Achtung, Aufnahme!

Wie einige ja bereits mitbekommen haben, war ich am Donnerstag, dem 4. Januar 2018, im Tonstudio. Heute möchte ich Euch davon erzählen.

Als ich am Donnerstagnachmittag mit meinem Stage-Piano und meinem Eltern im Auto saß, war ich ziemlich aufgeregt. Wie würde es werden? Ich war zwar schon einmal mit meiner Schulklasse in einem Tonstudio gewesen, hatte dort aber nicht selbst aufgenommen. So war ich sehr gespannt.

Am Ziel angekommen, musste ich mich erstmal etwas orientieren. In dem großen Raum, in den ich geführt wurde, gab es jede Menge Technik: Ein Mischpult, ein Computer und einiges mehr. Ebenfalls beeindruckend war die riesige Gitarrensammlung – da konnte man mindestens 15 Gitarren in den verschiedensten Ausführungen finden. Und nicht nur das: Auch ein Studio-Piano stand dort. Eigentlich wollte ich auf meinem eigenen Piano spielen, jedoch ließ sich dieses mit dem vorhandenen Anschluss nicht an die Anlage im Studio anschließen und deshalb spielte ich dann auf dem Studio-Piano. Nun war alles bereit. Das Piano war aufgebaut, die Technik gerichtet und Matthias, der Betreiber des Tonstudios, war auch soweit. Insgesamt standen drei Lieder auf dem Programm. Als erstes wurde immer das E-Piano eingespielt. Dabei spielte ich auf Klick, also mit einem Metronom, welches mir den Rhythmus vorgab. Das Einspielen des Pianos war recht unkompliziert, da wir eventuelle Fehler gut korrigieren konnten. Was Matthias mit der Aufnahme machen konnte, war schon beachtlich. Er konnte die einzelnen Töne auf dem Bildschirm sehen. Dabei spreche ich nicht von den Akkorden, sondern wirklich von den einzelnen Tönen. Er konnte jeden einzelnen Ton markieren und im Lied verschieben, ausschneiden und an einer anderen Stelle wieder einsetzen, die Lautstärke verändern und sogar die Tonhöhe anpassen. Hatte ich also versehentlich die falsche Taste erwischt, konnte er in wenigen Sekunden den entsprechenden Ton so korrigieren, dass der richtige Ton erklang. Gerade bei „music at the river“ hat diese Bearbeitung ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen. Ist es dann irgendwann vernünftig, ging es an den Gesang. Dafür gab es einen Raum mit schalldichten Wänden. Da das Gesangsmikrofon so empfindlich war, musste es exakt auf mich eingestellt werden. Besonders wichtig war, das Mikrofon während der Aufnahme nicht zu berühren, denn es reagierte auf jedes kleinste Geräusch. Um mich mit Matthias, der im Technikraum saß, verständigen zu können, trug ich Kopfhörer und sprach durch mein Mikrofon. So konnte er auch meine fertige Pianobegleitung einspielen. Das war am Anfang ganz schön ungewohnt, darauf zu singen. Das hörte sich irgendwie ungewöhnlich an, irgendwie qualitativ ungewöhnlich gut, ganz anders als die Aufnahme meines Diktiergeräts. Den einzigen Fehler, den ich gemacht habe, war, sich nicht einzusingen, denn so waren ein paar schräge Töne dabei. Dennoch haben wir den Gesang nicht bearbeitet. Deshalb klingt dieser sehr natürlich. Doch die Qualität ist einfach nur klasse. Auf diese Weise wurden, wie bereits erwähnt, drei Lieder aufgenommen. Es war eine sehr interessante Erfahrung, denn schließlich erlebt man sowas ja nicht alle Tage. Und damit Ihr Euch das Ergebnis auch anhören könnt, gibt es „Traum nach Freiheit“ als neues Lied bei den Downloads.

Im Tonstudio - Kerstin am Piano

Im Tonstudio - Kerstin hört Probe

Im Tonstudio - Kerstin singt

Wie Weihnachten Kinder erwachsen macht – Kapitel 4

Es war wie jedes Jahr. Alles war schön dekoriert. Der Weihnachtsbaum erstrahlte unter dem Glanz des Weihnachtsschmucks. Die Kerzen auf dem Tisch tauchten den Raum in weihnachtliches Licht. Die Weihnachtsplätzchen der Oma rochen verführerisch. Wie jedes Jahr würde nachher das Weihnachtskonzert stattfinden. Familie Kaschnitz saß um den Weihnachtsbaum herum und packte Geschenke aus. Jedes der Kinder hatte  ein Geschenk der Mutter vor sich liegen, nur Kristina hatte keins. „Sicher will meine Mutter mich für mein Verhalten bestrafen“, war ihre Argumentation und so fragte sie gar nicht erst nach und tat so, als wäre alles wie immer. Irgendwann hatten alle ihre Geschenke geöffnet, da fragte Hannah: „Und wo ist Kristinas Geschenk?“ „Es tut mir leid, Kristina“, sagte die Mutter da, „aber du kriegst dein Weihnachtsgeschenk nachträglich. Eigentlich wollte ich dir eine neue Barbie-Puppe schenken, aber die bekommt jetzt mein Patenkind. Wie wäre es für dich mit einem Shoppinggutschein für einen Klamottenladen in der Stadt? Da könntest du dann ganz alleine shoppen gehen, ohne mich, und Frau Sanders würde sich sicher freuen, dich zu begleiten.“ Da fiel Kristina ihrer Mutter um den Hals: „Ja, das ist eine geniale Idee! Vielen Dank!“, rief Kristina. „Und für dich, Jona“, fuhr die Mutter fort, „Habe ich auch etwas. Wir helfen dir, eine neue Wohnung zu finden und zahlen Geld dazu, damit du sie dir leisten kannst und wenigstens ein Dach über dem Kopf hast.“ Jona schaute sie ungläubig an. „Das ist doch nicht nötig“, sagte er leise. „Doch, ist es“, beharrte die Mutter und umarmte ihn, „und jetzt lasst uns das Weihnachtskonzert beginnen!“ Kristina stand auf und ging langsam zum Klavier. Für einen Moment schaute sie einfach nur in die Runde, dann begann sie zu spielen. Ganz zart spielte sie, und jeder Ton stimmte perfekt. Jona und die Mutter schlossen die Augen, und die Geschwister standen auf und traten ganz nah an ihre Schwester heran. Als das Stück zu Ende war und spontaner Applaus aufbrandete, stand Kristina auf. Freundlich und doch selbstsicher strahlte sie ihre Familie an. Jona umarmte sie. „Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk meines Lebens“, sagte er. „Und für mich ist es das schönste Weihnachtsfest meines Lebens“, sagte Kristina und lachte.

