Autor: Kerstin Peters

  • Abenteuer Braille – Teil 2: Verschiedene Schriftformen

    Die Schrift der Sehenden wird zwar von jedem Menschen etwas anders geschrieben, letzendlich handelt es sich aber um immer die gleichen Zahlen, Buchstaben und Sonderzeichen. In der Blindenschrift hingegen gibt es allein im Deutschen gleich vier bzw. eigentlich sogar fünf verschiedene Schriftformen, vier davon basieren auf Louis Brailles 6-Punkte-System und bauen aufeinander auf. Ich bin häufig daran gescheitert, Sehenden erfolgreich zu erklären, warum das so ist, trotzdem möchte ich in diesem Beitrag versuchen, zu erläutern, worin sich diese Schriftgrade unterscheiden und warum man sie überhaupt braucht.

     

    Die Computerbraille

    Man sieht meine Hände auf der Braillezeile, die gerade einen Text lesen.

    Starten wir gleich mit dem von den ursprünglichen sechs Punkten abweichenden Sonderfall: Als „Computerbraille“ bezeichnet man die Schrift, die man in der Regel liest, wenn man am Computer arbeitet. Damit ist sie die Schriftform, die im digitalen Zeitalter wohl am häufigsten vorkommt. Im Grunde handelt es sich bei der Computerbraille um für die Arbeit am Computer angepasste Basisschrift (siehe nächster Abschnitt). Bei der Computerbraille wird, wie bei der Schwarzschrift auch, jedes Zeichen und jeder Buchstabe ausgeschrieben. Gleichzeitig ist die Computerbraille das neueste Schriftsystem. Als die Computer eingeführt wurden, musste das Schriftsystem so angepasst werden, dass jedes Zeichen des Computers auch genau einem Braillezeichen entspricht. Wie wir im weiteren Verlauf des Beitrags noch erfahren, sind für ein groß geschriebenes Wort in der Schrift mit sechs Punkten zwei Zeichen erforderlich (der jeweilige Buchstabe mit einem vorangestellten Großschreibzeichen), genauso ist es beim Darstellen von Zahlen und bei diversen Sonderzeichen. Durch die zwei zusätzlichen Punkte stehen mehr Punktkombinationen zur Verfügung. Damit ist es ganz leicht möglich, mehr Sonderzeichen mit einer Punktkombination zu belegen oder Groß- und Kleinschreibung nur mit einem Zeichen darzustellen: Ein Buchstabe ohne Punkt 7 ist kleingeschrieben, ein Buchstabe mit Punkt 7 ist großgeschrieben. Wenn man eine Braillezeile besitzt (mehr zur Braillezeile gibt’s im Teil „Verschiedene Schreibmöglichkeiten“), schreibt man in der Regel auch Computerbraille darauf.

     

    Die Basisschrift

    Die Basisschrift ist die ursprüngliche Form der Brailleschrift, auf der alles andere aufbaut. Alle Buchstaben werden ausgeschrieben, für Großbuchstaben stellt man den Buchstaben ein spezielles Großschreibzeichen voran, wobei – und das ist in allen 6-Punkt-Schriftsystemen gängig – in professionell gedruckten Büchern häufig die Großschreibzeichen oft weggelassen werden, also einfach alles kleingeschrieben wird. Die Zahlen (1 bis 0) werden mit den Buchstaben a bis j + ein vorangestelltes Zahlenzeichen dargestellt. Die reine Basisschrift wird im Alltag so gut wie nie verwendet, aber letzendlich lernen sie alle, die Brailleschrift lernen, als erstes, um darauf basierend die Besonderheiten der anderen Braille-Varianten zu erarbeiten. Die nun folgenden Unterscheidungen basieren alle auf der Basisschrift und haben alle das Ziel, diese zu verkürzen.

     

    Die Vollschrift

    Man sieht wieder meine Hände, diesmal lese ich aber in einer Papierzeitschrift.

    Die Vollschrift ist in puncto Kürzungsgrad die erste Abstufung. Im Vergleich zur Basisschrift werden hier häufig vorkommende Laute wie „sch“, „ei“ oder „au“ zu einem Zeichen zusammengezogen, wodurch der Text weniger Platz einnimmt. Für sehende Braillelerner*innen oft verwirrend: Was in Computerbraille die Zahlen sind (die da ja ohne Zahlenzeichen geschrieben werden), sind in der Vollschrift unsere Lautkürzungen (z. B. 4 =ch, 5 =sch, 1 =au, 0 =ie). Für mich ist aber immer gleich klar, in welchem Schriftsystem ich mich bewege, weshalb mich das überhaupt nicht irritiert.

    Dass die Computerbraille-Zahlen in der Vollschrift etwas komplett anderes darstellen, ist für Sehende häufig nur schwer nachvollziehbar. Mir ist jedoch in der Regel schnell klar, welches Schriftsystem ich vorliegen habe.

     

    Die Kurzschrift

    Ihr seht das Buch "Das Wunder auf vier Pfoten" von Julia Rompp in Schwarz- und Brailleschrift. Die Brailleschriftausgabe, in Kurzschrift gedruckt, umfasst drei große Ordner mit insgesamt 494 Seiten. Die Schwarzschriftausgabe besteht aus einem Taschenbuch mit 316 Seiten.

