Wie blinde Musiker mit Schwarzschriftnoten umgehen

Immer wieder komme ich mit sehenden Musikern ins Gespräch. Nicht selten kommt irgendwann die Frage: „Kennst du …?“ Manche der gefragten Liedtitel kenne ich, andere allerdings nicht. Insofern ich die Lieder nicht kenne, kommt oft folgendes: „Okay, dann gebe ich dir mal die Noten …“

Nun dürfte aber das Problem schon erkennbar sein: Schwarzschriftnoten und eine blinde Musikerin passen eindeutig nicht zusammen. Was also tun?

Also, da gibt es mehrere Möglichkeiten. Ich könnte die Schwarzschriftnoten mit einem speziellen Programm in Blindennoten umwandeln. Das ist eine spezielle Form der Punktschrift, die sogenannte Blindennotenschrift. Es gibt spezielle Kurse, in denen blinde Menschen dieses System erlernen können. Zudem gibt es Lehrbücher in Blindenschrift, in denen man langsam und mit vielen praxisnahen Übungen an die Zeichen (eine Kombination aus Buchstaben, Zahlen, Sonderzeichen und speziellen Musiksymbolen) herangeführt wird. Im Grunde genommen ist die Idee, eine spezielle Notenschrift für blinde zu entwickeln, nicht allzu schlecht. Doch das Arbeiten damit ist ziemlich aufwendig. Während ein sehender die Noten vor sich liegen hat und diese parallel zum Spielen des Instruments lesen kann, muss ein blinder zunächst die Noten lesen, analysieren, was das praktisch bedeutet, die Noten auswendig lernen – und erst dann kann er sie nachspielen. Bei klassischen, langen oder sehr komplizierten Stücken ist das eine sehr gute Methode, da diese Stücke nicht so einfach nach Gehör erlernt werden können. Doch nicht zuletzt ist diese umständliche Herangehensweise an ein Stück bei der Verwendung der Blindennotenschrift ein Grund dafür, dass sehr viele blinde Musikstücke nach Gehör erlernen.

Sicherlich nicht ohne Grund haben sehr viele blinde Musikerinnen und Musiker (mich eingeschlossen) ein absolutes Gehör, können also jeden Ton exakt erkennen, die Tonhöhe genau bestimmen und die einzelnen Töne selbst dann noch heraushören, wenn mehrere Töne gleichzeitig gespielt werden. So fällt es Absoluthörern in der Regel sehr leicht, Lieder nachzuspielen. Ich kann zum Beispiel viele Lieder spielen, die ich nie gelernt, sondern einfach immer wieder im Radio gehört habe und mir, obwohl ich während dem Musikhören noch etwas anderes gemacht habe, unterbewusst eingeprägt habe. Wenn ich mich gut konzentriere, kann ich meine Ukulele auch ohne mein Keyboard oder E-Piano stimmen, weil ich die genaue Tonhöhe im Ohr habe. Absoluthörer können auch sehr leicht ein Lied in einer anderen Tonart, also höher oder tiefer, spielen, ohne lange über die Tonfolgen der Melodie und die dazugehörige Begleitung nachdenken zu müssen.

Aber zurück zu unserem Ursprungsthema. Ich habe also mein Notenblatt in Schwarzschrift vor mir liegen. Ich könnte das jetzt mit dem Spezialprogramm einscannen oder es von der Blindenbibliothek in Leipzig in Blindennotenschrift übersetzen lassen, aber eigentlich habe ich überhaupt keine Lust auf diese zähe Lernprozedur. Ich würde doch viel lieber das Stück nach Gehör lernen. Doch lassen sich Schwarzschriftnoten und Gehör vereinbaren?

Ja, ich könnte meinen Klavierlehrer fragen, ob er mir das Lied einmal vorspielen könnte. Ich könnte das Notenblatt und mein Diktiergerät zum Klavierunterricht mitnehmen und das Lied aufnehmen, wenn mein Klavierlehrer es spielt. Aber eigentlich will ich ja eigenständig sein. Jetzt würden viele sehende sagen: Man kann nun mal nicht alles alleine machen. Manchmal braucht man als blinde Person einfach sehende Unterstützung – aber es muss doch eine Möglichkeit geben, unabhängig von sehender Hilfe ein Lied zu lernen!

Keine Sorge, es gibt noch eine weitere Möglichkeit, den „NoteReader“. Das ist eine App, die, zumindest auf dem iPhone, auch als blinde Person problemlos zu bedienen ist und nach dem Prinzip der Texterkennung funktioniert. Bei Texterkennungs-Apps wie dem KNFB-Reader wird der Text mit der iPhone-Kamera abfotografiert und nach kurzer Wartezeit von der Sprachausgabe des Handys vorgelesen. Die blinde Person kann den in der App erkannten Text sogar per Mail versenden, um ihn zum Beispiel am Computer öffnen zu können. Jetzt könnte man denken: Text abfotografieren als blinde? Aber wenn man das einmal gelernt hat, ist das kein Problem. Der NoteReader arbeitet ganz genauso. Man fotografiert das Notenblatt ab,  wartet kurz – und schon kann man sich das Lied anhören und sogar als Audio-File abspeichern. Leider haben die Notenerkennungs-Apps (es gibt noch einige andere Programme, jedoch finde ich den NoteReader am besten) manchmal Schwierigkeiten bei der Erkennung der Noten, insbesondere bei mehrstimmigen Stücken, oder sie kommen mit dem Rhythmus durcheinander. Dann macht das Gehörte nicht unbedingt Sinn. Aber Musiker, die nach Gehör lernen, merken die Fehler in der Regel recht schnell und erkennen das Problem.

Und wenn dann doch einmal gar nichts mehr hilft, dann erfragt man eben doch den Liedtitel und hört sich das Lied auf YouTube an – eine Lösung findet man immer.