste ich: Ich werde weitermachen!

 

Info: Die Bahnhofsmission Karlsruhe

Die Bahnhofsmission Karlsruhe wurde 1903 gegründet und ist eine christliche Institution in katholischer Trägerschaft von IN VIA, die jedoch Menschen aller Konfessionen offen steht. Um die Tätigkeit in einem Satz zusammenzufassen, bietet die Bahnhofsmission Menschen, die unterwegs oder in Not geraten sind, schnell und unbürokratisch Unterstützung. Konkret bedeutet das, dass die Bahnhofsmission als Bestandteil des sozialen Netzwerks Karlsruhe Hilfe zur Selbsthilfe bietet, Menschen berät, unterstützt und gegebenenfalls an andere Einrichtungen weitervermittelt. So kümmert sich die Bahnhofsmission zum einen um alles, was am Karlsruher Hauptbahnhof passiert. Wenn Menschen zum Beispiel auf ihrer Fahrt ihr Geld, ihr Gepäck oder ihre Fahrkarte verloren haben, hilft die Bahnhofsmission, Freunde oder Verwandte zu kontaktieren, damit die Reise weitergehen kann. Wenn ein Zug stark verspätet ist, der Anschlusszug dadurch verpasst wird und es keine Möglichkeit mehr zur Weiterfahrt gibt, da es beispielsweise spät abends ist, hilft die Bahnhofsmission bei der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Wenn Reisende beim Ein- oder Ausstieg oder während der Fahrt zum Beispiel gestolpert sind und ein Flaster benötigen, ist die Bahnhofsmission die erste Adresse. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen auch Menschen mit Behinderung wie Blinde, Gehörlose, Geh- und Sprachbehinderte beim Aus-, Ein- und Umsteigen und geben Reisenden, die sich in Karlsruhe nicht auskennen, Auskunft, damit diese mit Hilfe der öffentlichen Verkehrsmittel sicher ans Ziel kommen. Auch Flüchtlinge bekommen besondere Unterstützung. Ankommende Flüchtlinge bekommen hier etwas zu essen und zu trinken und werden danach zur Weiterfahrt zur entsprechenden Unterkunft in die richtige Straßenbahn/den richtigen Bus gesetzt. Zudem erhalten sie Auskunft über ihr nächstes Ziel. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden auf dem Weg zu einer Unterkunft begleitet.

Abgesehen von der Tätigkeit am Bahnhof ist die Bahnhofsmission eine Anlaufstelle für Menschen, die in Not geraten sind und niemanden haben, mit dem sie darüber sprechen können. Das können wohnungs- oder arbeitslose Menschen sein, arme Familien, Leute, die Probleme mit Drogen und Alkohol haben. Das Angebot der Bahnhofsmission ist kostenlos. Deshalb finanziert diese sich ausschließlich durch Spenden. Da die Bahnhofsmission nicht im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, finde ich es wichtig, diese Gruppe von ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu unterstützen. Viele Menschen denken an die großen Dinge, aber manchmal können die kleinen Taten große Wirkung haben.