    Die Kurzschrift ist die Steigerung der Vollschrift. Hier werden die Kürzungszeichen der Vollschrift beibehalten, es kommen aber noch viel, viel mehr Kürzungen dazu. So gibt es neben den Lautzeichen für „au“, „ei“ oder „sch“ nun auch Zeichen für „en“, „al“ oder auch Doppelkonsonanten wie „ll“ oder „mm“. Zudem gibt es ein- und zweiformige Kürzungen, das bedeutet, dass ein oder zwei Zeichen ein ganzes Wort darstellen (der alleinstehende Buchstabe „a“ steht z. B. für das Wort „aber“, die Buchstaben „jr“ stehen für Jahr o. Ä.). Es gibt auch Zeichen für bestimmte Vorsilben wie „auf“ oder „vor“ oder Nachsilben wie „nis“ oder „schaft“.

    Die Kurzschrift ist vor allem im Hinblick auf Papierbücher in Brailleschrift wichtig. Da die Punkte viel mehr Platz als die Schwarzschrift in Anspruch nehmen (sie haben immer eine Größe von 6 bis 7 mm, denn man muss sie ja gut ertasten können) und auf deutlich dickeres Papier gedruckt werden müssen, bekommt man nicht selten ein riesiges Paket mit etlichen Ordnern, wenn man ein Buch ausleiht oder kauft. Ein Text in Vollschrift kann durch den Einsatz der Kurzschrift um weitere 30 bis 40 Prozent verkürzt werden – kein Wunder, dass etwa 80 Prozent aller Bücher in Kurzschrift gedruckt werden..

    Während meiner fünften und sechsten Klasse musste ich die Kurzschrift noch verpflichtend lernen. Viele meiner Mitschüler*innen haben das damals schon nicht ernstgenommen, weil es doch digitale Bücher für die Braillezeile gibt und die doch um Welten praktischer sind als die absolut reiseuntauglichen Papierbücher. Inzwischen ist das Erlernen der Kurzschrift zumindest an der Blindenschule, die ich besucht habe, nach meinem Kenntnisstand nicht mehr verpflichtend. Doch für alle Jugendlichen und Erwachsenen, die Papierbücher lesen möchten, ist die Kurzschrift ein Muss, da es ab einer bestimmten Altersstufe (meist ab etwa zwölf Jahren) keine Papierliteratur mehr in Vollschrift gibt. Aber achtung: Wer sagt, lesen fördert die Rechtschreibung, hat zumindest bei der Kurzschrift unrecht, denn bei so vielen Kürzungen bleibt von der eigentlichen Schreibweise des Wortes nicht mehr viel übrig.

     

    Blindenstenografie

    Früher dachte ich immer, die Kurzschrift sei unsere Steno, doch dem ist nicht so. Tatsächlich gibt es ein noch kürzeres (und noch wesentlich komplexeres) System, das sogar ganze Sätze und Redewendungen mit speziellen Kürzungen darstellt. Ich persönlich kenne niemanden, der diese Schrift beherrscht und ich weiß auch nicht, wie verbreitet sie in der heutigen Zeit noch ist, aber sie soll es ermöglichen, gesprochenes Wort in Echtzeit mitzuschreiben – wahrscheinlich wie die Stenografie für Sehende auch. Um Steno zu schreiben, braucht man eine spezielle Technik, den sogenannten „Streifenschreiber“, wobei ich Euch nicht erklären kann, wie dieser aussieht oder wie er funktioniert, und manchmal wird für die Steno auch ein 7- bzw. 8-Punkt-System benutzt.

     

    Direkter Schriftvergleich

    Zuletzt noch ein Beispielsatz, damit Ihr den Unterschied zwischen Computerbraille, Vollschrift und Kurzschrift noch besser versteht.

    Computerbraille: So schreibe ich Blindenschrift im Jahr 2021.

    Vollschrift (mit Großschreibzeichen): $so 5r3be i4 $blinden5rift im $jahr #bjba.

    Kurzschrift (ohne Großschreibzeichen): p 5be # bl*dc5t – jr #bjba.

  • Abenteuer Braille – Teil 1: Grundlagen

    Die allermeisten haben sicher schon mal von der Blindenschrift, auch Punktschrift oder Brailleschrift genannt, gehört – doch was hat es damit auf sich? Im ersten Teil der Serie „Abenteuer Braille“ erzähle ich von der Entstehung und Systematik der Brailleschrift.

     

    Der Name „Brailleschrift“ ist auf den blinden Franzosen Louis Braille zurückzuführen. Er wurde am 4. Januar 1809 in Coupvray, einem Ort nahe Paris, geboren. Als kleiner Junge hielt er sich gerne bei seinem Vater in der Sattlerwerkstatt auf. Es faszinierte ihn, wie sein Vater arbeitete, und er hatte großes Interesse an den verschiedenen Outensilien, die man dort finden konnte.

     

    Als er als Dreijähriger wieder einmal dort spielte, verletzte er sich mit einer Ahle am Auge. Die Folge war die vollständige Erblindung des Jungen. Nachdem er zunächst die Schule in seinem Heimatort besuchte, kam er ans Institut National des Jeunes Aveugles, die Blindenschule in Paris. Hier erlernte Louis, zu lesen und zu schreiben – doch es gab ein Problem: Die Schrift, die es damals für Blinde gab, war sehr unpraktisch und das Lesen und Schreiben gestaltete sich sehr mühsam.

