Triathlon mit Blindheit

Seit April 2013 trainieren sportbegeisterte blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler mit dem Heart Racer Team, einem Triathlonverein für sehende Sportlerinnen und Sportler, gemeinsam den Triathlonsport. Zwar bin ich inzwischen diesbezüglich nicht mehr aktiv, dennoch möchte ich von meinem letzten Wettkampf erzählen.

Sonntagmittag, Tiergartenschwimmbad Heidelberg: Alles sieht nach einem ganz normalen Triathlon aus – doch das stimmt nicht ganz, denn unter den Teilnehmern sind auch Sportlerinnen und Sportler mit Seheinschränkung.

Zunächst mal heißt es: Wettkampfanzug anziehen, Wechselzone einrichten, mit dem Guide letzte Kleinigkeiten abklären, aufwärmen – alles muss durchgeplant und geordnet sein, schließlich muss es später schnell und möglichst ohne Fehler ablaufen. Da muss man natürlich vorher den Sattel des Tandems auf die richtige Höhe einstellen, die Startnummer abholen usw. – es wurde nicht umsonst gesagt, man solle eineinhalb Stunden vor dem Wettkampf da sein. Gerade für mich als blinde ist Ordnung wichtig. Schließlich muss ich nachher alles schnell und sicher finden: Handtuch, Turnschuhe, Fahrradhelm, Startnummer, Tandem …

Endlich! Alles ist eingerichtet und ich gehe mit meinem Guide zur Abschlussbesprechung. Ich starte in der Startklasse Schüler A, zusammen mit rund 45 weiteren Teilnehmern. Hier werden nochmal alle Regeln erklärt, wie zum Beispiel, das man erst bei der Linie auf dem Boden aufs Rad steigen darf und dort auch wieder absteigen muss. Danach gehen die Jungs an den Start, zehn Minuten später sind die Mädels dran. Dennoch gehe ich schon ins Wasser des Tiergartenschwimmbads – ganz schön kalt! Aber mein Triathlonanzug hält die Kälte gut ab. Ich spüre sie nur dann, wenn ich meinen Kopf ins Wasser lege. Mein Triathlonanzug ist eben gleichzeitig auch ein Neoprenanzug. Wenn ich gleich schwimme, wird mein Guide am Beckenrand entlang laufen und mir die Richtung ansagen, damit ich nicht schräg schwimme. Die Guides sind Erwachsene, die gerne Sport machen und ehrenamtlich die blinden und sehbehinderten Kinder und Jugendliche auf ihren Wettkämpfen und im Training begleiten. Jeder hat seinen eigenen Guide, sodass beim Ansagen keine Verwechslungen passieren können. Außerdem gehört zu einem Triathlon auch Vertrauen dazu, schließlich wäre ein Triathlon ohne sehende Unterstützung nicht möglich. Noch ein paar Sekunden, dann ertönt das Startsignal für die Mädels. Ich schwimme los, genau wie alle anderen Teilnehmerinnen. Wir sind zwar auf acht verschiedene Bahnen verteilt, dennoch muss man aufpassen, dass man niemanden über den Haufen schwimmt. Zum Glück schwimme ich auf der Außenbahn, wo mein Guide gut am Beckenrand entlanglaufen und mir Anweisungen geben kann.

Nach zweimal 50 Metern springe ich aus dem Wasser und renne mit meinem Guide in die Wechselzone. Dort heißt es Schuhe (und evtl. Strümpfe) anziehen, Helm aufsetzen, Startnummer umhängen, sich am Tandem festhalten und mit diesem bis zur Aufsteig- bzw. Absteiglinie rennen. Auf Rädern habe ich eine Distanz von sechs Kilometern zu absolvieren. Der Wind weht mir ins Gesicht, im Laufe des Rennens überholen wir einige Räder und als ich radtechnisch fertig bin, ist mein Triathlonanzug schon fast wieder getrocknet.

Nach dem Absteigen an der Linie, dem Abstellen des Rades und dem Abziehen des Helms geht es zur letzten Etappe auf die 1,4 Kilometer lange Laufstrecke. Dabei nehmen mein Guide und ich ein Laufseil zur Hilfe, an dessen einem Ende mein Guide anfasst und an dessen anderem Ende ich anfasse. So kann der Guide mich besser lenken und sich trotzdem gut meinem Tempo anpassen. Dabei teilt der Guide mir auch mit, wenn wir eine Kurve machen, sich der Bodenbelag ändert oder eine Stufe kommt. Zudem gibt er mir immer wieder einen Überblick, wie weit es noch ungefähr bis zum Ziel ist. So kann ich mir die Kraft besser einteilen und mich am Ende perfekt auf den Zielsprint fokussieren.

Rund 34,5 Minuten habe ich gebraucht, um das Ziel zu erreichen. Damit war ich zwar drittletzte, aber dennoch: Ich hatte es geschafft. Freudig reiße ich die Arme hoch und nehme mein Finisher-Shirt entgegen, das jeder Teilnehmer, der ins Ziel kommt, erhält. Was für eine Entwicklung! 2013, als ich meinen ersten Triathlon machte, nahm ich noch in einer Staffel teil. Da hatte ich noch Probleme mit meiner Schwimmtechnik und war nach dem Laufen ganz schön erschöpft, obwohl das Schwimmen und Radfahren von zwei Kameraden übernommen wurde. Mein erster eigenständiger Triathlon 2015, bei dem ich erstmals alle Disziplinen in Kombination machte, ging ziemlich schief und ich dachte schon fast, dass mir der Triathlonsport einfach nicht liegt. Nicht zuletzt auch aufgrund von Zeitgründen beschloss ich, meine diesbezügliche Tätigkeit zu beenden – und ich tat es mit einem für mich erfolgreichen Wettkampf.

Der Triathlonsport ist ein gutes Beispiel dafür, was als blinde Person möglich ist, wenn die Kommunikation zwischen blinden und sehbehinderten Menschen und ihrer sehenden Unterstützung funktioniert. und man sich gegenseitig mit Respekt und Wertschätzung begegnet. Jeder Mensch muss den Triathlonsport erst erlernen, auch Sehende können es nicht von Anfang an. Blinde können so etwas genauso machen, nur brauchen sie eben spezielle Unterstützung – doch die Leistung erbringen letzentlich immer noch sie selbst.