Autor: Kerstin Peters

  • Ich habe einen Plan …

    Viele, die mich länger kennen, wissen, dass ich schon sehr lange den Wunsch habe, meine Stärken und Begabungen zu nutzen, um anderen Menschen damit zu dienen, ihnen einen Moment der Freude und Hoffnung zu schenken, ihnen Kraft und Unterstützung zu geben, ihnen ein Licht in der Dunkelheit zu sein. Mein ursprünglicher Berufswunsch war nicht ohne Grund, Musiktherapeutin zu werden. Und auch wenn ich mit meiner jetzigen beruflichen Tätigkeit zufrieden bin, merke ich doch, dass ich diesen Gedanken, mit der Freude an der Musik für meine Mitmenschen wirksam zu werden, bis heute nicht aufgegeben habe. Es ist ein aus meinem tiefsten Herzen kommendes Gefühl, dass das der (möglicherweise einzige) Bereich ist, in dem ich mein Potenzial, die Eigenschaften und Vorlieben, von denen ich glaube, dass sie mich als Mensch auszeichnen, wirklich gewinnbringend einsetzen kann. So glücklich ich auch eigentlich bin bzw. sein könnte, dieses musikalisch-soziale Wirken, nicht nur ab und an mal, somdern mit einer gewissen Regelmäßigkeit, fehlt mir sehr – und so ist es jetzt, wo ich, mit sicherem Arbeitsplatz und eigener Wohnung, mit beiden Füßen fest im Leben stehe, an der Zeit, mich dem Ehrenamt und meinen persönlichen Wünschen und Interessen zu widmen!

     

    Was ist heilsames Singen?

    Ich habe dahingehend bereits einen sehr konkreten Plan: Eine Zertifizierung zur Singleiterin für heilsames und gesundheitsförderndes Singen. Beim heilsamen bzw. gesundheitsfördernden Singen geht es darum, die positiven Effekte, die das Singen auf Körper, Geist und Seele hat (Stressabbau und Steigerung der Lebensfreude, aber auch Verbesserung der Atmung, Stärkung des Immunsystems oder Unterstützung der Sprachentwicklung) gezielt zu nutzen. Es geht bei dieser Art des Singens nicht darum, eine bestimmte Leistung zu erbringen – ein Aspekt, der mir in der musiktherapeutischen Arbeit während meines Schulpraktikums besonnders gut gefallen hat. Ein gängiger Spruch unter Singleiter*innen ist: „Es gibt keine Fehler, nur Variationen“ und das erlebe ich in unserer sonst so leistungsorientierten Gesellschaft als extrem befreiend. Hier ist jede*r so willkommen, wie er*sie gerade da ist, und es ist völlig egal, ob die Person musikalisch ist oder nicht. Gesungen wird üblicherweise ohne Text- oder Notenblätter. Die Lieder sind dem entsprechend einfach erlernbar und bestehen oft nur aus wenigen Textzeilen, die durch Vor- und Nachsingen und vor allem durch Wiederholung gelernt werden. Gleichzeitig können die Teilnehmenden durch die Verbindung von Musik und Bewegung (einfache Tänze oder Gebärden in der Gruppe oder paarweise) miteinander in direkten Kontakt kommen und sich als Teil einer Gemeinschaft erleben. Solche offenen Singgruppen und -kreise sind – wenngleich sie sich oft musiktherapeutischer Methoden bedienen (wobei Ablauf, Methoden und Auslegung des Singangebots meiner Erfahrung nach stark variieren können) – keine therapeutischen Maßnahmen, sondern rein unterstützend bzw. präventiv. Sie können im Prinzip überall angeboten werden, wo Menschen zusammenkommen, in Gemeinde- oder Bürgerzentren, aber auch in Altenheimen, Krankenhäusern oder Einrichtungen für Menschen mit Behinderung.

     

    Wie läuft die Weiterbildung ab?

    Ich habe mich dazu entschieden, zunächst bei der Akademie für Singen, Natur und Gesundheit die Weiterbildung „Die heilende Kraft des Singens“ zu absolvieren. Diese vermittelt musiktherapeutisches und gesundheitswissenschaftliches Grundwissen, Methoden zu Aufbau, Ablauf und Anleitung von Singgruppen, Stimmbildungs- und Lockerungsübungen, Bewegungs- und Begegnungsformen und natürlich viele beispielhafte Lieder, bleibt dabei jedoch sehr allgemein und spricht nicht die Arbeit mit bestimmten Zielgruppen an. Diese Weiterbildung besteht aus vier Modulen, die zweimal ein Wochenende (Freitag bis Sonntag) und zweimal ein verlängertes Wochenende (Donnerstag bis Sonntag) umfassen. Alle vier Module finden im Kloster Bonlanden in Berkheim statt. Aufbauend auf dieses Grundwissen kann ich mich dann bei Singende Krankenhäuser e. V. als Singleiterin zertifizieren lassen. Der Verein Singende Krankenhäuser e. V. stellt das wichtigste internationale Netzwerk für Forschung und Praxis rund um das Singen im Gesundheitswesen dar. Die Zertifizierung kann entweder mit dem Schwerpunkt „Gesundheitseinrichtungen und Krankenhäuser“ oder „Pflegeeinrichtungen und Senioren“ erfolgen. So wie ich mich kenne, werde ich früher oder später beide machen, in Anbetracht der verfügbaren Zertifizierungsmodule, die für dieses bzw. nächstes Jahr ausgeschrieben sind, wird es aber voraussichtlich erstmal auf den Schwerpunkt „Pflegeeinrichtungen und Senioren“ hinauslaufen. Mit Anrechnung der Weiterbildung bei der Akademie für Singen, Natur und Gesundheit brauche ich für jede Zertifizierung noch zwei Module bei Singende Krankenhäuser e. V., die ich aus einer großen Auswahl an Modulen zu verschiedensten Themen wählen kann.

     

    Was erhoffe ich mir von den Modulen?

