Ausbildung inklusiv – die ersten Monate

Wie Ihr spätestens durch meinen Aufruf bezüglich der benötigten Arbeitsassistenz mitbekommen habt, habe ich im September meine Ausbildung zur Verwaltungswirtin am Regierungspräsidium Karlsruhe begonnen. Nun möchte ich mal ein kleines Resumé der letzten Monate ziehen und Euch erzählen, wie ich meinen Alltag bewältige.

Vorab: Vielen Dank, dass Ihr mein Gesuch so fleißig geteilt habt! Es hat sich tatsächlich eine junge FSJ-Interessierte gemeldet, die in meiner dritten Ausbildungswoche ihren Freiwilligendienst bei mir begann und mich seither großartig unterstützt!

Alles neu
Als ich meinen ersten Arbeitstag hatte, war ich ziemlich aufgeregt. Immerhin war es für mich eine komplett neue Erfahrung, in eine Gruppe Sehende integriert zu werden und gleichberechtigt eine ganz gewöhnliche Ausbildung zu absolvieren, nachdem ich bislang durchgehend eine Sonderschule besucht hatte. Dort war das Arbeitstempo deutlich niedriger und alle Unterlagen wurden uns sofort barrierefrei zur Verfügung gestellt, wir hatten einen Computerarbeitsplatz im Klassenzimmer und unsere kleine Klasse von zehn Leuten ermöglichte ein sehr individuell abgestimmtes Lernen. Aus Erzählungen wusste ich, dass in der Inklusion dahingehend einiges auf mich zukommen würde …

Ganz viele Anträge
Dem Ausbildungsbeginn waren diverse organisatorische Dinge vorausgegangen. Hilfsmittel mussten beantragt werden, zudem benötigte ich die Assistenz, die auch gesucht werden musste, und Mobilitätsunterricht, um die Ausbildungswege zu lernen. Für all das brauchte ich eine Kostenzusage eines Kostenträgers (in meinem Fall des Kommunalverbands für Jugend und Soziales), um nicht selbst zahlen zu müssen. Wie gut, dass ich durch mein FSJ als „Brücke“ zwischen Schule und Ausbildung keinen Lerndruck und viel Zeit hatte! Nicht zuletzt gab es bei mir dahingehend auch keinerlei Probleme.

Hilfsmittel und ihre Grenzen
Zu meiner Hilfsmittelausstattung gehören ein Laptop mit Screenreader, eine Braillezeile und die „Pearl“ (eine Kamera zur Texterkennung) sowie diverse Programme wie das Texterkennungsprogramm „Openbook“, das mit der Kamera kooperiert. Diese Ausstattung ermöglicht es mir, weitgehend selbstständig zu arbeiten. E-Mails schreiben, im Internet recherchieren und die Arbeit mit Word und Excel sind sehr gut machbar, weshalb ich insbesondere im ersten Praxisblock viel Zeit dahingehend investierte, mich mit den Gesetzen, die für meine Tätigkeiten erforderlich sind, auseinanderzusetzen und verschiedene Fallbeispiele dazu zu lösen. Zudem schrieb ich Merkblätter zu verschiedenen Themen, Artikel für die hausinterne Zeitung und zahlreiche E-Mails. Auch das Eintragen von Daten in Tabellen war kein Problem für mich. Im zweiten Praxisblock führte ich manche Verwaltungsgänge nahezu eigenständig unter Einhaltung der entsprechenden Gesetze und Formalitätsregeln aus. Schwierig wurde es erst dann, wenn es vorgefertigte Formulare auszufüllen galt. An sich sind solche Vorlagen super, weil Adressat, Absender o.Ä. schon an den richtigen Stellen stehen, wenn man richtig einträgt und man nichts mehr optisch anpassen muss. Allerdings können solche Formulare auch ganz schön herausfordernd sein, beispielsweise dann, wenn Auswahlfelder nur mit der Maus anklickbar sind oder manche Dinge von der Sprachausgabe nicht zuverlässig vorgelesen werden. Das Paradebeispiel war ein Formular, bei dem manche Eingabefelder vom Screenreader noch nicht einmal erkannt wurden und – navigierte mich die Assistenz dann hinein – dieser nicht nur sich selbst, sondern auch das ganze Microsoft Word zum Absturz brachte – immerhin blieben solche Extremfälle bislang die Ausnahme.