Wie Weihnachten Kinder erwachsen macht – Kapitel 3

Kristina zuckte zusammen, als sie plötzlich angesprochen wurde. „Entschuldigung, aber ich sehe Sie schon den ganzen Nachmittag herumirren“, sagte eine Männerstimme, „brauchen Sie Hilfe?“

„Jona, bist du das?“, fragte Kristina, der die Stimme sehr bekannt war.

„Ja“, antwortete er, „aber woher kennen Sie mich?“

„Ich bin Kristina“, sagte Kristina leise, „und ich habe den ganzen Nachmittag auf dich gewartet.“ Da wurde Jona still und traurig.

„Oh“, sagte er gerührt, „das tut mir leid. Ich habe dich schon lange gesehen, dich allerdings nicht erkannt. Du siehst irgendwie so anders aus. Du bist nicht mehr das kleine blinde Mädchen, das ich kenne, sondern eine souveräne Frau, die gleichberechtigt mit den sehenden lebt.“

„Ich habe die Kleidung von meiner Nachbarin geschenkt bekommen“, erklärte Kristina, „und jetzt wollte ich dich abholen, um mit dir zu mir nach Hause zu fahren, damit du mit mir und meiner Familie gemeinsam Weihnachten feiern kannst und den Weihnachtsabend nicht wieder alleine auf der Straße verbringen musst.“

Da stiegen Jona die Tränen in die Augen, und er nahm Kristinas Hand und sagte zu ihr: „Das wäre nicht nötig gewesen, aber es ehrt mich sehr, dass du an mich gedacht hast.“

Sie fuhren mit der Straßenbahn zum Bahnhof zurück und gingen in die Bahnhofshalle hinein. „Gleich fährt ein Zug in unsere Richtung“, sagte Kristina und lief zielstrebig auf den Bahnsteig.

„Bist du eigentlich noch im Internat?“, fragte Jona, als die beiden an der Bushaltestelle standen und auf den Bus warteten.

„Na klar. Aber jetzt habe ich Weihnachtsferien und da bin ich daheim“, antwortete Kristina.

„Aber deine Mutter erlaubt dir doch nicht, alleine loszuziehen“, wandte Jona ein.

„Da hast du recht“, erwiderte Kristina, „aber erstens bist du mir wichtiger als diese bescheuerte Regel und zweitens bin ich jetzt erwachsen.“

Der Bus kam. Kristina und Jona stiegen ein. Was würde wohl die Mutter sagen, wenn die beiden auf einmal vor ihr standen? Langsam wurde Kristina aufgeregt und das steigerte sich, je näher sie dem Haus kamen.

Als die beiden aus dem Bus ausstiegen, hörten sie als erstes das Brummen eines Hubschraubers. Außerdem erblickte man im Laufe des Weges immer wieder Scheinwerfer von Polizeiautos, die sich durch die verschneiten Straßen kämpften. Das Dorf war äußerst belebt und die Menschen standen an den Fenstern ihrer Häuser, um zu sehen, was passiert war. Auch Kristina und Jona fragten sich, was das hohe Polizeiaufgebot für einen Hintergrund hatte, doch sie blieben nicht stehen. Sie mussten zu Kristinas Familie. So führte Kristina ihren Freund zielstrebig auf die Haustür zu und klingelte. Es dauerte eine Weile, dann öffnete ihre Mutter die Tür.

„Guten Abend“, sagte Kristina höflich, „entschuldigung, dass ich einfach das Haus verlassen habe, ohne dir oder meinen Geschwistern Bescheid zu sagen, aber es hatte einen Grund. Ich habe einen guten Freund, Jona. Er ist obdachlos und hat kein Zuhause. Seit Jahren feiert er Weihnachten auf der Straße. Kannst du dir das vorstellen? Er hat keine Freunde, keine Weihnachtsgans, keine Kerzen, keinen Tannenbaum – er muss sogar oft draußen schlafen, obwohl es so kalt ist. Selbst Maria und Joseph, die in ziemlicher Not waren, wie sie am Weihnachtsabend in Bethlehem ankamen, konnten in einem Stall Unterschlupf finden. Kannst du dir vorstellen, dass er zwar jedes Jahr an das Weihnachtsfest seiner Kindheit zurückdenkt, aber genau weiß, dass er so etwas möglicherweise nie wieder erleben wird? Ich kann es und finde es schrecklich. Jeder sollte das Recht auf ein Weihnachtsfest in Frieden und Gemeinschaft haben, auch solche Menschen, die auf der Straße leben. Also habe ich ihn dieses Jahr zu mir eingeladen, ganz spontan, als Weihnachtsüberraschung, und bin mit Bus und Zug in die Stadt gefahren und habe ihn abgeholt, und da du mir das niemals erlaubt hättest, habe ich es geheim gemacht. Mama, ich bin 16 Jahre alt, ich bin kein Kind mehr! Ach, die neuen Klamotten sind übrigens das Weihnachtsgeschenk von Frau Sanders. Wir haben uns zufällig im Zug getroffen und da sind wir noch kurz einkaufen gegangen. Sieht doch schön aus, oder? So richtig erwachsen. Mama, es tut mir sehr leid. Ich weiß, dass du dir unglaubliche Sorgen gemacht hast. Aber du möchtest doch auch, dass ich später einen Job finde, oder? Gerade dann, wenn man eine Behinderung hat, muss man überzeugen – und dafür muss man erwachsen auftreten. Es tut mir leid, aber das gehört zum Leben dazu. Der Weihnachtsabend und die gute Tat für Jona gaben mir einfach den perfekten Anlass, um viele Sachen auf einmal zu verdeutlichen und gleichzeitig etwas Gutes für einen anderen Menschen zu tun.“

Im Laufe des Berichts war ein Polizist aus dem Wohnzimmer getreten und auch Kristinas Geschwister hatten sich an der Haustür versammelt. Keiner sagte etwas, nur die Mutter schlug die Hände vors Gesicht. Kristina korrigierte noch einmal ihre Körperhaltung und sah ihren Zuhörern nun direkt in die Augen.

„Natürlich will ich, dass du arbeitest und Geld verdienst“, sagte die Mutter schließlich.