    Ich würde gerne nicht primär für, sondern vor allem mehr mit Menschen gemeinsam singen und Musik machen. Zu diesem Vorhaben bewegen mich, neben dem Wunsch nach eigenem persönlichen Wachstum und neuen individuellen Erfahrungen, zwei Dinge. Einerseits möchte ich mich gerne intensiv mit den wissenschaftlichen Hintergründen beschäftigen und hoffe, lernen zu können, welche positiven Auswirkungen Musik bzw. Gesang konkret auf Menschen haben kann und auf welche wissenschaftlichen Studien sich hierbei gestützt wird. Andererseits suche ich bereits seit langem nach Methoden und Anregungen, wie ich musikalische Aktionen besser anleiten und andere musikalisch und zwischenmenschlich noch stärker einbeziehen kann. Sicherlich werden mir manche Inhalte zusagen und andere weniger, aber ich werde alles mitnehmen, was kommt – das, womit ich mich identifizieren kann, wende ich an, alles andere eben nicht. Verlieren kann ich nichts! Mein langfristiges Ziel ist eine regelmäßige ehrenamtliche Tätigkeit in einer sozialen Einrichtung und/oder auch eigene musikalisch-soziale Projekte organisieren und mit mehr Struktur und Sicherheit durchführen zu können.

     

    Und wann geht es los?

    Es ist völlig verrückt. Seit über einem Jahr spreche ich davon, habe mich mit Menschen, die diesen Weg schon gegangen sind, ausgetauscht, habe mir verschiedene Singgruppen angeschaut, unter anderem auch in einer psychiatrischen Einrichtung – und heute, am 4. Mai, fahre ich zum ersten Mal nach Berkheim. Ich bin etwas aufgeregt, aber vor allem freue ich mich riesig, dass es endlich losgeht und bin gespannt, was mich erwartet – ich werde berichten.

  • Vorlesestunde zum Welttag des Glücks: Eine alte Stärke wird wiederentdeckt

    Kerstin beim Vorlesen

     

    Nach dem großen Anklang letztes Jahr lud die Stiftung Kraftnetz auch dieses Jahr zu einem Aktionstag anlässlich des Welttags des Glücks ein. So gab es am Sonntag, dem 26.03.2023 in der Kulturküche Karlsruhe wieder ein buntes Programm: Kaffee, Kuchen und frisch gebackene Waffeln, einen Informationsstand zur Bewegung „Action for happiness“, eine Verkleidungsecke, in der man in verschiedene Rollen schlüpfen konnte, ein Ständchen des neu gegründeten Kulturküchen-Chores und noch einiges mehr. Für mich war sofort klar, dass ich nach der durchweg positiven Erfahrung meiner Mitmachbühne auch wieder mit einem eigenen Angebot dabei sein wollte – doch diesmal sollte es nichts mit Musik zu tun haben.

     

    Während meiner Schullaufbahn, insbesondere während der Grundschulzeit und meiner ersten Realschuljahre, prägte vor allem das Lesen meinen Alltag. Ich habe sehr schnell lesen gelernt und konnte fortan kein Punktschriftbuch mehr liegen lassen, ohne nicht wenigstens für ein paar Zeilen meine Finger hineingesteckt zu haben. Dieses Hobby (viele sahen es als eines meiner größten Talente an) blieb meinen Lehrer*innen nicht verborgen und ich wurde zu so ziemlich jedem Vorlesewettbewerb geschickt, an dem die Schule teilnehmen wollte. Das war immer etwas besonderes für mich und die Ergebnisse waren gar nicht schlecht. Aber spätestens mit meinen ersten eigenen Liedern, mit denen ich unter Leute ging, gehörte diese einstige Leidenschaft der Vergangenheit an – bis kurz vor Weihnachten 2022. Da erzählte mir ein Kollege von einem Buch, das er gerade liest, und hatte die Idee, er könne mir ja in einer Mittagspause mal daraus vorlesen. Das war eine unheimlich schöne Erfahrung für mich und löste in mir viele Erinnerungen aus – und führte mich zu dem Entschluss: Ich will es nochmal versuchen!

    Blick in den Vorleseraum: Diverse Sessel, Sitzsäcke, Kissen und Decken - alles, was es gemütlich macht

    Und so lud ich an jenem Sonntag in der Kulturküche alle, die wollten, um 15.30 Uhr in ein uriges Eckchen ein, welches ich vorab kuschelig eingerichtet hatte. Es kamen deutlich mehr, als ich erwartet hatte, altersmäßig bunt durchmischt, das hat mich sehr überrascht und ich habe mich riesig gefreut. Passend zum Welttag des Glücks hatte ich mir eine Geschichte namens „Inga und ich machen Menschen glücklich“, eine Geschichte aus der bekannten Reihe „Wir Kinder aus Bullerbü“, von Astrid Linggren ausgesucht. Die Lehrerin hat zu Inga und Lisa gesagt, es sei wichtig, andere Menschen glücklich zu machen. Sie hat auch Tipps gegeben, wie man das anstellen kann. Aber funktionieren diese Tipps auch tatsächlich? Und schaffen die beiden Mädchen es am Ende, jemanden wirklich glücklich zu machen? Eine Geschichte, die sehr realitätsnah und authentisch die Lebenswelt von Kindern aufgreift und mir dadurch immer wieder ein Schmunzeln entlockte, eingebettet in das bekannte Örtchen Bullerbü. Mein Ziel war, eine Perspektive auf das Thema „Glück“ zu werfen, mit der sich die Kinder gut identifizieren können und die die Erwachsenen dazu animiert, das Leben einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Und was soll ich sagen? Es war für mich (und ich glaube auch für meine Zuhörer*innen) ein voller Erfolg! Ich merkte, dass trotz der vielen vorlesefreien Jahre immer noch eine gewisse Routine da war, laut vor Leuten zu lesen, bekam im Anschluss viel positives Feedback und es machte mir noch genauso viel Spaß wie früher. Der vertiefende Austausch über das Gehörte und die im Zuge dessen geteilten Denkanstöße aus der Runde bestätigten dies eindrücklich.