Die Position der Assistenz
Wenn mir Papierdokumente vorgelegt werden, kann hier häufig die „Pearl“ in Kooperation mit „Openbook“ Abhilfe schaffen. Habe ich das entsprechende Blatt unter der Kamera platziert, wird es auch schon abfotografiert und wenige Sekunden später wird mir das Ergebnis auf dem Computer angezeigt. Auf diese Weise schaffte ich es, Unterlagen auch dann richtig zu sortieren, als die Assistenz mal nicht da war. Allerdings: Die Kamera erkennt zwar sehr gut, aber Handschrift mag sie überhaupt nicht – und Post verteilen ohne Assistenz, wo man dann jedes einzelne Blatt einscannen muss, ist ziemlich mühsam …
Noch wichtiger ist die Assistenz in der Berufsschule: Hier überträgt sie mir die Unterrichtsmaterialien. Dafür schicken die Lehrer/innen ihr die Arbeitsblätter für den kommenden Unterricht per Mail zu und sie bereitet die Dateien barrierefrei auf, entfernt Bilder und ersetzt sie durch Bildbeschreibungen, beseitigt für mich störende Formatierungen und gestaltet Tabellen so um, dass sie für mich gut lesbar sind. Damit sie das sowohl während des Unterrichts als auch daheim machen kann, hat sie einen Dienstlaptop. Insbesondere in puncto Dateiübertragung bin ich auf eine gute Kooperationsbereitschaft und Zuverlässigkeit seitens der Lehrer/innen und der Assistenz angewiesen. Manche Lehrer/innen schicken ihre Unterlagen erst sehr spät am Vorabend, sodass die Assistenz sie nicht mehr rechtzeitig aufbereiten kann. Ein Lehrer legte ihr sogar einmal ein Arbeitsblatt als Ausdruck vor und meinte: „So, das bearbeiten wir jetzt.“ Und ja, mit einem Flachbrettscanner, den die Assistenz mit ihrem Laptop koppeln kann, ist sie schon flexibel und hat das Blatt schnell digitalisiert, aber so schnell dann doch nicht … Zum Glück waren die Lehrkräfte bislang immer sehr offen, wenn ich besagte Probleme thematisierte. Umso mehr zeigt sich: Ohne aufgeschlossene Lehrer/innen geht es nicht! Zudem muss die Assistenz absolut verschwiegen sein, da sie auch Klassenarbeiten aufbereitet. Da kommen dann von Klassenkameraden dann auch Fragen wie: „Was kommt denn dran?“ oder „Können wir mal reinschauen?“

Sonderpädagogischer Dienst und Nachteilsausgleich
Neben der Arbeitsassistenz unterstützt mich eine Lehrerin aus dem Sonderpädagogischen Dienst. Sie half mir beispielsweise dabei, die Assistenz einzulernen. Positiv in meinem Fall war daran, dass meine Ausbildung mit einem Praxisblock begann, sodass wir viel Zeit für eine stressfreie Einarbeitung hatten. Die Lehrerin nahm auch an einer Lehrerkonferenz meiner Berufsschule teil, um meine Fachlehrer/innen über den Umgang mit mir aufzuklären, beispielsweise im Hinblick auf den Nachteilsausgleich, und Fragen zu beantworten. Wir stehen in regem Kontakt und sie kommt immer wieder vorbei, um im Unterricht zu hospitieren oder um sich mit mir oder den Lehrer/innen auszutauschen.
Apropos Nachteilsausgleich: Auch das ist eine sehr spannende Sache. Aufgrund meiner Blindheit bekomme ich einen Nachteilsausgleich, welcher sich in meinem Fall durch Zeitverlängerungen zur Bearbeitung von Klassenarbeiten auswirkt. Wie viel zusätzliche Zeit ich bekomme, variiert von Unterrichtsfach zu Unterrichtsfach. Wenn es nur Fragen gibt, die ich schriftlich beantworten muss und für die ich nichts weiter tun muss, schaffe ich eine Arbeit – je nach dem – sogar in Regelzeit, aber gerade, wenn ich etwas im Gesetz suchen muss, brauche ich doch wesentlich länger als Sehende, denn durch meine Blindheit kann ich nicht querlesen und brauche daher mehr Zeit, um mir Text zu erschließen. So habe ich in mathematischen Fächern beispielsweise 50 oder sogar 100 Prozent mehr Zeit, während ich in Deutsch “nur” 30 Prozent Verlängerung bekomme. In jedem Fall ist es wichtig, dass der Nachteilsausgleich individuell auf mich abgestimmt ist, damit ich weder Nachteile noch Vorteile gegenüber den Sehenden habe. Ich habe deshalb auch vorab einige Aufgaben in verschiedenen Fächern mit Zeitmessung bearbeitet und ich nahm an einem Kurs für Blinde teil, an dem wir lernten, wie man effektiv mit seinen Hilfsmitteln umgeht und man durch neue und bessere Arbeitstechniken produktiver und schneller agieren kann.