     

    Eines Tages hörte Louis von einer Schrift, die für Soldaten entwickelt wurde, damit diese sich auch im Dunkeln verständigen konnten. Die Schrift bestand aus zwölf Punkten und jede Punktkombination war einem Zeichen zugeordnet. Louis war beeindruckt von der Idee und beschloss, dieses Konzept weiterzuentwickeln. Seine Schrift bestand ebenfalls aus Punkten, aber nur aus sechs Punkten, um das Schriftsystem einfach zu halten. Diese sechs Punkte ordnete Louis in zwei Reihen nebeneinander und drei Reihen untereinander an, wie die Augen eines Würfels. Die linken drei Punkte nummerierte er von oben nach unten mit 1, 2 und 3, die rechten drei Punkte mit 4, 5 und 6. Die oberen zwei Punkte waren also die Punkte 1 und 4, die mittlere Reihe beinhaltete die Punkte 2 und 5 und unten fand man die Punkte 3 und 6. Aus sich daraus ergebenden möglichen Punktkombinationen (nur Punkt 1; Punkte 4, 5 und 6; Punkte 1 und 6; Punkte 1, 3, 5 und 6 usw) ließen sich alle Buchstaben und Zahlen sowie einige Sonderzeichen bilden. Dadurch, dass jede Punktkombination einem bestimmten Zeichen zugeordnet war, konnte diese Schrift sehr schnell gelesen und geschrieben werden.

     

    1825, also im Alter von 16 Jahren, war Louis‘ Schriftsystem fertig. Er präsentierte seine Schrift in seiner Schule in Paris. Hier lehnte man sie ab, auch dann noch, als er später selbst als Lehrer dort unterrichtete. Den Durchbruch seiner Schrift erlebte Louis nicht mehr mit, in Paris wurde sie erst nach seinem Tod anerkannt. Heute jedoch ist die Brailleschrift die Schrift für Blinde – auf der ganzen Welt.

  • Jahresgruß 2021

    Liebe Leserinnen und Leser,

     

    ein turbulentes Jahr liegt hinter uns. Ein Jahr, in dem sich unser Leben in einem Ausmaß verändert hat, wie wir es vor einem Jahr noch nicht vermutet hätten – und doch, zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht, war nicht alles negativ.

     

    Heute vor einem Jahr blickte ich voller Spannung auf zwei größere und ein paar weitere kleinere Auftritte, die natürlich alle abgesagt wurden, umso mehr spürte ich die Freude am Musizieren ganz alleine ohne das Wissen, bestimmte Lieder in zwei Wochen fehlerfrei beherrschen zu müssen. Das Homeschooling war für alle neu, ansonsten ging meine Ausbildung aber regulär weiter und ich konnte viele spannende Erfahrungen sammeln und lernen, was blind möglich ist, wo aber auch Grenzen liegen. Wesentlich herausfordernder als die Ausbildung war das Jahr auf mentaler Ebene, positiv wie negativ, doch gerade daraus habe ich viele wertvolle Erfahrungen und Erkenntnisse mitnehmen können, über mich, über das Leben und für meine Zukunft. trotz vieler Veränderungen, die für mich (und für uns alle) in dieser Form völlig neu waren, kann ich daher zusammenfassend sagen, das 2020 ein positives Jahr für mich war.

     

    Was wird dieses Jahr passieren? Nach den Entwicklungen des letzten Jahres möchte ich da nicht allzu viele Prognosen aufstellen. Meine größte Hoffnung ist, dass ich meine Ausbildung im Sommer wie geplant abschließen kann. Was musikalisch und/oder sozial bei mir  ansteht, bleibt abzuwarten. Bezüglich meiner Website ist geplant, dass ich während der intensiven Prüfungsvorbereitung in den nächsten Monaten hauptsächlich Artikel der Kategorie „Leben mit Blindheit“ online stelle, die ich im Laufe des letzten Jahres schon vorbereitet habe. Unter anderem plane ich für den Januar eine Artikelserie unter dem Motto „Abenteuer Braille“ – schaut also auf jeden Fall immer wieder vorbei! Vielleicht schaffe ich es ja auch mal noch, meine Website wieder zu 100 Prozent funktionstüchtig zu machen. Ich habe mich im April 2020 mit großem Eifer in eine grundlegende Überarbeitung gestürzt, manch Angefangenes ist aber bis heute liegengeblieben. So bekommen meine Newsletter-Abonnenten hoffentlich bald endlich wieder zuverlässig Benachrichtigungen über neue Beiträge – ich habe Euch nicht vergessen, das Problem steht weiterhin auf meiner To-Do-Liste!

     

    Ich freue mich sehr, dass Ihr auch 2020 meine Beiträge gelesen habt, auch wenn vergleichsweise wenig online ging und danke Euch dahingehend auch für Euer Feedback, fürs Teilen meiner Artikel (mein Beitrag zum Kanufahren als Blinde hat es bis auf die Seite des Deutschen Kanuverbands geschafft) und für Euer Verständnis, gerade als meine Seite zeitweise wirklich wüst aussah.

     

    Ich wünsche Euch von Herzen viel Gesundheit und Erfolg für dieses Jahr, was auch immer bei Euch ansteht, dass Ihr viele wertvolle Erfahrungen machen und viele schöne Momente genießen könnt. Und vergesst nicht: In allem Negativen steckt auch etwas Positives und in jeder Krise gibt es einen leuchtenden Stern, der Euch wieder rausführt – sei es ein Mensch, ein Ort, ein Ereignis oder etwas ganz anderes. Verliert daher niemals die Hoffnung (ja, ich weiß, das ist manchmal wirklich schwer!) und führt Euch gerade auch an schir aussichtslosen schwierigen Situationen das Positive vor Augen, denn man kann immer etwas Positives finden!