     

    Das gegenseitige Vorlesen (nicht in Form von Hörbüchern, sondern von Angesicht zu Angesicht) ist eine besondere Möglichkeit, anderen Menschen (nicht nur Kindern) Zeit und Zuwendung zu schenken. Dies (wieder) zu erfahren und diese alte, lange unbeachtete Stärke nach so langer Zeit mal wieder einzusetzen, war ein tolles Gefühl.

  • Die Tradition der Adventszeitschrift

    Als Kind habe ich es geliebt, zu lesen und war ausgesprochen neugierig. Ich habe mir nicht nur immer viele Bücher ausgeliehen, sondern auch verschiedene Kinderzeitschriften und -kalender bezogen. Diese waren wissenswert und spannend und ich schenkte den Beiträgen meine ganze Aufmerksamkeit, stets bestrebt, alles genau zu verstehen und mir zu merken. Mir fiel aber auch auf, dass sich insbesondere die hauseigene Kinderzeitschrift der Blindenbibliothek aus Artikeln verschiedenster anderer Kinderzeitschriften und Internetseiten zusammensetzte – und das brachte mich auf eine Idee: Wenn Zeitschriftenmachen offensichtlich so einfach ist, dann kann ich das doch bestimmt auch, oder nicht?

     

    Ende November 2013 suchte ich alle Weihnachtsausgaben von Jahres- und Adventskalendern, Kinderzeitschriften und Geschichtenbüchern zusammen, die ich finden konnte. Was mir am besten gefiel, tippte ich in ein Word-Dokument ab, Wort für Wort. Das war im Nachhinein betrachtet wahnsinnig viel Aufwand, aber damals tat ich es einfach, ohne mir darüber Gedanken zu machen. Die Quellen gab ich genauso an, wie ich es aus den Zeitschriften gelernt hatte. Zum Schluss bildete ich aus den abgetippten Artikeln fünf Artikelbündel. Da die Artikel in den Kinderzeitschriften immer sehr bunt durchmischt waren (erst was Wissenswertes, dann eine Geschichte, dahinter ein Rezept…), sollte das bei mir genauso sein. Jedes dieser fünf Bündel bekam einen passenden Namen, wie z. B. „Brrr, kalt!“ oder „Lasst uns froh und munter sein“ und wurde bestimmten Tagen zugeordnet, das erste Bündel galt dem 1. Advent, die nächsten drei dem 2., 3. Und 4. Advent und das letzte dem heiligen Abend. Und damit diese Bündel auch zu einer richtigen Zeitschrift wurden, brauchte ich natürlich noch Abonnenten, die sie lesen. Dafür suchte ich einfach alle Mailkontakte zusammen und verschickte das jeweilige Bündel am entsprechenden Tag in einer Textnachricht in meinem Bekanntenkreis herum – fertig war meine eigene Zeitschrift.

     

    Dass ich mit dieser kleinen Kinderidee etwas durchaus Großes lostreten würde, konnte ich damaals nicht ahnen. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) ich meine Kontakte noch nicht einmal vorab gefragt hatte, ob sie meine Zeitschrift überhaupt haben wollten, sondern sie sie einfach bekamen, waren die Rückmeldungen durchweg positiv. Und was denkt man dann als Kind? Oh, das war ja erfolgreich! Na dann gleich nochmal!

     

    Dann bekam ich mein erstes Handy und die Korrespondenz mit meinem Umfeld verlagerte sich allmählich von den E-Mails auf SMS und Whatsapp-Chats. 2015 gab es deshalb die Adventszeitschrift erstmals neben dem bekannten E-Mail-Format auch als Audiofassung. Stunden und Tage verbrachte ich damit, die für die E-Mails abgetippten Artikel für die Audio-Ausgabe einzulesen und umgekehrt Inhalte, die nur im Audio-Format vorkamen (Zwischenansagen, Lieder und eine weihnachtliche Erkundungstour durch unser Haus) zusammengefasst oder wortwörtlich in die Text-Version einzugliedern. Es sollte das einzige Jahr mit Text und Audio bleiben und das letzte Jahr sein, in dem der Mailverteiler zum Einsatz kam.

     

    Seit 2016 – mit Ausnahme von 2017 – gibt es die Adventszeitschrift nur noch als Audio-Dateien, die ich über einen Whatsapp-Verteiler versende. 2017 erschien sie über meine Website in Form der vierteiligen Geschichte „Wie Weihnachten Kinder erwachsen macht“, in der ich neben der Freude am Weihnachtstag auch viele für mich zum damaligen Zeitpunkt präsente Themen wie Außenwirkung, Eigenständigkeit und soziales Engagement verarbeitete.

     

    Jedes Jahr sage ich mir, dass es diesmal wirklich die letzte Auflage ist. Seit dem Umstieg auf Audio arbeite ich nicht mehr mit bereits vorhandenen Artikeln, sondern bestimme die Themen komplett selbst, von der Entwicklung der Grundfrage über das Sammeln geeigneter Quellen, die Recherche und das Aufbereiten der Inhalte bis hin zum Aufnehmen. Am Heiligabend hat es sich etabliert, dass ich Gastbeiträge meiner Hörer*innen (z. B. Lieder oder Gedichte) einbinde, da kommt dann noch ein Haufen Audiobearbeitung hinzu (wobei mir mein Vater hier netterweise unterstützend zur Seite steht). Kurz gesagt: Dahinter steckt durchaus Arbeit. Gleichzeitig kommt aber unheimlich viel Freude seitens meiner Hörerschaft zurück und ich kann mir sicher sein, dass im nächsten November mehr als einmal die Frage „Machst Du wieder Adventszeitschrift?“ kommt. Durch die Befassung mit ganz unterschiedlichen Themen (z. B.: Wer war der Nikolaus/die heilige Lucia? Wie feiert man Weihnachten anderen Ländern? Wer erfand den Adventskranz? Wie wird eigentlich Marzipan hergestellt? Und vieles, vieles mehr) lerne ich selbst Jahr für Jahr einen ganzen Haufen neues dazu. Ich bin komplett frei in der Ausgestaltung und kann so richtig kreativ werden, gleichzeitig kann ich Impulse setzen, durch die ich meine Hörer*innen aktiv einbeziehe und zum Einbringen eigener Beiträge und Ideen animiere, wodurch ein direkter Austausch und das Schaffen eines gemeinsamen Werkes möglich wird. Ich kann meine Freude  am Musizieren und Sprechen voll ausleben, habe Spaß daran, Weihnachtsgeschichten vorzulesen oder weihnachtliche Rezepte zu teilen, von ganz persönlichen Erlebnissen während der Weihnachtszeit zu erzählen oder Weihnachtslieder zu singen. Und so habe ich mich dann doch immer wieder überzeugen lassen, es nochmal zu machen.