Dann meldete sich der Polizist zu Wort: „Wir sind mit einem Großaufgebot auf die Suche nach dir gegangen, junge Frau. Wir haben alle Beamten des Ortes und des Nachbarortes, einen Hubschrauber und fünf Hunde mobilisiert. Wir sind sogar schon mit einem Motorschlitten und zwei Rettungshunden den Berg hinauf gefahren, weil wir dachten, du wärst vielleicht einen Abhang hinabgestürzt und hättest dich verletzt. Es ging um Leben und Tod, junge Frau, und 90 Prozent der Truppe hätten heute eigentlich nicht gearbeitet. So ein Verhalten ist einfach nur respektlos gegenüber uns und vor allem gegenüber deiner Mutter, und eigentlich müssten wir von dir für unsere stundenlange Arbeit bezahlt werden. Aber jetzt wollen wir an Weihnachten mal nicht so streng mit dir sein, denn natürlich hast du ein Recht darauf, erwachsen zu werden, und einen Obdachlosen würde auch nicht jeder zu sich einladen. Ganz nebenbei siehst du mit deiner Kleidung wirklich sehr erwachsen aus, und nicht nur das, dein Auftreten ist wirklich unglaublich, da vergisst man fast, dass du blind bist.“

Dann griff er nach seinem Funkgerät, gab seinen Kollegen Bescheid, dass die vermisste Person aufgetaucht war, und führte Kristina an ihren verwirrten Geschwistern und ihrer weinenden Mutter vorbei ins Wohnzimmer.

Wie Weihnachten Kinder erwachsen macht – Kapitel 2

Die Bushaltestelle war direkt um die Ecke, so nah, dass Kristina sie auf Anhieb fand, obwohl ihre Mutter ihr den Weg noch nie erklärt hatte. „Fröhliche Weihnachten, Kristina“, grüßte der Busfahrer – tja, in so einem kleinen Dorf kennt eben jeder jeden – und führte sie zu einem Sitzplatz. Die Fahrt zum nächstgelegenen Bahnhof dauerte eine knappe halbe Stunde. Als sie gerade aus dem Bus aussteigen wollte, drehte der Busfahrer sich noch einmal zu ihr um und fragte: „Seid wann bist du eigentlich alleine unterwegs? Ich dachte, deine Mutter erlaubt das nicht!“ „Sie erlaubt es auch nicht“, antwortete Kristina, „Aber ich bin jetzt erwachsen.“

Am Bahnhof zog sie ihr Handy aus der Tasche und suchte im Internet nach einer passenden Zugverbindung. Anschließend lief sie die Treppe zum Bahnsteig hinauf und als der Zug gehalten hatte, stieg sie ein und suchte sich einen Sitzplatz. „Ja, sag mal“, hörte sie plötzlich eine Stimme, „Hat deine Mutter dir immer noch keine gescheiten Klamotten gekauft?“ „Nein, Frau Sanders, sie hat leider immer noch nicht kapiert, dass ich inzwischen 16 Jahre alt bin“, antwortete Kristina, „dabei würde ich so gerne endlich erwachsen werden.“ Frau Sanders kannte Kristina schon seit ihrer Geburt. Sie wohnte direkt nebenan und hatte früher öfter auf sie aufgepasst, als sie noch nicht im Internat wohnte. „Deine Mutter ist so unmöglich“, sagte Frau Sanders und ließ sich auf den Sitz neben Kristina fallen, „Fährst du auch in die Stadt?“ Kristina nickte. „Dann gibt es für dich heute ein paar schöne Kleider als Weihnachtsgeschenk“, sagte Frau Sanders entschlossen, „Es wird höchste Zeit, deiner Mutter mal auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen.“

Am Hauptbahnhof der Stadt angekommen, fuhren Frau Sanders und Kristina mit der Straßenbahn in die Einkaufszone. Überall hörte man Weihnachtsmusik, in den Schaufenstern sah man überall Glitzer und Glanz und der Weihnachtsmarkt lockte mit dem Duft nach gebrannten Mandeln. Frau Sanders lief zielstrebig auf ein Kleidungsgeschäft zu, warf einen kurzen Blick auf verschiedene Kleiderständer und holte nach kaum mehr als einer Minute eine schwarze Hose aus dem Kleiderhaufen. „Die brauchen wir auf jeden Fall“, sagte sie. In den folgenden Minuten kamen noch ein rotes Sweatshirt und ein grauer Pullover hinzu. „Das ist zwar nicht viel, aber fürs erste reicht es“, sagte Frau Sanders, bezahlte und verabschiedete sich.

Kristina beschloss, ihre neuen Sachen direkt anzuziehen. Sie ließ sich in einer Gaststätte zur Toilette führen und wechselte dort ihr Outfit – die Sachen passten perfekt! Jetzt musste sie nur noch Jona finden…

Suchend lief sie durch die überfüllten Straßen. Normalerweise hielt sich ihr Freund in der Nähe des Einkaufszentrums nahe ihrer Schule auf, das wusste sie. Also ließ sie sich von ihrem Handy zurück zur Straßenbahnhaltestelle navigieren, fuhr mit der Straßenbahn zum Friedrichsplatz, in dessen Nähe sich ihre Schule befand, und lief zielstrebig den für sie altbekannten Weg zum Einkaufszentrum – doch es gab ein Problem: Woher sollte sie wissen, wo Jona war? Sie hätte ja niemanden fragen können, da sie nicht wusste, wie er gekleidet war. Immer wieder lief sie vor dem Einkaufszentrum hin und her, eilte zwischen den Geschäften herum, blieb stehen, lauschte auf Jonas Stimme, rief seinen Namen – aber sie konnte ihn nicht hören und er bemerkte sie offensichtlich auch nicht. Ob er heute wohl woanders war, ausgerechnet heute, dem Weihnachtsabend, wo Kristina ihm so eine tolle Überraschung machen wollte? Vielleicht wollte er auch nichts mehr mit ihr zu tun haben und ignorierte sie absichtlich. Doch warum sollte er das tun? Die beiden hatten ein äußerst gutes Verhältnis zueinander. Kristina wusste es nicht. Sie konnte nur suchen und abwarten. Irgendwann merkte Kristina, wie das Einkaufszentrum leer wurde. Die Geschäfte schlossen nach und nach ihre Türen und langsam setzte die Dämmerung ein. Bald, das wusste Kristina, müsste sie zurückfahren. Aber wo war Jona? Er musste doch irgendwo sein!