     

    Eure Kerstin

  • Dem Wasser ganz nah – Kanu fahren ohne zu sehen

    Mit anderen zusammen oder alleine unterwegs sein, sich sportlich betätigen, die Natur mal aus einem anderen Blickwinkel wahrnehmen, Action und Nervenkitzel – beim Kanufahren kann man gleich alles haben. Auch ich steige seit April 2019 in der Regel einmal in der Woche ins Kajak.

     

    Wie ich zum Paddeln kam

    Nahezu zufällig begegnete mir die Ausschreibung eines Kanu-Einstiegskurses. So ganz konnte ich nicht einschätzen, was da auf mich zukommen würde, aber da ich gerne Neues ausprobiere und ich das Angebot ziemlich spannend fand, schrib ich einfach mal die Kursleitung an. Kurz darauf hatte sich ein erfahrener Paddler des Vereins als individuelle Begleitung für mich zur Verfügung gestellt.

     

    Während die anderen Teilnehmenden in ein Einzel-Kajak stiegen, übte ich in einem Zweier-Kajak. Das Zweier-Kajak ist nicht zwingend erforderlich, denn man kann blind auch problemlos in einem Einzel-Kajak fahren, wenn die anderen in Hörweite bleiben, jedoch hat das Zweier-Kajak in der Anfangsphase große Vorteile. So machte der Kursleiter Grundschlag, Bogenschlag, Ziehschlag etc vor und die Teilnehmenden schauten ihm dabei zu und konnten die Techniken recht leicht übernehmen. Ich hingegen brauchte eine viel konkretere Ansprache, die mir durch Worte oder auch mal durch Handführung erfahrbar macht, was zu tun ist. Das fing schon damit an, wie das Paddelblatt ins Wasser getaucht werden muss. Mit der Zeit bekommt man durch den Wasserwiderstand zwar ein taktiles Feedback darüber, ob es passt oder ob man das Paddel noch etwas drehen sollte, bis man aber dieses Gefühl hat, braucht man diesbezügliche Hinweise. Um den sehenden Mitfahrer dahingehend etwas zu entlasten, haben wir am Griff des Paddels ein Holzstück mit Klebeband als Markierung angebracht. Wenn das Holzstück in Fahrtrichtung zeigte, stimmte die Position des Paddelblatts. So konnte ich mir schnell einprägen, wie sich das Paddelblatt im Wasser anfühlen muss beziehungsweise wie nicht. Inzwischen brauche ich keine Markierung mehr, weil ich anhand des Wasserwiderstands genau spüre, wie ich das Paddel gerade halte.

     

    Weiterer Vorteil des Zweierkajaks: Ich kann mich vollkommen auf die Paddeltechnik konzentrieren und brauche mich nicht um die Richtung oder um das Ausweichen von Hindernissen, die es im Wasser in Form von Treibholz, Büschen, Steinen, anderen Booten etc zuhauf gibt, kümmern – gerade bei längeren Touren oder wenn es auf den Rhein geht eine große Entlastung.

     

    Herausforderung im Einzelkajak

    Um ehrlich zu sein ist das Fahren im Einzelkajak immer noch konzentrationstechnisch herausfordernd für mich. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man sich am Anfang immer wieder dreht und sehr oft die Richtung anpassen muss, um geradeaus zu fahren und auch Sehende müssen etwas üben, damit es klappt, aber ich glaube schon, dass man als Blinde noch ein deutlich besseres Gespür für Boot und Paddel braucht. Ich habe am Anfang beispielsweise gar nicht gemerkt, dass ich mich gedreht habe und war echt froh, dass man mir nicht erst noch den entsprechenden Paddelschlag zeigen musste, wenn man „rechts!“ oder „links!“ rief – das hätte mich vermutlich überfordert.

     

    Auch die Orientierung auf dem Wasser ist wesentlich vielschichtiger als die Orientierung bei Sehenden: Idealerweise fährt immer jemand vor mir her und spricht mit mir oder jemand anderem. Die Person kann auch ein Glöckchen am Boot haben oder Ähnliches, hauptsache, sie macht sich (so durchgehend wie möglich) akustisch bemerkbar. Das ist die mit Abstand einfachste und entspannteste Methode, und wenn wir ohnehin in einer Gruppe fahren und sich die Paddler vor mir einfach über alles Mögliche unterhalten, bin ich vollkommen unauffällig dabei.

     

    In mir bekanntem Gebiet nutze ich – insofern nicht von Wolken verdeckt – auch die Sonne als Orientierung. Wenn ich um die gewohnte Uhrzeit auf dem Wasser bin, weiß ich, wo die Sonne sein muss (vor mir, rechts/links von mir oder hinter mir) und mit ein paar geographischen Grundkenntnissen zur Umgebung kann ich die Sonne als Kompass einsetzen, um mich zu orientieren. Wenn Bäume die Sonne verdecken, ist das natürlich schlecht, aber mit dieser Kenntnis bin ich auch schon ein Stück komplett alleine gepaddelt.

     

    In solch einer Situation bietet sich dann die „Echo-Ortung“ als Ergänzung an. Als „Echo-Ortung“ bezeichnet man spezielle Schnalzlaute, deren Echo mir akustische Informationen über mein Umfeld gibt, ähnlich wie bei Fledermäusen. Dadurch kann ich wichtige Informationen bekommen: Fahre ich näher am rechten oder am linken Ufer? Könnten während der nächsten Paddelschläge Büsche meine Haare streifen? Nicht alles hört man, ich bin auch schon gegen einen schwimmenden Baumstamm gefahren, und leider kommt das Echo oft genug von der Bootsspitze zurück, sodass man gar nicht hören kann, was sich davor befindet. Es gibt aber auf jeden Fall eine gewisse Sicherheit, immerhin wenige Informationen über seine Umwelt zu haben. Dennoch: Menschen, die nicht wenigstens noch einen kleinen Sehrest haben, sollten niemals komplett ohne sehende Begleitung auf dem Wasser unterwegs sein – schon gar nicht in fremden Umgebungen.