     

    Dieses Jahr erschien die Adventszeitschrift in zehnter Auflage. Ob sie auch nächstes Jahr wieder erscheinen wird, wird meine dann gegenwärtige Lebenssituation zeigen. Eins ist in jedem Fall sicher: In vorweihnachtliche Stimmung kommt man damit allemal – und Kultstatus hat sie jetzt schon.

  • Auftritt bei „Das Fest“ 2022 am 24.07.2022

    Auftritt bei „Das Fest“ 2022 am 24.07.2022

    Am Sonntag, den 24.07.2022, war es endlich soweit: Mein Auftritt bei „Das Fest“, dem größten Musik- und Familienfestival der Rdgion, stand an.

     

    Bereits im Jahr 2019 wurde ich für diesen Auftritt angefragt, eigentlich für 2020. Leider konnte das Event aufgrund der Corona-Pandemie 2020 und 2021 nicht stattfinden, aber ich wurde immer mit ins nächste Jahr genommen. Und so fand ich mich am Sonntag, den 24.07.2022, gegen 13.00 Uhr im Backstage der Feldbühne, auf der ich spielen sollte, ein.

     

    Für mich war dieser Auftritt in vielerlei Hinsicht eine neue Erfahrung. Es war nicht nur mit Abstand der größte Auftritt, den ich je absolviert habe, sondern auch der erste Auftritt mit separatem Backstage-Bereich. Allein die Tatsache, dass ich vorab ein ausführliches Daysheet mit diversen Informationen zu Anreise, Verpflegung, Gema-List, Instrumente/Sound-Equipment u. v. m. sowie spezielle Personalkarten bekam, um überhaupt den Backstage-Bereich betreten zu dürfen, ließ schon auf eine gewisse Professionalität schließen. Die Vorbereitungen am Tag selbst starteten mit einer kurzen Vorbesprechung mit einem der Organisatoren. Danach stimmte ich mit der Moderatorin die Ansagen vor bzw. nach meinem Auftritt ab und lernte den Techniker kennen, der mir auf der Bühne zur Seite stand. Eines der Zelte bot mir einen guten Raum, um mich ausführlich einzusingen und auf dem E-Piano ein paar Lieder vorab anzuspielen. Ich merkte sofort, dass sowohl meine Stimme als auch meine Finger extrem sicher waren – und das gab mir Hoffnung und Selbstvertrauen.

     

    Und dann, um 14.30 Uhr, war der große Moment gekommen. Zum ersten Mal kam ich nicht aus dem Publikum heraus, sondern von hinten auf eine Bühne. Es war durchaus ein besonderes Gefühl, als die Moderatorin meinen Namen rief und ich die Stufen hinaufging. Schon beim kleinen Walzer in c-dur merkte ich, dass ich die Sicherheit aus dem Einspielen mitnehmen konnte. Mit „Wir starten richtig durch“ und „Never forever alone“ brachte ich dann richtig Schwung auf und vor die Bühne. Die Stimmung war herausragend, die Kommunikation klappte sofort, die Leute (vor allem: Wie viele Leute es waren!) zogen voll mit und ich bin immer noch verblüfft von der positiven Energie, die sich dabei entladen durfte. Auch „Rainy day“ als zweites Instrumentalstück fügte sich perfekt ein.

     

    Mein persönliches Highlight war aber „Jeder Tag“ (ehemals „Dieser Tag, jeder Tag“) – das Lied, mit dem vor acht Jahren alles angefangen hat. Es war das erste Mal seit sehr langer Zeit, dass ich es wieder auf einer Bühne spielte. Aufgrund der tiefen Bedeutung des Liedes kombiniert mit der besonderen Auftrittssituation konnte ich nicht einschätzen, wie ich im „Ernstfall“ emotional reagieren würde. Und was soll ich sagen – die Leute schienen das zu spüren. Sie klatschten eigeninitiativ den Takt mit und forderten am Ende sogar noch Zugabe ein. Es war absolut überwältigend!

     

    Entsprechend Zeit brauchte ich, bis ich realisiert hatte, was überhaupt passiert war, so sprachlos und gleichzeitig glücklich war ich. Viele gaben mir unabhängig voneinander nach dem Auftritt die Rückmeldung, dass das einer meiner besten, wenn nicht der beste Auftritt war, den ich je gespielt habe und dem kann ich mich anschließen. Es hat tatsächlich beim größten Gig alles auf den Punkt genau gepasst. Ich bin unendlich dankbar für diese intensive Erfahrung, für die Sicherheit gesanglich als auch am Klavier/an der Ukulele, für das wahnsinnig offene, aufmerksame und aktive Publikum und für diese wunderbare, besondere Location. Hinter der Bühne sehr professionell, aber gleichzeitig auch extrem entspannt, auf und vor der Bühne voller Freude und Leidenschaft – einfach ein Tag, den ich noch lange in Erinnerung behalten werde!

  • „Kultur in der Natur“ 2022

    „Kultur in der Natur“ 2022

    Am Sonntag, den 17.07.2022, spielte ich – wie bereits im vergangenen Jahr – bei „Kultur in der Natur“, einer Veranstaltung, die jährlich von den Naturfreunden Karlsruhe an ihrem Bootshaus in Daxlanden-Rappenwört organisiert wird.