Wie Weihnachten Kinder erwachsen macht – Kapitel 1

Es war wie jedes Jahr. Sobald man in Richtung des Dorfes kam, wurde man mit schneebedeckten Gassen konfrontiert, in denen Autofahren kaum möglich war. An den Häusern strahlte schon seit Wochen die Weihnachtsdekoration. Im Supermarkt gab es Weihnachtsmänner aus Schokolade und Weihnachtskarten in verschiedenster Ausführung. In den Bussen konnte man Fahrkarten zum Sonderpreis kaufen. Alles war wie immer. Auch bei Familie Kaschnitz. Ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, Kerzen auf dem Tisch, Weihnachtsplätzchen von der Oma, das Weihnachtskonzert am Weihnachtsabend – alle wussten, was als nächstes passieren würde, und man konnte im Prinzip schon vorab vom kommenden Weihnachtsfest berichten. Doch dieses Jahr sollte es anders sein.
Familie Kaschnitz war an sich eine ganz normale Familie. Die Mutter war alleinerziehend und lebte gemeinsam mit ihren vier Kindern in einer kleinen Wohnung. Die vier Kinder, das waren Hannah, Jannis, Peter und Kristina, waren eigentlich recht wohlerzogene, freundliche und gesunde Kinder, lediglich Kristina war seit ihrer Geburt blind. Die Blindheit war ein Problem in der Familie. Die Mutter traute ihrer Tochter nichts zu. Obwohl sie schon 16 Jahre alt war, durfte sie noch immer keinen Weg alleine gehen, besaß keine altersangemessene Kleidung und wurde nicht ernst genommen. Auch ihr Handy hatte sie nur auf Drängen der Lehrer bekommen. Lediglich ihre musikalischen Fähigkeiten hatte man akzeptiert, doch ansonsten hatte sie es sehr schwer. Dabei besuchte sie sogar eine Schule speziell für blinde Menschen, wo sie lernte, wie man sich als blinde Person in der Öffentlichkeit verhält, alleine lebt und von A nach B kommt. Kristina war sehr gut in der Schule und lernte alles sehr schnell, doch was brachte dieses Wissen, wenn selbst die Lehrer ihre Mutter nicht davon überzeugen konnten, dass Kristina trotz ihrer Blindheit alleine zurechtkommt und sie somit in ihrer Heimat nicht die Möglichkeit bekommt, sich auszuprobieren und endlich erwachsen zu werden?
Wenigstens einen Freund hatte sie im Laufe der Jahre gefunden. Sie hatte gerade Mobilitätsunterricht und lernte, sich im Einkaufszentrum nahe der Schule zu orientieren, da stand er plötzlich vor ihr: Jona. Jona war seit vielen Jahren obdachlos, da er nie eine Arbeit gefunden hatte. Er schlief unter Brücken oder, wenn es besonders kalt war, in einem Haus der örtlichen Obdachlosenhilfe, und aß das, was günstig war – und das 365 Tage im Jahr. Da war auch der Weihnachtstag keine Ausnahme. Jedes Jahr erinnerte er sich aufs Neue an die Weihnachtsfeiern mit seinen Eltern und Geschwistern, wie sie alle vor dem Ofen saßen und darauf warteten, dass die Weihnachtsgans fertig gebraten hatte und sein Vater die Kerzen des Weihnachtsbaums anzündete. Dann erstrahlte der ganze Raum in weihnachtlicher Pracht, und sie saßen beisammen und aßen, und Geschenke gab’s natürlich auch, und spät abends ging es dann noch in die Christmesse, ob man wollte oder nicht. Jona vermisste diese Zeit. Nun war er immer alleine, wurde nicht beachtet, ging zwar in die Kirche, fand aber auch dort keinen weihnachtlichen Frieden. Doch dieses Jahr sollte alles anders werden.
Kristina wusste von der Einsamkeit Jonas und wollte ihm helfen. Vielleicht, so dachte sie, könnte sie ihn ja zu ihrer Familie einladen. Aber ihre Familie würde es nicht erlauben, und vor allem musste sie ihn abholen, denn er sollte das Haus nicht allein finden müssen, jedoch würde ihre Mutter sie unter keinerlei Umständen alleine losziehen lassen, weswegen sie wohl zu Hause und Jona alleine auf der Straße Weihnachten feiern musste – oder gab es doch eine Möglichkeit?
Es gab eine andere Möglichkeit: Kristina könnte heimlich das Haus verlassen. Doch war das den anderen Familienmitgliedern gegenüber fair? Ihre Mutter würde sofort ein Suchkommando der Polizei alarmieren. Doch hatte sie nicht auch ein Recht, erwachsen zu werden? War die Blindheit denn so ein riesiges Problem, dass sie nicht fähig war, ein ganz gewöhnliches Leben zu führen? Eigentlich war ihre Mutter doch von Vorurteilen über Menschen mit Behinderung besessen, und sicherlich konnte man nicht auf sie sauer sein. Woher sollte sie wissen, dass blinde Menschen genauso erwachsen werden konnten wie Menschen ohne Behinderung, wenn sie noch nie einen Blinden außer Kristina gesehen hatte? Eigentlich, so dachte das Mädchen, müsste man die Mutter mal vor vollendete Tatsachen stellen, und bot die Weihnachtsüberraschung für Jona nicht die perfekte Möglichkeit dazu? Eigentlich ja schon. Und so beschloss Kristina, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Am Morgen des Weihnachtsabends, als ihre Mutter gerade mit Hannah einkaufen ging und die beiden Brüder sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatten, zog Kristina ihre dicken Prinzessinnen-Winterschuhe an, mummelte sich in ihre warme rosa Felljacke ein, griff nach ihrem Blindenstock und trat auf die schneebedeckte Straße hinaus.

Ankündigung Adventskalender 2017

Liebe Leserinnen und Leser,
in einer Woche beginnt die Adventszeit und natürlich gibt es auch etwas passendes auf meiner Seite.

Alle, die mich schon länger kennen bzw. vor Eröffnung der Webseite in meinem E-Mail Verteiler waren, können sich sicher noch an die Adventszeitschrift erinnern, die ich die letzten Jahre immer wieder aufs Neue zusammengestellt habe. Dieses Jahr wird es keine Adventszeitschrift mehr geben, aber etwas ähnliches. Ich habe extra für Euch eine Weihnachtsgeschichte geschrieben, welche in vier Kapitel unterteilt ist. An jedem der vier Adventssonntage werde ich ein Kapitel auf meiner Seite veröffentlichen. Es geht also kommenden Sonntag mit dem ersten Kapitel los und mit viel Spannung und Freude durch den Advent, bis am Heiligabend, der dieses Jahr gleichzeitig der vierte Adventssonntag ist, meine Geschichte endet.

Na, habe ich Euch neugierig gemacht? Dann schaut einfach an den Adventssonntagen auf meiner Seite vorbei und begebt Euch für ein paar Minuten in eine andere Handlung!

Viel Spaß beim Lesen und eine schöne Adventszeit!
Eure Kerstin 🙂

Wie ich blind durch die Welt gehe

Vor kurzem habe ich einen neuen Blindenstock bekommen. Aber wozu brauche ich den eigentlich? Und wie bewege ich mich eigentlich draußen? Ich möchte diesen Anlass nutzen, um euch meine mobilitätstechnischen Tricks und Hilfen etwas näher zu bringen.

Es ist Mittwochnachmittag und ich muss nach Heidelberg zu einem Termin – konkret bedeutet das: Erst zu Fuß, dann mit dem Bus, dann mit der Straßenbahn und dann nochmal ein kurzer Fußweg. Da liegt ein ganzes Stück Weg vor mir – Seid ihr bereit? Na, dann lasst uns losgehen!