     

    Theoretisch können blinde Menschen auch alleine im Wildwasser fahren (akustische Anhaltspunkte gibt es überall), ich persönlich steige aber schon bei Ausfahrten auf dem Rhein oder an mir unbekannten Orten aufs Zweier-Kajak um – ganz davon abgesehen, dass es sich im eigenen Boot einfach am schönsten fährt.

     

    Apropos Fluss: Gerade hier ist es ungemein wichtig, das Wasser zu erspüren, um die Strömung richtig einzuschätzen. Dafür beobachtet man genau, wie sich das Paddel im Wasser verhält und wie das Wasser mit dem Boot interagiert: Schaukelt das Boot oder dreht es sich? Gibt es einen hohen Widerstand beim Paddeln oder geht alles ganz leicht? Gleichzeitig schätzt man als Blinde Gegebenheiten manchmal ganz anders ein als Sehende: Wir waren gerade eifrig am Paddeln, als ich ziemlich zentral vor uns ein Rauschen hörte, was von meinen Ohren als Gefahr aufgefasst wurde, obwohl in Wahrheit nur eine Buhne, die man gut überpaddeln kann, dafür verantwortlich war. Hier ist dann wieder die sehende Person wichtig, die einen dann über die Frage „Was ist denn das da vor mir?“ aufklärt. Spannend wird es auch, wenn ein Schiff in der Nähe ist. Während mich auf dem Altrhein alle kennen und mir mit ihren Booten konsequent ausweichen, liegt es auf dem Rhein an mir, dem Schiff rechtzeitig auszuweichen. Ein sinnvoller Weg ist hier, nahe des Ufers (außerhalb der Fahrrinne) zu fahren – und das bedeutet vor allem, schnell auf entsprechende Anweisungen des Vorfahrenden zu reagieren.

     

    Fazit

    Nicht immer ist die Präsenz auf dem Wasser einfach, erfordert Anstrengung und Konzentration. Doch das Paddeln ist auch eine wunderschöne und entspannende Aktivität: Es ist herrlich, sich vom Wasser treiben zu lassen, und wenn wir zu zweit in einem Boot sitzen, kann ich mich voll und ganz auf die Paddeltechnik konzentrieren und dahingehend auch mal etwas Neues lernen. Zudem muss ich nicht durchgehend zu 100 Prozent präsent sein, wodurch ich mich hier deutlich mehr entspannen kann, davon abgesehen, dass ich im Zweier-Kajak meist unauffälliger als im Einzelkajak bin und viele überhaupt nicht merken, dass ich blind bin. Manchmal paddeln wir minutenlang schweigend den Altrhein entlang und beobachten die Natur. Mein Begleiter beschreibt mir, was er sieht, und die gemütlichen, gleichmäßigen Bewegungen mit dem Paddel sind fast meditativ  – wunderschön

    Kerstin beim Paddeln im Einerkajak

     

    Beides hat seinen Reiz: Alleine im Boot sitzen, für sich selbst verantwortlich zu sein, die Freiheit und Unabhängigkeit zu spüren, die ich empfinde, wenn ich mich trotz meiner Blindheit aus eigener Kraft in meinem Boot fortbewege, aber auch die Entspannung, mal nicht auf die Richtung und eventuelle Hindernisse achten zu müssen, mich mit einem erfahrenen Mitfahrer sicher zu fühlen und einfach loszulassen und zu genießen oder mich aber auch mal körperlich herauszufordern.

     

  • Wer singt denn da? Von Vögeln und ihren Stimmen

    Als Kind hatte ich CD’s, auf denen verschiedene Vogelarten behandelt wurden. Durch die Stimmenbeispiele konnte ich schon bald einige Vögel erkennen und meinen Eltern etwas über sie erzählen, wenn wir unterwegs waren. Wie ich dann allerdings älter wurde und die CD’s nicht mehr hörte, blieben mir nur einige wenige Vogelstimmen im Gedächtnis, die meisten verlernte ich – bis zu diesem Frühjahr.

     

    Während des Corona-Lockdowns im Frühling entstand bei mir die Routine, jeden Tag einen Spaziergang zu machen. Nach zehn bis 15 Minuten Fußweg bin ich in schöner Natur mit vielen Bäumen, einem ruhigen Gewässer und gut ausgebauten Waldwegen. Oft nutzte ich diese Spaziergänge, um die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen und meine Umgebung bewusst zu beobachten. Inspiriert durch die vielen Eindrücke, die vor allem durch die Faszination für die verschiedenen Vogelstimmen, die ich hörte, geprägt waren, erinnerte ich mich an jene Zeit zurück und begann, die Vogelstimmen nochmal neu zuordnen zu lernen.

     

    So habe ich im Laufe der Monate unsere gefiederten Schrebergartenbesucher oder die Vögel vor dem Fenster meines Büros mal etwas genauer unter die Lupe genommen. Besonders bereichernd waren und sind für mich die Beobachtungen, die ich mache, wenn ich mit dem Kanu auf dem Altrhein fahre. Zum einem hört sich vom Wasser aus alles nochmal anders an und ich kann teilweise durch naturbelassene Oasen paddeln, die ich zu Fuß gar nicht in dieser Perspektive erreichen würde, zum anderen ist die Artenvielfalt am Altrhein nochmal deutlich anders als das, was ich in dem von meinem Zuhause fußläufig erreichbaren Wald hören kann – und dennoch war es auch ein Erlebnis, eines Morgens vor Einbruch der Dämmerung aufzubrechen, um mir einen hautnahen Eindruck von dem natürlichen Konzertprogramm, aufgrund seiner schematischen Abfolge auch als „Vogeluhr“ bezeichnet, der Vögel zu verschaffen.