    Eigentlich hätte ich die Veranstaltung wieder gemeinsam mit Katharina und Johanna, einem Duo mit Klavier und Violine, zusammen gemacht. So hatten sowohl ich als auch sie einige Lieder einstudiert und als Abschluss hatten wir – nachdem das letztes Jahr so super geklappt hat – auch wieder ein gemeinsames Lied geplant. Leider stellte sich dann kurz vor dem Auftritt jedoch heraus, dass die beiden nicht dabei sein konnten (Corona macht eben auch vor uns Musikern nicht Halt…) und so bestand meine Challenge darin, auf einmal alleine zu sein. So viel vorab: Vorbereitet hatte ich 20 Minuten Programm, gespielt habe ich am Ende eine knappe Stunde.

    Gegen 09.30 Uhr erreichte ich mit meinem Vater das Bootshaus der Naturfreunde. Trotz der aktuell dort eingerichteten Großbaustelle (das Bootshaus wird zur Zeit komplett umgebaut) konnten wir unter dem sanften Rauschen der Bäume und bei herrlichstem Wetter alles ausladen, anschließen und testen.

    Um 11.00 Uhr ging es los. Es war mit etwa 15 Personen, die zum Zuhören gekommen waren, eine kleine, aber feine Runde eingetroffen, die mir ein wunderbares Umfeld für meine Generalprobe für meinen großen Auftritt bei Das Fest bot. Die Stimmung war sehr offen und man vermittelte mir das Gefühl, dass Fehler nicht schlimm sind und es einfach darum geht, ein bisschen Musik zu hören, was die Aufregung gar nicht erst aufkommen ließ. Gleichzeitig ruhte die Atmosphäre total in sich selbst, sodass ich heute nicht mit viel Power und Interaktion um die Ecke kam, sondern viele Lieder am Stück durchspielte und nur wenige (und dann nur sehr kurze) Ansagen machte.

    Nachdem die Das Fest-Generalprobe – das Programm, das ich auch gespielt hätte, wenn die anderen Musikerinnen dabei gewesen wären – zufriedenstellend über die Bühne gegangen war, stellte sich nun die spannende Frage: Was mache ich jetzt, wo die Leute eigentlich gerade erst so richtig angekommen sind? Die Lösung war: Perfektionismus ausblenden und volle Kraft voraus mit ungeübten Liedern, auch wenn ich diese teilweise seit Monaten nicht mehr gespielt hatte.

    Entsprechend fehlertolerant mussten mein Publikum und ich dann auch sein: Bei einem Lied fing ich munter an und war an einer Stelle plötzlich irritiert, weil ich diese doch schon mal gespielt hatte – bis mir auffiel, dass ich versehentlich mit Teil 2 anstatt mit Teil 1 angefangen hatte. Ein anderes Lied stimmte ich – wie auch immer das zustande kam – in einer anderen Tonart als sonst an und fragte mich dann, warum das heute so anders klang. Und während eines weiteren Liedes zerbrach ich mir die ganze Zeit den Kopf darüber, wie die Begleitung denn nochmal ging, und kam lediglich zu dem Schluss, dass sie sich definitiv anders anhörte als das, was ich spontan zusammenimprovisierte. Die Qualität war sicherlich nicht herausragend, aber dafür hatte ich meinen Perfektionismus so im Griff, dass mal wieder alles fließen durfte und ich es sogar ein bisschen genießen konnte, manche Lieder, an denen zwar gewisse Erinnerungen/Bedeutungen hängen, die ich aber schon sehr lange nicht mehr live gespielt habe, noch einmal vor Publikum zu Gehör zu bringen. Zugegeben, am Ende mangelte es dann auch an der Konzentration – ich war Auftritte von maximal 30 Minuten gewohnt und hatte bislang nur einmal länger gespielt (und das ist lange her). Aber ich hatte ja alle Freiheiten, alles so zu gestalten, wie ich es brauchte und wollte.

    Ich beendete das Konzert mit dem Lied, ohne das es in dieser Location einfach nicht geht: „Music at the river“. Ich genoss die leichte Brise, die mir um die Nase wehte, genoss die Stille um mich herum und genoss den Gedanken, dass die anderen den Fluss möglicherweise sogar gerade sehen können. Wie im letzten Jahr mein absolutes Highlight und ein fast magischer Moment!

    Im Anschluss gab es noch eine Führung über die Bootshaus-Baustelle und wir saßen noch eine Weile gemütlich bei belegten Baguettes und Getränken zusammen und genossen das schöne Wetter. Es war, wie im letzten Jahr, ein sehr angenehmer Auftritt – wenn auch ganz anders. Es war durchaus eine Ausnahmesituation für mich und sehr vieles ergab sich spontan. Aber es war eine bestärkende Erfahrung, zu spüren, dass auch das geht, wenngleich die Qualität vielleicht geringfügig darunter leidet. Es ist toll, sich auf ein so starkes Repertoire an Liedern verlassen zu können – jederzeit. Egal, ob und wie oft ich diese Lieder live spiele oder auch nicht, die kann mir niemand nehmen! Und es ist toll, wenn der innere Kritiker in den Hintergrund tritt und das Herz und das Gespür entscheiden dürfen, welches Lied als nächstes dran ist.

  • „Spiel mich!“-Aktion 2022

    „Spiel mich!“-Aktion 2022

    Nach dreijähriger Pause hieß es zwischen dem 18.07.2022 und dem 01.08.2022 in der Karlsruher Innenstadt dieses Jahr endlich wieder „Spiel mich!“.

     

    „Spiel mich!“ verwandelt die Einkaufsstraße Karlsruhes in eine große offene Bühne. An verschiedenen Standorten werden Klaviere aufgestellt – teils gespendet, teils vom örtlichen Musikgeschäft -, die zum freien Spiel einladen. Verschiedene Kulturen, Generationen und Spielniveaus treffen hier aufeinander.