Zunächst geht es einmal durch den ganzen Ort. Hier komme ich an verschiedenen kleineren Geschäften sowie am Wochenmarkt vorbei. Plötzlich blockiert ein Verkaufsschild mir den Weg. Ich muss außen rumlaufen, um meinen Weg fortsetzen zu können. Solche Situationen begegnen mir immer wieder – und das bezieht sich nicht nur auf Verkaufsschilder. Auch manche Autofahrer parken einfach auf dem Gehweg (auch wenn man das eigentlich nicht sollte). All diese Dinge lassen sich unter einer ganz zentralen Problematik zusammenfassen: Blinde Menschen sehen eventuelle Hindernisse nicht. Doch es gibt eine Lösung für dieses Problem: Den Blindenstock. Am einen Ende befindet sich eine Kugel. Wenn ich mit dem Blindenstock unterwegs bin, befindet sich diese Kugel auf dem Boden. Um meine Umgebung erfassen zu können, bewege ich den Blindenstock im Rhythmus zu den Schritten hin und her. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich unorganisiert damit herumfuchtele. Die Kugel bleibt immer auf dem Boden und ich bewege den Blindenstock nur etwa schulterbreit hin und her. So merke ich genau an den Stellen, an denen ich wirklich bin, ob ein Hindernis voraus ist. Damit sich die Kugel gleichmäßig abnutzt, dreht sie sich mit der Bewegung des Blindenstocks. Wenn ich meinen Stock zuverlässig hin- und herbewege, entgeht mir fast nichts.

Habe ich das im Weg stehende Verkaufsschild hinter mir gelassen, bin ich schon bald an der Bushaltestelle angelangt. Nun heißt es: Den richtigen Bus nehmen. So ganz grob weiß ich bescheid: Was für Buslinien hier halten, welche davon wohin fährt und so weiter. Normalerweise müsste ich an dieser Stelle den Fahrer fragen, welcher Bus da vor mir steht, aber in diesem Fall habe ich Glück, denn ich kann alle Busse nehmen, die kommen. Dennoch stelle ich mich ganz vorne an die Haltestelle und stelle meinen Blindenstock vor mich. Das ist sehr wichtig, denn der Blindenstock ist nicht nur eine Hilfe für mich, sondern auch ein Erkennungszeichen für andere. Er macht darauf aufmerksam, dass ich nichts sehe und die Menschen um mich herum Rücksicht auf mich nehmen sollen. Das funktioniert auch: So kriege ich in der Straßenbahn zum Beispiel häufig direkt einen Sitzplatz angeboten. Klar könnte ich auch stehen, aber die Bahn ist meistens so voll, dass ohnehin überall Leute stehen, da bin ich ganz froh, wenn ich aus dem Trubel raus bin. In der Regel ist Bahnfahren recht entspannt. Wie sicher auch einige von euch sehenden schon gemerkt haben, gibt es in der Regel Haltestellenansagen – die Betonung liegt auf „in der Regel“. Manchmal fallen diese Ansagen leider aus. Klar kann man nachfragen, wo man sich gerade befindet, dennoch ist es ziemlich nervig, wenn man genau weiß, dass man es eigentlich selbst managen könnte. Gerade in fremder Umgebung ist eine fehlende Ansage nicht wirklich optimal, wie man sicher nachvollziehen kann. Zwar komme ich in meiner Heimatstadt Karlsruhe zumindest auf den Strecken, die ich immer wieder fahre, ohne Ansage klar – aber nach 16 Jahren kenne ich da auch jede Kurve. Wenn dann alles gut läuft und die Ansage vorhanden ist, komme ich irgendwann in Heidelberg an der Haltestelle an. Ich steige aus der Bahn aus – und muss erstmal die Straße überqueren.

Jetzt fragt sich der ein oder andere vielleicht, wie das gehen soll – aber keine Sorge: Hier gibt es eine Blindenampel. Wenn ihr irgendwo mal ein regelmäßiges Klicken an einer Straße oder einer Haltestelle hört, kann es gut sein, dass es von einer Blindenampel stammt. Der Trick dabei ist: Neben einem ganz normalen Knopf für Sehende gibt es etwas versteckt einen speziellen Knopf für Blinde. Hier gibt es Pfeile, die in die entsprechende Richtung zeigen, auf die man drücken kann. Wenn die Ampel grün wird, piepst diese oder, falls dies nicht der Fall ist, vibriert der Pfeil bzw. Blindenknopf. Häufig passiert sogar beides. Wenn man eine Straße überqueren muss, es aber keine Blindenampel gibt, gibt es dafür auch einen Trick: Man wartet einfach, bis die Ampel rot wird und der Querverkehr vorbeifährt, und wenn man dann den Parallelverkehr wieder anfahren hört, läuft man einfach mit über die Straße. Der Rest meines Weges ist nicht schwer und für mich problemlos zu finden. Hätte ich den Weg nicht gewusst, hätte mir mein iPhone assistiert. Über die Spracherkennung Siri, die auch sehende iPhone-Nutzer kennen, hätte ich die Navigation über die Apple-Karten aufgerufen. Beispiel: „Navigiere mich zu …“ oder „führe mich nach …“. Siri öffnet automatisch die Apple-Karten und navigiert mich via Sprachausgabe zum Ziel. Man glaubt es nicht, aber es funktioniert. Natürlich ist die Navigations-App nur eine Ergänzung und man sollte sich niemals vollkommen auf diese verlassen, denn es soll schon Menschen gegeben haben, die mit dem Auto in den Rhein gefahren sind, weil sie zu sehr auf die Navigations-App vertraut haben, aber gerade bei fremden Wegen ist das für blinde eine tolle Ergänzung. Es gibt auch spezielle Navigations-Apps wie Blindsquare (gibt in erster Linie über Geschäfte am Straßenrand, Bus- und Bahnhaltestellen, Querstraßen etc. Auskunft) oder ViaOpta Nav (spezielle Fußgängernavigation), doch egal was man benutzt, das Wichtigste ist das richtige Verhalten sowie die Grundtechniken als blinde Person in der öffentlichen Welt – und dafür ist der Blindenstock zwingend erforderlich.