     

    Jetzt, im Sommer, werden die meisten Arten leider eher still. Das liegt daran, dass insbesondere die Männchen den Gesang als Mittel nutzen, um Weibchen anzulocken und ihr Revier vor der Konkurrenz zu verteidigen. Im Sommer ist die Brutzeit dann vorbei und die Vögel singen wieder weniger. Deshalb wiederhole ich die Vogelstimmen nun noch mehr mit meinen Lerntools, die sich auch für Interessierte ohne Vorkenntnisse eignen. An dieser Stelle möchte ich Euch einige von ihnen vorstellen.

    Hinweis: Alles, was ich im folgenden aufführe, hat keine kommerziellen Hintergründe, sonder sind persönliche Empfehlungen basierend auf meinen Erfahrungswerten.

     

    In der kostenlosen App „40 Gartenvögel“ finden sich – wie der Name schon sagt – die 40 häufigsten Gartenvögel übersichtlich zusammengefasst mit einem Bild, einem kurzen Text und einem Tonbeispiel. Die App-Entwickler legen wert auf Barrierefreiheit und haben sich beispielsweise im letzten Update darauf fokussiert, die App für VoiceOver noch leichter bedienbar zu machen. Die gleichen Vogelstimmen und -arten wie bei „40 Gartenvögel“, nur mehr Infos in Textform findet man zudem hier:

    https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/stunde-der-gartenvoegel/vogelportraets/index.html

    Auch abgesehen von den 40 Vogelarten ist die Website des NABU für mich die erste Anlaufstelle, wenn ich mich mit den Vögeln beschäftigen möchte. Hier gibt es viele informative Artikel über Aussehen und Lebensweise der verschiedenen Arten, Inspirationen, wie man selbst für die Vögel aktiv werden kann, einen Vogeltrainer mnklusive Selbsttest und ein Vogelstimmen-Quiz. Die Inhalte sind gut aufbereitet und bis auf wenige Kleinigkeiten ist alles auch mit Screenreader gut nutzbar.

     

    Ein deutlich größeres Vogelstimmenverzeichnis mit 308 verschiedenen Vogelarten findet man in der App „Vogelwelt“. Die Steckbriefe mit Informationen zu Größe, Erkennungsmerkmalen, Brutzeit u. a. kann man bereits in der kostenlosen Basis-Version lesen, Aufnahmen der Vogelstimmen, Fotos von den Eiern oder Videos, die eine Vogelbeobachtung aus der Nähe ermöglichen, kann man sich bei Bedarf einzeln oder als Gesamtpaket kaufen. Mit etwas Übung lässt sich auch diese App blind bedienen.

     

    So, jetzt haben wir daheim gut gelernt, aber was, wenn uns dann im Wald plötzlich eine Vogesstimme zu Ohren kommt, die wir einfach nicht einordnen können? Vogelstimmen-Erkennungsapps findest Du im Appstore zu Hauf, bislang habe ich jedoch die Erfahrung gemacht, dass da bei Hintergrundgezwitscher anderer Vögel schon einiges an Verwirrung und Unklarheit aufkam und/oder die App nicht barrierefrei ist. Hier kann es also durchaus schwierig werden. Die Bayern hatten da mit dem „Vogelphilipp“ mal eine super Lösung. Der Vogelphilipp ist ein Vogelexperte, dem man über Whatsapp eine Sprachnachricht mit der entsprechenden Vogelstimme schicken konnte und dann gesagt bekam, welcher Vogel das war. Häufig ist aber die einzige Möglichkeit, mit einem aufnahmefähigen Gerät die entsprechende Vogelstimme aufzunehmen, sie sich dann daheim wieder ins Gedächtnis zu rufen und dann sein Glück in einer Vogelstimmen-Übersicht zu versuchen.

     

    Zu guter Letzt empfehle ich Euch noch dieses YouTube-Video:

     

    Viele Vögel kann man nicht sehen, wenn sie durchs Gebüsch hopsen und in den Baumkronen umherfliegen, doch übers Gehör kann man sie möglicherweise trotzdem erkennen. Ich jedenfalls finde es eine spannende Sache. Jede Vogelart hat ihre ganz eigenen Gesänge und Warnrufe, die einem als blinde Person in ihrer Vielfalt wohl das prägendste akustische Merkmal des Frühlings sind. Durch die Auseinandersetzung mit den Vogelstimmen bin ich aufmerksamer geworden, wenn es um die Geräusche um mich herum geht – und inzwischen passiert es schon fast unterbewusst, dass ich jedes Zwitschern, das ich höre, zuzuordnen versuche.

  • Vom Blatt Papier auf die Braillezeile – scannen mit der Pearl Kamera und Openbook

    Immer wieder werde ich als Blinde mit Papieren in Schwarzschrift vor eine Herausforderung gestellt. Um mir diese zugänglich zu machen, nutze ich verschiedene Methoden. Meine „Arbeitsplatzmethode“, das Abfotografieren von Blättern mit Hilfe der Pearl Kamera, stelle ich Euch heute vor.