     

    Wer mich kennt, weiß, dass ich leistungsfreie Räume liebe, in die sich ganz unterschiedliche Menschen einbringen können. So nutzte ich einen freien Nachmittag, um mit weit offenen Ohren bewusst durch die Stadt zu gehen, manchmal stehen zu bleiben und aufmerksam der Musik von anderen zuzuhören und – wenn mich die Neugier gepackt hat – auch mal selbst ein bisschen zu spielen.

     

    Es war ein äußerst kurzweiliger Stadtbummel – obwohl ich eigentlich gar nicht so gerne in der Innenstadt unterwegs bin, zumindest dann nicht, wenn es sehr voll ist. Jedes Klavier war anders, angefangen bei Klangfarbe und Tastenanschlag und aufgehört bei der Umsetzung von Dynamik wie Lautstärke oder Akzentuierung. Auch war es mal interessant, mich nicht nur an eigenen, sondern diesmal ausnahmsweise auch an anderen Stücken wie der Promenade aus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski oder der Invention in c-dur von Johann Sebastian Bach zu versuchen. Mindestens genauso schön war es aber auch, einfach nur zuzuhören und sich überraschen und von der musikalischen Vielseitigkeit begeistern zu lassen. Ich hoffe daher sehr, dass „Spiel mich!“ nächstes Jahr in eine weitere Runde geht.

  • Tanzen – durch Musik in Bewegung

    Kerstin beim Abschlussball nach dem Anfängerkurs im Juli 2019

    Seit inzwischen drei Jahren (eigentlich zwei Jahren + ein Jahr Corona-Zwangspause) tanze ich in einer Karlsruher Tanzschule – ein super Ausgleich zum Alltag, der funktioniert. Wie, erzähle ich Euch hier.

     

    Aller Anfang ist spannend

    Nachdem ich an der Tanz-AG in meinem letzten Schuljahr in der Blindenschule großen Gefallen gefunden hatte, war für mich schnell klar, dass ich einen richtigen Tanzkurs machen wollte. Natürlich stellte ich mir am Anfang einige Fragen: Hat man die Zeit und Geduld, mir die Bewegungen verbal zu beschreiben und mich bei Fehlern zu korrigieren? Kann ich mit dem vorgegebenen Tempo mithalten? Und lässt sich überhaupt jemand auf eine blinde Tanzpartnerin ein? Aber ich war entschlossen: Wenn ich als blinder Mensch in der „Sehendenwelt“ Anschluss finden will, muss ich von mir aus das Risiko eingehen eventuellen Vorurteilen mit meiner eigenen Selbstsicherheit entgegentreten. Also meldete ich mich an.

     

    Zurechtfinden in einer großen Gruppe

    Tatsächlich war es gar nicht so einfach für mich, mich zurechtzufinden. Die Paare formierten sich bei jedem Lied, manchmal sogar innerhalb eines Liedes neu und eine Gruppe von mehr als 50 Leuten macht es nahezu unmöglich, nur übers Gehör einen Überblick darüber zu bekommen, was gerade passiert – ohne meine Tanzlehrerin, die mich bei Partnerwechseln zuverlässig neu „verpartnerte“, wäre ich vermutlich völlig überfordert gewesen. Inzwischen bin ich in einer deutlich kleineren Kursgruppe und bin darüber sehr froh, da die Anzahl der Personen hier wesentlich überschaubarer ist und während der Erklärungen der Tanzlehrerin auch nicht mehr ständig geflüstert wird, was mich um ehrlich zu sein oft ziemlich gestresst hat. Zudem ist mein jetziger Kurs für feste Tanzpaare ausgelegt, sodass auch keine Partnerwechsel mehr stattfinden.

     

    Besonderheiten durch die Blindheit

    In meinem Tanzkurs habe ich den großen Vorteil, dass alle Tänze Paartänze sind. Dadurch tanzen sowieso alle durch die Tanzhaltung in direktem Körperkontakt mit dem Partner, wodurch ich die Bewegungen sehr gut erspüren kann. Im Gegensatz zu den Sehenden, die viel übers Abschauen von der Tanzlehrerin lernen, ist für mich das praktische Tun essenziell. Nur so kann ich wirklich erfassen, wie die Figur geführt wird und wie ich meine Schritte setzen muss. Es braucht also einen entsprechend geduldigen und verständnisvollen Tanzpartner – wobei das bislang mit allen gut funktioniert hat. Daneben orientiere ich mich sehr stark am Rhythmus der Musik, der mich insbesondere beim Lernen neuer Schrittfolgen sehr unterstützt.

     

    Schwierig wird es bei Tänzen, die ohne Partner getanzt werden. In den ersten Kursen haben wir immer wieder sogenannte „Partytänze“ gelernt, bei denen ich dann mal gern schräg gedreht oder Bewegungen anders interpretiert habe, als sie tatsächlich waren. Außerdem war es hier immer problematisch, wenn ich mal rauskam, weil es entsprechend schwierig ist, wieder in eine Choreographie hineinzufinden, wenn man nicht sieht, wo die anderen gerade sind. Inzwischen werden im Kurs aber nur noch Paartänze getanzt, weshalb dieses Problem zumindest aktuell der Vergangenheit angehört.

     

    Nie die Hoffnung verlieren

    Teilweise war meine bisherige Tanz-Zeit ziemlich steinig. In den vergangenen 1 1/2 Jahren, in denen ich – erst aufgrund von Corona, dann aufgrund meines Kurses (ich habe zwischenzeitlich vom Jugendkurs in den Erwachsenenkurs gewechselt) – einen festen Tanzpartner brauchte, musste ich (nicht aufgrund meiner Blindheit – coronabedingt bzw. aus persönlichen Gründen) dreimal neue Tanzpartner suchen. In den Zeiten, in denen ich keinen festen Tanzpartner hatte (in zwei von drei Fällen war ich einige Wochen ohne Partner), bin ich – da die anderen natürlich auch als feste Paare getanzt haben – regelmäßig alleine stehen geblieben, was für mich natürlich äußerst ungünstig war, weil ich ja erstrecht das praktische Tun brauche, um neue Sachen zu lernen. Daraus resultierten ein Gefühl von Ausgeschlossenheit und die stetige Ungewissheit, ob ich noch weitertanzen kann oder unfreiwillig aufhören muss, weil ich niemanden habe, der mit mir weitermacht.