So, ich bin in Heidelberg fertig. Jetzt geht es zurück – aber: Die Straßenbahnen hören sich ja alle gleich an! Keine Sorge: Auch hierfür gibt es eine App. Viele Verkehrsverbünde integrieren die Echtzeit-Auskunft in ihre Apps. Die Echtzeit-Auskunft ist das, was man auf den Anzeigetafeln an den Haltestellen sieht. Über die Ortungsfunktion erkennt die App des entsprechenden Verkehrsverbundes, wo man sich gerade befindet. Dank der Sprachausgabe des Handys bekommt man die Inhalte der Echtzeit-Auskunft in der App vorgelesen – und kann damit gleichberechtigt wie sehende Personen an der Haltestelle sehen, wann die richtige Bahn kommt. Nachteil an der Technologie bzw. vor allem an der allgemeinen Arbeit mit dem Handy ist die Tatsache, dass man seine Außenwelt durch das Navigieren auf dem Display und die Geräusche der Sprachausgabe nicht mehr mitkriegt. Daher nutze ich persönlich diese Möglichkeit nicht mehr so oft wie früher. In Heidelberg brauche ich das auch gar nicht mehr: Ich erkenne die richtige Straßenbahn am Geräusch, obwohl es sich dabei größtenteils um sehr ähnliche oder sogar gleiche Fahrzeugtypen handelt. In Mannheim oder Karlsruhe hingegen ist das nicht so einfach. Alle Bahnen hören sich gleich an, und deshalb muss ich immer nachfragen. Eigentlich lernen alle Fahrer in der Ausbildung, dass sie, wenn sie eine blinde Person an der Haltestelle sehen, die Liniennummer ihrer Bahn über das Außenmikrofon durchsagen sollen, aber das tut leider keiner. Die beste Möglichkeit ist also immer noch, nachzufragen. Ach, wo wir bei nachfragen und Hilfe sind: Immer wieder werde ich von sehenden angesprochen und gefragt, ob sie mir helfen können. Das ist zwar nett gemeint, allerdings ist einem Blinden damit in der Regel eher wenig geholfen. Viel mehr verwirrt man ihn dadurch, weil er sich vor lauter Reden nicht mehr konzentrieren kann und dadurch möglicherweise wichtige Dinge seines Weges nicht wahrnimmt. Die beste Hilfe seid ihr sehenden, wenn ihr die blinde Person nicht selbst anspricht, aber offen reagiert, wenn sie auf euch zukommt.

Auf dem Rückweg von meinem Termin mache ich noch einen Abstecher zum Supermarkt, da ich noch einen Adventskalender für dieses Jahr brauche – für blinde Menschen ein nicht ganz leichtes Unterfangen. Zwar gibt es sogenannte Barcode-Leser, die die Barcodes auf Verpackungen auslesen und einem per Sprachausgabe ansagen, was in der Packung drin ist, wie viel davon, was es kostet, von welcher Firma es kommt usw. Sowas findet man ebenfalls als App fürs Handy, ist also super zugänglich – aber es ist ziemlich aufwendig, alle Lebensmittel einzeln zu scannen, da hat man schneller nachgefragt, vor allem, wenn man an dem Regal ankommt, wo sonst immer die Weihnachtssachen stehen und da plötzlich was ganz anderes steht. Jeder von euch kennt das sicher: Man sucht etwas, muss aber erstmal durch den halben Laden laufen, weil schon wieder umgebaut wurde – für Blinde logischerweise ein ziemliches Problem. Ein Grund, warum viele Blinde sich ihren Einkauf online bestellen und nach Hause liefern lassen und gar nicht mehr in den Supermarkt gehen. Tatsächlich bleiben einem Blinden dort tatsächlich nur zwei wirklich effektive Möglichkeiten: Entweder mit einer sehenden Begleitperson gemeinsam gehen oder einen anderen Kunden oder Verkäufer im Supermarkt fragen, obwohl zweiteres auch schon wieder eine große Vertrauenssache ist, weil man fremden Menschen sagen muss, was man will und sich darauf verlassen muss, dass man dann auch genau das kriegt und nicht irgendwas anderes, denn man kann es ja nicht nachprüfen. Einkaufen imSupermarkt alleine ist sehr schwer möglich, und wenn man es doch alleine wagt, muss man viel Zeit einplanen. Da kann ich sogar sagen, dass die Regel „warte, ab bis die blinde Person dich anspricht und spreche sie nicht selber an“ in diesem Fall außer Kraft gesetzt werden sollte …

Der Rest des Weges ist nicht schwer. Noch einmal über eine Blindenampel, dann bin ich am Ziel. Dank meines Blindenstocks, Hilfen wie Blindenampeln und Blindenleitsystemen und einigen Tricks konnte ich komplett alleine mit Bus und Bahn nach Heidelberg fahren, dort meinen Termin wahrnehmen und am Ende sogar noch mit etwas Hilfe von anderen Kunden im Supermarkt einkaufen. Blind weitgehend unabhängig und selbstständig von sehenden zu sein, ist durchaus möglich – man muss nur wissen, wie.