     

    Die Kamera selbst

    Die Pearl Kamera ist ein portables und kompaktes Kamerasystem, das sich in meinem Fall vor allem jetzt während der Ausbildung mit den vielen Wechseln der Abteilungen auszahlt. Zusammengeklappt passt die Kamera in jeden Rucksack und am neuen Ort angekommen, ist sie mit drei Handgriffen wieder aufgebaut. Es handelt sich dabei um eine Standkamera, unter die das Blatt gelegt werden kann. Dabei ist die „Anlegekante“ speziell für Blinde optimiert und dort, wo sich die Mitte des Blattes befinden sollte, mit einer Markierung versehen. Damit die Pearl Kamera funktioniert, benötigt sie ein Endgerät, üblicherweise einen Laptop, von dem aus die gesamte Steuerung inklusive aller Einstellungen sowie die Ausgabe des abfotografierten Textes stattfindet. Das dafür erforderliche USB-Kabel ist fest mit der Kamera verbunden, sodass man zumindest dieses Kabel nicht vergessen kann.

     

    Openbook

    Es gibt verschiedene Texterkennungs-Programme, die mit der Pearl Kamera kooperieren. Ich persönlich verwende „Openbook“. Das speziell für blinde Anwender entwickelte Programm stammt von der gleichen Firma wie die Kamera selbst, weshalb die beiden Komponenten sehr gut miteinander harmonieren. Über Openbook verwalte ich die Kameraeinstellungen, starte und koordiniere den Scanvorgang und bekomme den abfotografierten Text angezeigt, sodass ich ihn lesen oder in andere Programme, z. B. in Microsoft Word, kopieren kann. Zudem kann ich auch bereits digital vorhandene Dokumente, beispielsweise Fotos, in Openbook konvertieren und dadurch möglicherweise besser lesen. Openbook wertet den Text aus und wandelt ihn entsprechend um.

     

    Kurzablauf eines Scanvorgangs

    1. Wenn nicht schon passiert, baue ich die Kamera auf, verbinde sie per USB-Kabel mit dem Laptop und verschaffe mir daneben Platz, um ein Blatt glatt auf dem Tisch ablegen zu können.
    2. Das Blatt, das ich scannen möchte, lege ich mit der kurzen Seite an der Anlegeschiene der Kamera an (siehe Foto). Der Markierungspunkt auf der Schiene hilft mir dabei.
    3. Anschließend starte ich Openbook, das meine Kamera idealerweise schon erkannt hat, auf meinem Laptop. Über den Laptop starte ich nun den Scanvorgang. Nach wenigen Sekunden macht die Kamera ein Foto des darunter liegenden Blattes, welches von Openbook erkannt und aufbereitet wird. Wenige weitere Sekunden später erscheint der Text, der auf dem Blatt steht, auf dem Laptopbildschirm.

     

    Meine Schritt-für-Schritt-Anleitung für Blinde

    Als ich kürzlich im Internet etwas nachschauen wollte, stellte ich fest, dass es kaum Informationen zur Pearl Kamera auf deutsch gibt, lediglich die englische Original-Bedienungsanleitung und einen Erfahrungsbericht eines anderen blinden Bloggers konnte ich finden. Deshalb habe ich eine Schritt-für-Schritt-Anleitung geschrieben, die insbesondere auf die Grundlagen Kameraauf- und -abbau sowie das Einscannen einzelner Blätter mit Openbook eingeht. Sie dient daher insbesondere blinden Menschen sowie deren sehendem Umfeld als Orientierungshilfe, aber auch allen anderen Interessierten, die mehr über diese Möglichkeit der Texterkennung erfahren möchten. Die Anleitung findet Ihr hier:

    https://cap4free.de/2020/06/14/texte-auf-papier-mit-pearl-kamera-und-openbook-einscannen-eine-schritt-fuer-schritt-anleitung/

     

    Man sieht die Pearl in ihrer Tasche

     

    Zusammengeklappte Pearl ohne Tasche

     

    Die Pearl ist jetzt fertig aufgebaut. Das Kabel steckt im USB-Port eines Laptops

     

    Unter die Pearl wurde ein Blatt gelegt. Die kurze Seite des Blattes liegt glatt an der Schiene der Pearl an. Auf dem Blatt sind die Wörter Test und Pearl zu lesen

     

    Startbildschirm von Openbook - das leere Dokument, in dem später der erkannte Text angezeigt wird, und das Hauptmenü

     

    Screenshot des Laptopbildschirms nach dem Scanvorgang. Auch hier werden jetzt die Wörter Test und Pearl angezeigt

     

  • Mein Text anlässlich des Aktionstages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai

    Ich steige aus der Straßenbahn, spüre eine leichte Kälte auf meiner Haut, eine frische, aber angenehme Brise, höre, wie sich die Tür mit leisem Piepsen schließt, die Bahn etwas ratternd davonfährt und es wieder still wird. Ich weiß, wo ich bin, kenne diesen Ort ganz genau. Nach elf Jahren Internat in der Blindenschule im Nachbarort ist diese Umgebung so etwas wie meine zweite Heimat. Ich gehe die Straße entlang, langsam, aber zielstrebig, Blindenstock voraus, vorbeibrummende Autos zu meiner rechten Seite, links eine Hauswand, die mir als Orientierung dient. Etwas später eine niedrige Mauer, dann eine sich akustisch deutlich vom Rest abhebende Einfahrt. Noch ein paar Meter muss ich weiter. Durch den Hof zum Hintereingang, dann bin ich da.