Klassengröße und Mehrarbeit
Auch an die Klassengröße musste ich mich gewöhnen. Zwar sind wir mit 18 Auszubildenden noch eine recht kleine Klasse, trotzdem ist das Umfeld nicht so familiär und individuell wie in der Sonderschule. Man trägt viel mehr Verantwortung und während ich insbesondere in den niedrigeren Klassen in der Sonderschule regelmäßig unterfordert war, arbeite ich hier auch mal zwei oder drei Stunden die Inhalte des Tages nach, wenn Unterlagen im Unterricht nicht vorhanden waren und/oder ich mit dem Arbeitstempo nicht mehr mithalten kann (letzteres passiert vor allem bei der Arbeit mit Excel).

Mobilitätstraining
Und neben Berufsschule und Ausbildung gibt es noch das Mobilitätstraining. Hier lerne ich mit einer speziell ausgebildeten Mobilitätstrainerin die Wege. Da ich mir auch diese anders erschließen muss als Sehende, arbeiten wir dabei viel mit sogenannten „Leitlinien“ (z. B. eine Wiese oder – noch besser – ein Blindenleitsystem, dem ich folgen kann) und „Orientierungspunkten“ (z. B. Wände, Mauern oder auch mal Bäume oder Mülleimer, wie es auf meinem Schulweg der Fall ist). Dank dieses Trainings kann ich selbstständig zu den Ausbildungsstätten und wieder zurück fahren und kenne mich vor Ort ebenfalls grundlegend aus, was mir Unabhängigkeit und Gleichberechtigung mit den Sehenden ermöglicht.

Fazit
Wie Ihr merkt, ist meine inklusive Ausbildung nicht nur inhaltlich, sondern auch aufgrund meiner Blindheit sehr vielseitig und manchmal auch herausfordernd. Jedoch muss jede blinde Person irgendwann den Sprung in die Welt der Sehenden schaffen, wenn sie bislang in einer Einrichtung für Blinde war, aber mal auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten möchte – und da habe ich mir auf jeden Fall den richtigen Moment und den richtigen Arbeitgeber ausgesucht. Meine Kolleginnen und Kollegen sind alle sehr freundlich und hilfsbereit. Wenn irgendwas nicht gleich funktioniert oder nicht barrierefrei ist, suchen wir gemeinsam nach Lösungen und bei computerspezifischen Schwierigkeiten kann ich mich stets auf die Mitarbeiter der IT-Abteilung verlassen. Bei den Anträgen, die bezüglich meiner Hilfsmittelausstattung, der Assistenz und dem Mobilitätstraining zu stellen waren, hat mich die Auszubildendenbeauftragte super unterstützt. Auch sind viele an meiner Blindheit sehr interessiert und nutzen die Chance, um Fragen zu stellen. Gleichzeitig werde ich nicht wie eine Behinderte behandelt, sondern wie alle anderen Auszubildenden auch – und diese Gleichberechtigung gibt mir das Gefühl, dazuzugehören. Ist ja auch so, denn ich kann die gleiche Qualität wie sehende Arbeitnehmer/innen erbringen – vielleicht etwas langsamer, mit Hilfe meiner Assistentin oder mit Hilfsmitteln, aber es geht. Meine Kollegen und Kolleginnen geben mir die Zeit, die ich brauche und bewerten meine Arbeiten dennoch wie die Arbeiten aller anderen. Sie geben mir auch sehr coole Aufgaben, die mir im Hinblick auf meine beruflichen Tätigkeiten nach Ausbildungsabschluss viel bringen werden. Kurzum: Gerade, wenn man die Sonderschule kennt und dannn in die Inklusion kommt, stürzt man sich erstmal ins Abenteuer. Zumindest in meinem Fall jedoch läuft es super – und für alle Blinden, die überlegen, ebenfalls so eine Ausbildung zu machen: Sie ist grundsätzlich sehr gut auch für unseren Personenkreis geeignet!