Ein etwas anderer Rundflug

Diesmal hatte ich etwas ganz besonderes vor: Einen Rundflug. Es war mein erster Flug überhaupt, weswegen ich ziemlich aufgeregt war. Dennoch war ich erstaunlich ruhig, als ich am Montag, den 02.10.2017, um 16.00 Uhr am Flugplatz in Worms ankam. Dort wartete schon ein Pilot, der Kleinflugzeuge fliegt, auf mich. Wir gingen gemeinsam in die Flughalle. Dort standen viele verschiedene Kleinflugzeuge. Der Pilot führte mich zu dem Flugzeug, mit dem wir fliegen wollten. Ich durfte alles anfassen und erkunden. Die Flügel sind ganz schön lang! Im Inneren des Flugzeugs durfte ich als Kopilotin mitfliegen. In diesem Zusammenhang durfte ich auch das Steuerrad anschauen. Da das Steuerrad des Piloten mit meinem Steuerrad verbunden war, konnte ich immer genau spüren, was der Pilot gerade machte. Bewegte er den Hebel vor und zurück, stiegen oder sanken wir. Bewegte er den Hebel nach rechts und links, bewegte sich auch das Flugzeug in diese Richtung. Es war eine sehr spannende Erfahrung, mal genau spüren zu können, wie das Flugzeug schon auf kleinste Bewegungen des Piloten reagiert. Und dann ging es los. Jetzt wurde ich doch etwas nervös. Langsam rollten wir auf die 800 Meter lange Startbahn. Gut ein Drittel der Startbahn braucht es bis zum Abheben des Flugzeugs. Dieses hat dann etwa eine Geschwindigkeit von 120 Stundenkilometern. Das fand ich interessant, denn 120 Stundenkilometer fährt man auch mit dem Auto auf der Autobahn (insofern kein Stau ist). Zur Eingewöhnung flogen wir eine Runde um den Flugplatz. Danach mussten wir den Flug leider abbrechen, da man aufgrund von Nebel nicht mehr genug sehen konnte, um fliegen zu können. Schade, aber es gab eine neue Chance. Und ganz davon abgesehen übten wir dadurch auch gleich die Landung. Ein bisschen hart war die Ankunft auf dem Boden durchaus, aber sie war laut Aussage des Piloten wohl deutlich sanfter als bei großen Flugzeugen. Dort gibt es nämlich, so erklärte man mir, eine bestimmte Stelle an der Landebahn, an der sie den Boden erreichen müssen, da sie so viel Strecke brauchen, um zum Stehen zu kommen. Ich überegte, wie sich eine Landung im großen Flugzeug wohl anfühlt. Früher oder später werde ich es selbst erfahren. Bevor es aber soweit kam, gab es erstmal den zweiten Flugversuch.
So trafen wir uns am nächsten Tag wieder am Flugplatz in Worms. Da ohnehin Feiertag war, gestaltete sich das als äußerst unproblematisch. Das Wetter spielte diesmal deutlich besser mit als gestern. Die Sonne schien und es war angenehm warm. So stiegen wir diesmal relativ zügig ins Flugzeug und flogen los. Wir flogen nach Rothenburg an der Tauber, um dort Pizza zu essen, und was ziemlich verrückt klingt, schafften wir mit dem Flugzeug in wenger als einer Stunde. Dabei flogen wir über Neckar und Rhein und in rasanten Kurven durchs Neckartal. Während die Kurven bei großen Flugzeugen recht sanft geflogen werden, spürt man die Kurven im Kleinflugzeug sehr deutlich. Allgemein kann man mit einem Kleinflugzeug deutlich mehr experimentieren. Mit unserem einmotorigen Flugzeug mit vier Sitzplätzen konnten wir zum Beispiel das Gefühl einer Achterbahnfahrt nachstellen, indem wir steil nach unten sanken und dann wieder steil nach oben stiegen. Es war fasziniert, wie man mit der Luft spielen konnte und wie viel man sich in der Luft hoch und runter und hin und her bewegen konnte. Auch war es faszinierend, das Wetter zu beobachten. Während in Worms die Sonne schien, gab es im Verlauf des Flugs immer mehr Wolken und in Rothenburg regnete es. Die Pizzeria war direkt am Flugplatz. So landeten wir fast direkt vor dar Tür. Da wir natürlich nicht auf der Landebahn stehen bleiben konnten, rollten wir auf einen speziellen Parkplatz für Flugzeuge. Weil jede Start- und Landebahn etwas anders aussieht, hatte der Pilot eine Art Lexikon, in dem alle Start- und Landebahnen mit Bildern und Beschreibungen aufgelistet haben. Schon lustig, wenn man zum Essen einfach mal schnell mach Rotbenburg fliegt. Auf dem Rückweg fiel mir dann noch etwas anderes ganz bewuist auf: Der Funk. Als Passagier eines großen Flugzeugs kriegt man davon in der Regel nichts mit, doch über das Headset, welches jeder von uns aufgrund der Lautstärke des Motors etc. trug, bekam ich alles mit. Auf unserem Flug mussten wir mehrmals die Frequenz wechseln. Zuerst standen wir in Kommunikation mit dem Funknetz am Flugplatz in Rothenburg. Bevor wir starteten, mussten wir darüber informieren. Die Person am anderen Ende des Funks, die über Bildschirme den ganzen Flugplatz im Blick hatte, sagte uns dann, ob wir starten konnten oder ob noch ein anderes Flugzeug auf der Bahn war. Nach dem Start mussten wir dann bescheid geben, dass wir die Bahn verlassen hatten, und schalteten im Anschluss auf ein zentrales Funknetz um. Hier wurde der Luftraum eines großen Gebiets beobachtet. So wurde man immer darauf hingewiesen, wenn andere Flugzeuge oder Fallschirmspringer in der Nähe waren. Dabei interessierten uns große Flugzeuge nicht, da diese deuslich höher flofen als wir. Interessant war, dass wir nicht nur an uns gerichtete Informationen, sondern auch die Informationen, die aanderen Flugzaugen galten, mithören konnten. Tatsächlich begegneten uns auf dem Weg ein weiteres Kleinflugzeug und ein paar Fallschirmspringer. Je nach dem, wie weit man fliegt, muss man zwischendurch nochmal die Frequenz umschalten, denn auch die zentraleren Funkstellen beobachten nur einen bestimmten Umkreis. Kurz vor der Landung mussten wir dann wieder auf den regionalen Flugplatzfunk umschalten. Da galt dann wieder die gleiche Prozedur: Erst fragen, ob die Bahn frei ist, dann landen und wieder bescheid geben, wenn wir die Bahn verlassen hatten. Damit auch jedes Flugzeug klar identifiziert werden kann und alle Beteiligten wissen, um wen und was es sich handelt, hat jedes Fluggerät einen Namen. So hieß unser Flugzeug zum Beispiel „Romeo Kilo“. Nachdem wir gelandet waren, rollten wir direkt zur Flugzeug-Tankstelle. Wie auch beim Auto kann man den Motor öffnen und neuen Treibstoff einfüllen. Ich war erstaunt, wie leicht und schnell sich das alles gestaltete. Bevor es für mich wieder nach Hause ging, konnte ich mich noch mit einem Piloten, der große Passagierflugzeuge fliegt, unterhalten. Das war sehr spannend! Viermal im Monat macht er einen Langstreckenflug. Dabei fliegt er beispielsweise mach Tokio (etwa elf Stunden Flugzeit) oder nach Buenos Aires (etwa 13 Stunden Flugzeit). Ich durfte auch ein zweimotoriges Flugzeug anschauen. Das war gleich deutlich größer als die kleine „Romeo Kilo“. Ich freue mich schon darauf, wenn ich mal ein großes Flugzeug anschauen kann. Es war ein aufregendes und sehr spannendes Erlebnis – tja, eine blinde Kopilotin gibt es schließlich auch nicht alle Tage!

