Wie Weihnachten Kinder erwachsen macht – Kapitel 3

Kristina zuckte zusammen, als sie plötzlich angesprochen wurde. „Entschuldigung, aber ich sehe Sie schon den ganzen Nachmittag herumirren“, sagte eine Männerstimme, „brauchen Sie Hilfe?“

„Jona, bist du das?“, fragte Kristina, der die Stimme sehr bekannt war.

„Ja“, antwortete er, „aber woher kennen Sie mich?“

„Ich bin Kristina“, sagte Kristina leise, „und ich habe den ganzen Nachmittag auf dich gewartet.“ Da wurde Jona still und traurig.

„Oh“, sagte er gerührt, „das tut mir leid. Ich habe dich schon lange gesehen, dich allerdings nicht erkannt. Du siehst irgendwie so anders aus. Du bist nicht mehr das kleine blinde Mädchen, das ich kenne, sondern eine souveräne Frau, die gleichberechtigt mit den sehenden lebt.“

„Ich habe die Kleidung von meiner Nachbarin geschenkt bekommen“, erklärte Kristina, „und jetzt wollte ich dich abholen, um mit dir zu mir nach Hause zu fahren, damit du mit mir und meiner Familie gemeinsam Weihnachten feiern kannst und den Weihnachtsabend nicht wieder alleine auf der Straße verbringen musst.“

Da stiegen Jona die Tränen in die Augen, und er nahm Kristinas Hand und sagte zu ihr: „Das wäre nicht nötig gewesen, aber es ehrt mich sehr, dass du an mich gedacht hast.“

Sie fuhren mit der Straßenbahn zum Bahnhof zurück und gingen in die Bahnhofshalle hinein. „Gleich fährt ein Zug in unsere Richtung“, sagte Kristina und lief zielstrebig auf den Bahnsteig.

„Bist du eigentlich noch im Internat?“, fragte Jona, als die beiden an der Bushaltestelle standen und auf den Bus warteten.

„Na klar. Aber jetzt habe ich Weihnachtsferien und da bin ich daheim“, antwortete Kristina.

„Aber deine Mutter erlaubt dir doch nicht, alleine loszuziehen“, wandte Jona ein.

„Da hast du recht“, erwiderte Kristina, „aber erstens bist du mir wichtiger als diese bescheuerte Regel und zweitens bin ich jetzt erwachsen.“

Der Bus kam. Kristina und Jona stiegen ein. Was würde wohl die Mutter sagen, wenn die beiden auf einmal vor ihr standen? Langsam wurde Kristina aufgeregt und das steigerte sich, je näher sie dem Haus kamen.

Als die beiden aus dem Bus ausstiegen, hörten sie als erstes das Brummen eines Hubschraubers. Außerdem erblickte man im Laufe des Weges immer wieder Scheinwerfer von Polizeiautos, die sich durch die verschneiten Straßen kämpften. Das Dorf war äußerst belebt und die Menschen standen an den Fenstern ihrer Häuser, um zu sehen, was passiert war. Auch Kristina und Jona fragten sich, was das hohe Polizeiaufgebot für einen Hintergrund hatte, doch sie blieben nicht stehen. Sie mussten zu Kristinas Familie. So führte Kristina ihren Freund zielstrebig auf die Haustür zu und klingelte. Es dauerte eine Weile, dann öffnete ihre Mutter die Tür.

„Guten Abend“, sagte Kristina höflich, „entschuldigung, dass ich einfach das Haus verlassen habe, ohne dir oder meinen Geschwistern Bescheid zu sagen, aber es hatte einen Grund. Ich habe einen guten Freund, Jona. Er ist obdachlos und hat kein Zuhause. Seit Jahren feiert er Weihnachten auf der Straße. Kannst du dir das vorstellen? Er hat keine Freunde, keine Weihnachtsgans, keine Kerzen, keinen Tannenbaum – er muss sogar oft draußen schlafen, obwohl es so kalt ist. Selbst Maria und Joseph, die in ziemlicher Not waren, wie sie am Weihnachtsabend in Bethlehem ankamen, konnten in einem Stall Unterschlupf finden. Kannst du dir vorstellen, dass er zwar jedes Jahr an das Weihnachtsfest seiner Kindheit zurückdenkt, aber genau weiß, dass er so etwas möglicherweise nie wieder erleben wird? Ich kann es und finde es schrecklich. Jeder sollte das Recht auf ein Weihnachtsfest in Frieden und Gemeinschaft haben, auch solche Menschen, die auf der Straße leben. Also habe ich ihn dieses Jahr zu mir eingeladen, ganz spontan, als Weihnachtsüberraschung, und bin mit Bus und Zug in die Stadt gefahren und habe ihn abgeholt, und da du mir das niemals erlaubt hättest, habe ich es geheim gemacht. Mama, ich bin 16 Jahre alt, ich bin kein Kind mehr! Ach, die neuen Klamotten sind übrigens das Weihnachtsgeschenk von Frau Sanders. Wir haben uns zufällig im Zug getroffen und da sind wir noch kurz einkaufen gegangen. Sieht doch schön aus, oder? So richtig erwachsen. Mama, es tut mir sehr leid. Ich weiß, dass du dir unglaubliche Sorgen gemacht hast. Aber du möchtest doch auch, dass ich später einen Job finde, oder? Gerade dann, wenn man eine Behinderung hat, muss man überzeugen – und dafür muss man erwachsen auftreten. Es tut mir leid, aber das gehört zum Leben dazu. Der Weihnachtsabend und die gute Tat für Jona gaben mir einfach den perfekten Anlass, um viele Sachen auf einmal zu verdeutlichen und gleichzeitig etwas Gutes für einen anderen Menschen zu tun.“

Im Laufe des Berichts war ein Polizist aus dem Wohnzimmer getreten und auch Kristinas Geschwister hatten sich an der Haustür versammelt. Keiner sagte etwas, nur die Mutter schlug die Hände vors Gesicht. Kristina korrigierte noch einmal ihre Körperhaltung und sah ihren Zuhörern nun direkt in die Augen.

„Natürlich will ich, dass du arbeitest und Geld verdienst“, sagte die Mutter schließlich.

Dann meldete sich der Polizist zu Wort: „Wir sind mit einem Großaufgebot auf die Suche nach dir gegangen, junge Frau. Wir haben alle Beamten des Ortes und des Nachbarortes, einen Hubschrauber und fünf Hunde mobilisiert. Wir sind sogar schon mit einem Motorschlitten und zwei Rettungshunden den Berg hinauf gefahren, weil wir dachten, du wärst vielleicht einen Abhang hinabgestürzt und hättest dich verletzt. Es ging um Leben und Tod, junge Frau, und 90 Prozent der Truppe hätten heute eigentlich nicht gearbeitet. So ein Verhalten ist einfach nur respektlos gegenüber uns und vor allem gegenüber deiner Mutter, und eigentlich müssten wir von dir für unsere stundenlange Arbeit bezahlt werden. Aber jetzt wollen wir an Weihnachten mal nicht so streng mit dir sein, denn natürlich hast du ein Recht darauf, erwachsen zu werden, und einen Obdachlosen würde auch nicht jeder zu sich einladen. Ganz nebenbei siehst du mit deiner Kleidung wirklich sehr erwachsen aus, und nicht nur das, dein Auftreten ist wirklich unglaublich, da vergisst man fast, dass du blind bist.“

Dann griff er nach seinem Funkgerät, gab seinen Kollegen Bescheid, dass die vermisste Person aufgetaucht war, und führte Kristina an ihren verwirrten Geschwistern und ihrer weinenden Mutter vorbei ins Wohnzimmer.