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Wie Weihnachten Kinder erwachsen macht – Kapitel 2

Posted in Adventskalender 2017

Die Bushaltestelle war direkt um die Ecke, so nah, dass Kristina sie auf Anhieb fand, obwohl ihre Mutter ihr den Weg noch nie erklärt hatte. „Fröhliche Weihnachten, Kristina“, grüßte der Busfahrer – tja, in so einem kleinen Dorf kennt eben jeder jeden – und führte sie zu einem Sitzplatz. Die Fahrt zum nächstgelegenen Bahnhof dauerte eine knappe halbe Stunde. Als sie gerade aus dem Bus aussteigen wollte, drehte der Busfahrer sich noch einmal zu ihr um und fragte: „Seid wann bist du eigentlich alleine unterwegs? Ich dachte, deine Mutter erlaubt das nicht!“ „Sie erlaubt es auch nicht“, antwortete Kristina, „Aber ich bin jetzt erwachsen.“

Am Bahnhof zog sie ihr Handy aus der Tasche und suchte im Internet nach einer passenden Zugverbindung. Anschließend lief sie die Treppe zum Bahnsteig hinauf und als der Zug gehalten hatte, stieg sie ein und suchte sich einen Sitzplatz. „Ja, sag mal“, hörte sie plötzlich eine Stimme, „Hat deine Mutter dir immer noch keine gescheiten Klamotten gekauft?“ „Nein, Frau Sanders, sie hat leider immer noch nicht kapiert, dass ich inzwischen 16 Jahre alt bin“, antwortete Kristina, „dabei würde ich so gerne endlich erwachsen werden.“ Frau Sanders kannte Kristina schon seit ihrer Geburt. Sie wohnte direkt nebenan und hatte früher öfter auf sie aufgepasst, als sie noch nicht im Internat wohnte. „Deine Mutter ist so unmöglich“, sagte Frau Sanders und ließ sich auf den Sitz neben Kristina fallen, „Fährst du auch in die Stadt?“ Kristina nickte. „Dann gibt es für dich heute ein paar schöne Kleider als Weihnachtsgeschenk“, sagte Frau Sanders entschlossen, „Es wird höchste Zeit, deiner Mutter mal auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen.“

Am Hauptbahnhof der Stadt angekommen, fuhren Frau Sanders und Kristina mit der Straßenbahn in die Einkaufszone. Überall hörte man Weihnachtsmusik, in den Schaufenstern sah man überall Glitzer und Glanz und der Weihnachtsmarkt lockte mit dem Duft nach gebrannten Mandeln. Frau Sanders lief zielstrebig auf ein Kleidungsgeschäft zu, warf einen kurzen Blick auf verschiedene Kleiderständer und holte nach kaum mehr als einer Minute eine schwarze Hose aus dem Kleiderhaufen. „Die brauchen wir auf jeden Fall“, sagte sie. In den folgenden Minuten kamen noch ein rotes Sweatshirt und ein grauer Pullover hinzu. „Das ist zwar nicht viel, aber fürs erste reicht es“, sagte Frau Sanders, bezahlte und verabschiedete sich.

Kristina beschloss, ihre neuen Sachen direkt anzuziehen. Sie ließ sich in einer Gaststätte zur Toilette führen und wechselte dort ihr Outfit – die Sachen passten perfekt! Jetzt musste sie nur noch Jona finden…

Suchend lief sie durch die überfüllten Straßen. Normalerweise hielt sich ihr Freund in der Nähe des Einkaufszentrums nahe ihrer Schule auf, das wusste sie. Also ließ sie sich von ihrem Handy zurück zur Straßenbahnhaltestelle navigieren, fuhr mit der Straßenbahn zum Friedrichsplatz, in dessen Nähe sich ihre Schule befand, und lief zielstrebig den für sie altbekannten Weg zum Einkaufszentrum – doch es gab ein Problem: Woher sollte sie wissen, wo Jona war? Sie hätte ja niemanden fragen können, da sie nicht wusste, wie er gekleidet war. Immer wieder lief sie vor dem Einkaufszentrum hin und her, eilte zwischen den Geschäften herum, blieb stehen, lauschte auf Jonas Stimme, rief seinen Namen – aber sie konnte ihn nicht hören und er bemerkte sie offensichtlich auch nicht. Ob er heute wohl woanders war, ausgerechnet heute, dem Weihnachtsabend, wo Kristina ihm so eine tolle Überraschung machen wollte? Vielleicht wollte er auch nichts mehr mit ihr zu tun haben und ignorierte sie absichtlich. Doch warum sollte er das tun? Die beiden hatten ein äußerst gutes Verhältnis zueinander. Kristina wusste es nicht. Sie konnte nur suchen und abwarten. Irgendwann merkte Kristina, wie das Einkaufszentrum leer wurde. Die Geschäfte schlossen nach und nach ihre Türen und langsam setzte die Dämmerung ein. Bald, das wusste Kristina, müsste sie zurückfahren. Aber wo war Jona? Er musste doch irgendwo sein!