vor dem Flugzeug

Anschauen des Flugzeugs

Betrachten des Propellers

im Cockpit

Bahnradfahren in Mannheim

Am Donnerstag, den 21.09.2017, konnte ich eine weitere Form des Radsports ausprobieren.
Um 16.00 Uhr fuhren mein Tandempartner und ich mit dem Renntandem eines Freundes meines Tandempartners nach Mannheim, denn dort gibt es Radrennbahn. Das Renntandem war zunächst etwas ungewohnt für mich. Der Lenker sah anders aus als bei normalen Tandems und befand sich relativ weit vorne, sodass man fast auf dem Tandem lag. Der Sattel war extrem hart, viel härter als ein normaler Tandemsattel. Was zudem beim Fahren nervig war, war die Tatsache, dass die Reifen auf jede winzige Erhebung reagierten. Das hatte zur Folge, dass man Bordsteine oder Unebenheiten auf dem Boden viel extremer wahrnahm als mit anderen Tandems. Auch war man schnell bei Geschwindigkeiten von 30 Stundenkilometern, obwohl man sich eigentlich gar nicht besonders anstrengte. Bei einem Straßentandem ist man da vielleicht bei 18 bis 20 Stundenkilometern. Als wir an der Radrennbahn ankamen, war dort gerade offenes Training, zu dem alle Mitglieder des Vereins kommen konnten. Die Rennbahn gehörte nämlich zu dem Radsportverein RRC Endspurt Mannheim, mit dem meine Schule eine Kooperation starten wollte. Da mein Tandempartner und sein ebenfalls blinder Freund (derjenige, von dem wir das Renntandem ausgeliehen hatten) Mitglied in diesem Verein waren, durfte er auch mit mir auf die Bahn. Die Leute dort nahmen mich sehr offen auf und ich glaube sogar, dass sie sich gefreut haben, dass ich auch mal auf der Bahn fahren wollte. Es gab eine kürzere Innen- und eine längere Außenbahn. Auf der Außenbahn gab es sogar Steilkurven mit einer Steile von bis zu 37 Grad! Am Anfang dachte ich: Wie will man da fahren? Doch letzendlich war es herzlichst unspektakulär, man spürte von der Kurve beim Fahren nämlich so gut wie gar nichts. Auf der Bahn erreichten wir Geschwindigkeiten von über 40 Stundenkilometern. Es war richtig anstrengend, weil man einfach komplett anders auf dem Rad saß, aber sehr spannend. Zwischendurch fuhren wir mit einer Gruppe von anderen Rennfahrern auf Einzelrädern zusammen. Wir sind einfach in die Gruppe dazugestoßen und man hat uns akzeptiert. Das war eine wirklich interessante Erfahrung! Am Ende waren wir noch in der Vereinswerkstatt. Dort gab es alles, was mit Fahrrädern zu tun hatte. Als wir uns wieder aufs Rad schwingen und uns auf den Rückweg machen wollten, fiel uns im letzten Moment noch ein, dass die Kamera vom Filmen unserer Fahrt auf der Radrennbahn noch an der 37 Grad-Steilkurve lag. Wir hatten sie völlig vergessen. Also hatte sie erstens viel zu viel aufgenommen und war sogar ein bisschen warm. Aber wir waren froh, dass wir noch rechtzeitig gemerkt hatten, dass sie noch da lag und sie mitnahmen.
Gegen 20.30 Uhr war ich wieder im Internat. Es war ein spannendes Erlebnis. So ist Rennradfahren ziemlich anstrengend, andererseits aber auch mit einem ganz besonderen Gefühl verbunden – wenn sich eine Gelegenheit ergeben sollte, so bin ich selbstverständlich wieder dabei!
Übrigens: Es gibt auch ein kurzes Video von der Aktion. Schaut doch einfach auf meinem Youtube Kanal vorbei!

Weltkindertag 2017 – Kindern eine Stimme geben

Eigentlich wollte ich genau heute eine soziale Aktion durchführen, genau heute, aber irgendwie hatte ich es dann vergessen und plötzlich fiel mir das letzten Freitag im Unterricht ein und ich dachte: Oh, das ist jetzt aber etwas  spät …! Tja, und da blieb mir  nichts anderes, als auf eine Aktion zu verzichten – aber auf den Anlass für diese Aktion aufmerksam machen kann ich Dich, damit Du daran denkst und wenigstens sagen kannst, dass es Dir gesagt wurde.

Ich weiß nicht, warum dieser Tag ausgerechnet an meinem Geburtstag stattfindet, aber dafür kann ich es mir gut merken – und irgendwie muss ich ja sagen: Er passt zu mir. Hast Du schon mal etwas vom Weltkindertag gehört? Er findet jedes Jahr am 20. September statt, an meinem Geburtstag. Jedes Jahr rufen das Deutsche Kinderhilfswerk und das Kinderhilfswerk UNICEF dazu auf, auf Kinderrechte aufmerksam zu machen und darüber aufzuklären, unter welchen Bedingungen die Kinder in den verschiedenen Ländern leben. Unter dem Motto „Kindern eine Stimme geben“ geht es dieses Jahr darum, mehr Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder zu schaffen. Kinder sind die Zukunft  unserer Welt, und deshalb brauchen auch sie Gelegenheiten, ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen, in Schulen und Kindergärten/Kindertagesstätten, in Jugendzentren und Vereinen, in Städten und Gemeinden, aber auch auf Landes- und Bundesebene. Da Kinder nicht an der Bundestagswahl teilnehmen dürfen, appellieren UNICEF und das Deutsche Kinderhilfswerk an die Parteien, die Interessen von Kindern und Jugendlichen in ihre Wahlprogramme aufzunehmen und in der Umsetzung ihrer Politik zu berücksichtigen. Die Hauptveranstaltung des diesjährigen Weltkindertages fand bereits am 17. September in Berlin statt, aber auch in anderen Städten und Gemeinden gibt es zahlreiche Aktionen. So wird zum Beispiel in Freiberg in Sachsen für Kinderrechte gerappt. Manche Aktionen finden auch am Wochenende vor oder nach dem Weltkindertag statt.

Falls Du Dich fragst, wie der Weltkindertag überhaupt entstanden ist, dann will ich Dir diese Frage gerne beantworten. Am 21. September 1954 traf sich die neunte Vollversammlung der Vereinten Nationen und empfahl ihren Mitgliedsstaaten, einen Weltkindertag zu veranstalten. Die Ziele waren, sich für Kinderrechte einzusetzen, die Freundschaft unter den Kindern und Jugendlichen zu fördern und die Regierungen zu verpflichten, einmal im Jahr das Kinderhilfswerk UNICEF zu unterstützen. Damit griffen die Vereinten Nationen einen Vorschlag der amerikanischen Organisation „international union for child welfare“, welche bereits 1952 die Einführung eines Weltkindertages forderte, auf. 1954 war der Weltkindertag geboren und schon damals beteiligten sich rund 40 Länder daran. Inzwischen wird er in mehr als 145 Staaten gefeiert. Die Umsetzung sowie das Datum stellte die Generalversammlung den UN-Mitgliedsstaaten frei – und Deutschland entschied sich für den 20. September. Dabei wird der Tag jedes Jahr unter einem anderen Motto gefeiert. Das diesjährige Motto „Kindern eine Stimme geben“ passt prima zur vier Tage später stattfindenden Bundestagswahl. Neueste Umfragen zeigen, dass sich über die Hälfte der Kinder und Jugendlichen politisch einbringen möchten – und nicht zuletzt deshalb, weil die Kinder die Generation der Zukunft sind, ist es wichtig, dass auch sie gehört werden. Nicht ohne Grund zählt zu den Kinderrechten auch das Recht auf Beteiligung, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe oder Religion.

Wie gesagt, ich bin leider zu spät dran  gewesen, sodass ich keine eigene Aktion mehr starten konnte. Aber hört die Meinungen und Einstellungen der Kinder an, akzeptiert sie und habt Verständnis dafür – und gebt die Botschaft weiter: Die Meinung der Kinder ist wichtig. Lasst uns ihnen deshalb gemeinsam eine Stimme geben!

Mehr Infos rund um den Weltkindertag findet ihr hier:

www.weltkindertag.de