     

    Wenn ich aber eines durch den Tanzkurs gelernt habe, dann, dass man die Hoffnung niemals aufgeben sollte, auch wenn es gerade schwierig ist. Meine Tanzlehrerin hat wirklich alles getan, was sie tun konnte, um mir eine gleichberechtigte Teilnahme im Kurs zu ermöglichen. Gleich zu Beginn hat sie mich gefragt, worauf sie bei ihren Ausführungen neuer Schritte achten muss. Wenn ich keinen Tanzpartner hatte, hat sie mit mir getanzt, damit ich den Anschluss nicht komplett verliere. Und nicht zuletzt hat sie einen großen Anteil daran, dass sich immer wieder Tanzpartner gefunden haben. So erfüllt es mich vor allem mit großer Dankbarkeit, dass ich Anfang Mai erfolgreich in den Goldstar 2-Kurs starten konnte – denn tanzen ist für Blinde ein wunderbarer Sport, wenn man ein offenes Umfeld hat, dass auf die sich daraus ergebenden Bedürfnisse eingeht, aber auch die Stärke eines sehr guten Gespürs zu schätzen weiß.

  • Eindrücke von der Mitmachbühne in der Kulturküche Karlsruhe

    Kerstin am Klavier, seitlich des Klaviers ein Schild mit der Aufschrift "Nimm Dir ein Instrument, entdecke Dein Talent, sei dabei und sing mit"

    Gemeinschaft erleben, neue Menschen kennenlernen, sich frei entfalten oder auch Neues ausprobieren … All das konnte man am 20.03.2022 im Rahmen eines Aktionstages anlässlich des Welttags des Glücks in der Kulturküche Karlsruhe, der von der Stiftung Kraftnetzveranstaltet wurde – unter anderem auf der von mir initiierten „Mitmachbühne“, einem offenen Raum, der zum freien gemeinschaftlichen Singen und Musizieren einlud.

    Der Aktionstag begann gegen 14.00 Uhr mit einer kleinen Begrüßung, bei der alle Aktionen kurz vorgestellt wurden. Zuvor hatte ich rund um das Klavier alle vorhandenen Instrumente (Gitarre, Akkordeon, Cajon und verschiedene Trommeln) hergerichtet.

    Nachdem sich alle an der Kuchenauswahl bedient hatten, starteten nach und nach die verschiedenen Aktionen. Neben der Mitmachbühne waren das u. a. noch ein Malangebot („GlücksKunst“) oder das „Schwätzbänkle“.

    Bei meiner Aktion war vor allem Flexibilität gefragt: Wie mutig sind die Leute, die kommen? Fangen sie von selbst an zu musizieren oder muss ich erst darauf aufmerksam machen und ermutigen, indem ich einen bewussten Anfang mache? Und was sind das für Menschen, die die Instrumente spielen? Sind sie schüchtern oder dominant, musikalisch oder unmusikalisch, Schlager-Fans oder Klassikliebhaber …? Letzendlich machte eine andere Helferin des Kraftnetzes den Anfang und lockte durch ihr Klavierspiel die ersten Musikbegeisterten in den Raum.

    Was dann geschah, war so faszinierend und wunderbar, wie es nur die Sprache der Musik ausdrücken kann. Es wurde – insbesondere in der Anfangsphase – relativ wenig gesprochen und so habe ich immer wieder musikalische Impulse gesetzt. Sobald aber die Grundlage (häufig einfache Friedens- oder Herzenslieder, die nur aus einem kurzen Text und wenigen Akkorden bestanden und immer wiederholt wurden) gelegt war, wurde munter improvisiert. Dabei konnte es durchaus sein, dass die Instrumente im Laufe eines Liedes ihren Besitzer wechselten. Für mich war das natürlich insofern besonders spannend, weil die anderen gesehen haben, was im Raum passiert und ob z. B. die Gitarre gerade von einem Mann oder einer Frau gespielt wird, wie alt die Person ungefähr ist etc. Ich bemerkte nur, dass ein Instrument plötzlich nicht mehr (oder wieder) oder in einer anderen Klangfarbe, einem anderen Rhythmus o. Ä. zu hören war. Teilweise hatte ich keine Ahnung, mit wem ich da gerade musiziere – und trotzdem funktionierte es. Es entstand eine Verbindung, ohne dass man sich kannte – und ohne sich vorher abgesprochen zu haben, kamen die Lieder immer zu einem gemeinsamen und harmonischen Schluss.

    Später kamen auch mehr (musikalische und sprachliche) Impulse aus der Gruppe. So gab es zwischendurch eine intuitive Trommeleinlage, ein wunderbar meditatives Stück einer Handpan-Spielerin und einen sehr regen Austausch. Den Abschluss auf der Mitmachbühne machten ein paar Kinder etwa im Kindergartenalter, die voller Neugierde und Tatendrang das Klavier und die Trommeln eroberten, mal laut, mal leise, mal die hohen, mal die tiefen Töne spielten und dazu ein Kinderlied sangen.

    Mir hat dieser Nachmittag gleich mehrere Sachen verdeutlicht. Zum einen natürlich einmal mehr, warum ich Musik so liebe. Da waren Leute im Alter von zwei oder drei bis über 70, teils mit, teils ohne Behinderung. Manche waren vor Corona regelmäßig bei Jam Sessions oder spielen seit Jahren in Bands, andere haben sich einfach an ihre Kindheit erinnert gefühlt, als sie eine Rassel in die Hand nahmen oder auf die Trommel schlugen. Musik ist eine Sprache, die über alle Grenzen hinweg funktioniert – so gab es auch überhaupt keine Verständigungsschwierigkeiten, als sich ein Musiker ohne Deutschkenntnisse zu uns gesellte. Zum anderen lohnt es sich, manche Ideen einfach mal umzusetzen, ganz nach dem Motto „Einfach mal machen – könnte gut werden“. Seit Jahren möchte ich mit Hilfe von Musik anderen und mir selbst einen Moment der Freude schenken, einen offenen Raum schaffen, in dem eine ungezwungene und ganzheitliche Selbstentfaltung möglich ist, und Menschen miteinander verbinden. Mit der Mitmachbühne habe ich erstmals aus eigenem Antrieb heraus ein solches Umfeld angestoßen – und es hat sich gelohnt!

