Wie Weihnachten Kinder erwachsen macht – Kapitel 1

Es war wie jedes Jahr. Sobald man in Richtung des Dorfes kam, wurde man mit schneebedeckten Gassen konfrontiert, in denen Autofahren kaum möglich war. An den Häusern strahlte schon seit Wochen die Weihnachtsdekoration. Im Supermarkt gab es Weihnachtsmänner aus Schokolade und Weihnachtskarten in verschiedenster Ausführung. In den Bussen konnte man Fahrkarten zum Sonderpreis kaufen. Alles war wie immer. Auch bei Familie Kaschnitz. Ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, Kerzen auf dem Tisch, Weihnachtsplätzchen von der Oma, das Weihnachtskonzert am Weihnachtsabend – alle wussten, was als nächstes passieren würde, und man konnte im Prinzip schon vorab vom kommenden Weihnachtsfest berichten. Doch dieses Jahr sollte es anders sein.
Familie Kaschnitz war an sich eine ganz normale Familie. Die Mutter war alleinerziehend und lebte gemeinsam mit ihren vier Kindern in einer kleinen Wohnung. Die vier Kinder, das waren Hannah, Jannis, Peter und Kristina, waren eigentlich recht wohlerzogene, freundliche und gesunde Kinder, lediglich Kristina war seit ihrer Geburt blind. Die Blindheit war ein Problem in der Familie. Die Mutter traute ihrer Tochter nichts zu. Obwohl sie schon 16 Jahre alt war, durfte sie noch immer keinen Weg alleine gehen, besaß keine altersangemessene Kleidung und wurde nicht ernst genommen. Auch ihr Handy hatte sie nur auf Drängen der Lehrer bekommen. Lediglich ihre musikalischen Fähigkeiten hatte man akzeptiert, doch ansonsten hatte sie es sehr schwer. Dabei besuchte sie sogar eine Schule speziell für blinde Menschen, wo sie lernte, wie man sich als blinde Person in der Öffentlichkeit verhält, alleine lebt und von A nach B kommt. Kristina war sehr gut in der Schule und lernte alles sehr schnell, doch was brachte dieses Wissen, wenn selbst die Lehrer ihre Mutter nicht davon überzeugen konnten, dass Kristina trotz ihrer Blindheit alleine zurechtkommt und sie somit in ihrer Heimat nicht die Möglichkeit bekommt, sich auszuprobieren und endlich erwachsen zu werden?
Wenigstens einen Freund hatte sie im Laufe der Jahre gefunden. Sie hatte gerade Mobilitätsunterricht und lernte, sich im Einkaufszentrum nahe der Schule zu orientieren, da stand er plötzlich vor ihr: Jona. Jona war seit vielen Jahren obdachlos, da er nie eine Arbeit gefunden hatte. Er schlief unter Brücken oder, wenn es besonders kalt war, in einem Haus der örtlichen Obdachlosenhilfe, und aß das, was günstig war – und das 365 Tage im Jahr. Da war auch der Weihnachtstag keine Ausnahme. Jedes Jahr erinnerte er sich aufs Neue an die Weihnachtsfeiern mit seinen Eltern und Geschwistern, wie sie alle vor dem Ofen saßen und darauf warteten, dass die Weihnachtsgans fertig gebraten hatte und sein Vater die Kerzen des Weihnachtsbaums anzündete. Dann erstrahlte der ganze Raum in weihnachtlicher Pracht, und sie saßen beisammen und aßen, und Geschenke gab’s natürlich auch, und spät abends ging es dann noch in die Christmesse, ob man wollte oder nicht. Jona vermisste diese Zeit. Nun war er immer alleine, wurde nicht beachtet, ging zwar in die Kirche, fand aber auch dort keinen weihnachtlichen Frieden. Doch dieses Jahr sollte alles anders werden.
Kristina wusste von der Einsamkeit Jonas und wollte ihm helfen. Vielleicht, so dachte sie, könnte sie ihn ja zu ihrer Familie einladen. Aber ihre Familie würde es nicht erlauben, und vor allem musste sie ihn abholen, denn er sollte das Haus nicht allein finden müssen, jedoch würde ihre Mutter sie unter keinerlei Umständen alleine losziehen lassen, weswegen sie wohl zu Hause und Jona alleine auf der Straße Weihnachten feiern musste – oder gab es doch eine Möglichkeit?
Es gab eine andere Möglichkeit: Kristina könnte heimlich das Haus verlassen. Doch war das den anderen Familienmitgliedern gegenüber fair? Ihre Mutter würde sofort ein Suchkommando der Polizei alarmieren. Doch hatte sie nicht auch ein Recht, erwachsen zu werden? War die Blindheit denn so ein riesiges Problem, dass sie nicht fähig war, ein ganz gewöhnliches Leben zu führen? Eigentlich war ihre Mutter doch von Vorurteilen über Menschen mit Behinderung besessen, und sicherlich konnte man nicht auf sie sauer sein. Woher sollte sie wissen, dass blinde Menschen genauso erwachsen werden konnten wie Menschen ohne Behinderung, wenn sie noch nie einen Blinden außer Kristina gesehen hatte? Eigentlich, so dachte das Mädchen, müsste man die Mutter mal vor vollendete Tatsachen stellen, und bot die Weihnachtsüberraschung für Jona nicht die perfekte Möglichkeit dazu? Eigentlich ja schon. Und so beschloss Kristina, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Am Morgen des Weihnachtsabends, als ihre Mutter gerade mit Hannah einkaufen ging und die beiden Brüder sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatten, zog Kristina ihre dicken Prinzessinnen-Winterschuhe an, mummelte sich in ihre warme rosa Felljacke ein, griff nach ihrem Blindenstock und trat auf die schneebedeckte Straße hinaus.