  • Appell an alle E-Roller-Fahrer

    Ich bin gerade auf dem Weg zur Arbeit, als mir plötzlich ein E-Roller den Weg versperrt. Er liegt mitten auf dem Gehweg und nichts ahnend, wie ich bin, falle ich erstmal drüber – daran kann auch mein Blindenstock nichts ändern.

    Ich bin vielleicht 50 Meter weitergelaufen, als plötzlich wie aus dem Nichts ein E-Roller an mir vorbeigeschossen kommt, offensichtlich auf dem Weg aus der sich gerade neben mir befindenden Hofeinfahrt auf die Straße. Zum Glück ist weder mir noch dem Fahrer des E-Rollers etwas passiert, aber zumindest ich habe mich ziemlich erschrocken.

     

    Liebe E-Roller-Fahrer, dass diese E-Roller Euren Alltag oft flexibler und einfacher machen, will ich gar nicht bestreiten. Für blinde Menschen sind E-Roller aber mitunter eine Gefahr. Im Vergleich zu Pollern oder Stühlen der Außengastronomie, die in der Regel am selben Ort bleiben, sind sie fast immer unerwartete Hindernisse. Zudem werden sie oft einfach irgendwo abgestellt/abgelegt, manchmal sogar auf Blindenleitstreifen. Ein weiteres Problem ist, dass E-Roller extrem leise sind. Häufig hört man sie gar nicht, gerade bei vielen anderen Umgebungsgeräuschen, und wenn man sie hört, dann erst sehr spät. Deshalb meine Bitte: Achtet auf Eure Umgebung und nehmt Rücksicht auf Eure Mitmenschen. Ihr helft damit nicht nur Menschen mit einer Sehbehinderung, sondern auch Menschen, die mit Rollator, Rollstuhl oder Kinderwagen unterwegs sind und nicht so leicht ausweichen können.

     

    Wenn jeder auf den anderen achtet, ist am Ende allen geholfen. Teilt deshalb gerne diesen Beitrag oder weist anderweitig auf die Situation hin. Vielen Dank!

  • Jahresgruß 2022

    Liebe Leserinnen und Leser,

     

    schon wieder ist ein Jahr vergangen und schon wieder gibt es meinen alljährlichen Jahresgruß …

     

    Mein persönliches Highlight war natürlich die Beendigung meiner Ausbildung und das Glück, an einen Arbeitsplatz übernommen zu werden, an dem ich mich wohlfühle und viel Spaß bei meiner Tätigkeit habe.

     

    Musikalisch hatte ich vier Einsätze zwischen Mai und September und versuchte ansonsten, mich weiterzuentwickeln, so gut es eben möglich war, wobei ich mich vor allem mit meinem Perfektionismus und meinen damit einhergehenden Selbstzweifeln auseinandersetzen musste und deshalb auch keine neuen Songs geschrieben habe. Dafür habe ich einen Zugang zu heilsamen Liedern gefunden (was es damit auf sich hat, erzähle ich mal in einem eigenen Beitrag) und im September habe ich mich dann doch mal dazu entschlossen, Gesangsunterricht zu nehmen und lege seither einen stärkeren Fokus auf Stimmbildung, um meine Gesangstechnik langfristig hoffentlich zu verbessern.

     

    Parallel dazu suche ich seit Ausbildungsende auch wieder verstärkt nach Einsatzfeldern für musikalisch-soziale Arbeit bzw. auch soziales Engagement im Allgemeinen. Ich habe im Laufe der Zeit immer stärker gemerkt, wie sehr es mir fehlt, für andere wirksam zu sein und meine Freizeit zugunsten anderer zu investieren. Ich bin gespannt, wie es diesbezüglich weitergeht.

     

    Erich Kästner soll einmal gesagt haben: „Auch aus Steinen, dir dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen.“

     

    Niemand weiß, was im kommenden Jahr auf uns zukommen wird. Und manchmal passieren unerwartete Dinge, die uns das Leben erschweren: Die Trennung des Partners, der Tod oder die schwere Erkrankung einer nahestehenden Person oder – wie es viele Menschen im vergangenen Jahren leider erleben mussten – eine Naturkatastrophe, die unseren Alltag vollkommen aushebelt. Manchmal geschehen Dinge, die uns jegliche Kraft rauben und bei denen wir uns fragen, warum es gerade uns treffen muss.

     

    Es ist leicht zu sagen, man soll die Hoffnung nie aufgeben. Viel zu oft sieht man nur das Negative und hat noch nicht einmal die Kraft, ein Lächeln über die Lippen zu bringen. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Was ich aber genauso erfahren durfte: Hoffen lohnt sich! Bislang habe ich im Nachhinein immer mindestens einen Grund gefunden, warum ein Schicksalsschlag, eine schwierige Lebensphase doch ihre Daseinsberechtigung hatte.

     

    Diese Zuversicht und Hoffnung wünsche ich Euch von ganzem Herzen. Damit Ihr aus den Steinen, die Euch in den Weg gelegt werden, etwas Schönes bauen könnt. Damit wir die eigene Lebensfreude nicht verlieren und gleichzeitig unsere Mitmenschen nicht aufgeben, egal in welch schir auswegloser Lage sie sich auch befinden. Und damit wir alle uns weiterentwickeln und an den kommenden Herausforderungen nicht verzagen, sondern wachsen.

     

    Vielen Dank an alle, die im vergangenen Jahr auf meiner Website unterwegs waren. Ich freue mich über jede Rückmeldung, positiv wie negativ, sei es zu einem einzelnen Beitrag oder zur Seite allgemein! Ich wünsche Euch alles Gute und viel Gesundheit für das kommende Jahr.

     

    Eure Kerstin