     

    Die Musik ist deutlich zu hören, ich brauche ihr nur zu folgen. Als die Kugel meines Stocks die Stufenkante berührt, bleibe ich stehen, taste vorsichtig nach dem Geländer und gehe dann schnell die steile Treppe hinunter. Es dauert nur wenige Sekunden, dann höre ich eine mir bekannte, sichtlich erfreute Stimme neben mir: „Hey Kerstin, schön, dass Du da bist!“ Kurz darauf sitze ich auf einem Stuhl und genieße die klangliche Vielfalt und die ausgelassene Stimmung. Ich komme mit ein paar Tischnachbarn ins Gespräch. Wir plaudern über Musik, über unsere Berufe, wie es nun mal so ist, wenn ein Gespräch begonnen wird. Irgendwann wird meine Blindheit Thema, man fragt mich, wie ich zum Veranstaltungsort gekommen bin, wie ich tanze und Kanu fahre – zwei meiner vielen weiteren Hobbys – und ich erwähne in einem Nebensatz, dass ich irgendwann alleine reisen und mich für andere einsetzen möchte und es mir nicht darum geht, perfekt musizieren zu können, sondern möglichst vielen Menschen Freude zu schenken. Es ist ein ganz normales Gespräch, gleichberechtigt und auf Augenhöhe, in dem meine Blindheit nicht mit Mitleid oder Bewunderung geahndet wird, sondern in dem sie als Eigenschaft, wie jeder seine Eigenschaften mit ihren Vor- und Nachteilen hat, wahrgenommen wird.

     

    „Na, hast Du Lust auf Musik?“, ruft jemand mir zu. Man führt mich durchs Getümmel zum Piano, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt.  Nebenbei verfolge ich mit einem Ohr den röhrenden Sound der Gitarre, bevor ich einsetze. Meine Finger gleiten leichtfüßig über die Tasten, nicht wie die Finger einer Profipianistin, aber dafür voller Glück und Lebensfreude. „Geht’s Euch gut?“, rufe ich ins Mikrofon, das vor dem Piano steht, und einmal mehr bin ich in einer für mich jedes Mal aufs Neue unglaublichen Kommunikation mit dem Publikum, in der mich jene unsichtbaren Schwingungen die Atmosphäre spüren lassen und wir alle zusammen musizieren, obwohl ich nun alleine auf der Bühne agiere – und das ist das Stichwort: Ich bin nicht anders als andere, nicht besonderer. Ich bin ein Teil von ihnen. Rücksichtnahme und die Offenheit, jeden einzelnen Menschen mit seinen Schwächen und Stärken, seinen Wünschen, Bedürfnissen und Fähigkeiten, aber auch mit seinen Einschränkungen und Schwierigkeiten zu akzeptieren ist das, was uns als Gesellschaft ausmacht und ausmachen sollte, wenn wir einander begegnen – egal wer und wie wir sind, wo wir herkommen und wohin wir gehen.

     

    Etwas später bin ich von anderen Musikern umgeben, und wir improvisieren, was uns so in den Sinn kommt, von den Beatles bis Ed Sheeran, wobei ich Dank meines Gehörs absolut gleichberechtigt mitmachen kann. „Spielt Ihr das alles gerade eigentlich nach Noten?“, frage ich vor unserem letzten gemeinsamen Lied. „Nein, die spielen alles blind“, antwortet ein Mann mit tiefer, leicht schnarrender Stimme mit einem leichten bayrischen Akzent. Alle lachen. „Aber niemand spielt so blind wie ich“, merke ich an und lache mit.

     

    Hinweis: Dieser Text ist einer von vielen tollen Beiträgen, die im Rahmen der Aktion „Tag 05“ des Stadtjugendausschusses Karlsruhe anlässlich des Aktionstages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 05.05. entstanden sind. Aus allen Beiträgen ist ein Video entstanden, dass Ihr hier anschauen könnt:

  • Jam Session im Palü in Mannheim-Seckenheim am 06.03.2020 zugunsten des Mädchenhauses des Kinderheims St. Joseph in Mannheim

    Wie angekündigt war ich vorgestern Abend bei der Jam Session im Palü in Mannheim-Seckenheim – und ich kann nur nochmals sagen: Es lohnt sich!

     

    Die Jam Session beginnt immer mit einer Band, die für ca. 45 bis 60 Minuten das Publikum auf den Abend einstimmt. Diesmal war „Anke P.“ auf der Bühne und brauchte uns alle nicht lange zum Mitmachen aufzufordern. Im Anschluss wurde das Mädchenhaus des Kinderheims St. Joseph in Mannheim vorgestellt, für das an diesem Abend gespendet wurde. Die Jam Sessions sind grundsätzlich kostenlos, jedoch werden dabei Spenden für soziale Projekte gesammelt – wie ich finde eine tolle Möglichkeit, um für andere wirksam zu sein!

     

    Perfekt eingestimmt ging es dann in die „richtige“ Jam Session. Von spontanen Schlagzeugsoli über neu interpretierte Charthits und karibisches Flair bis hin zu freien Improvisationen war dabei alles vertreten. Ich selbst wiederholte meine Songs von meiner ersten Jam Session im November und brachte mit „Liebe Dich selbst“ noch ein weiteres Lied mit, wobei ich überrascht und begeistert war, als plötzlich Musiker an Bass, Gitarre, Schlagzeug und Cajon um mich herumsaßen und mitspielten – typisch Jam Session eben! Besonders beeindruckte mich, wie man sich über die Musik versteht, ohne miteinander zu sprechen. Man konnte meinen, die Lieder wären lange geprobt worden, weil einfach alles zusammenpasste, dabei kannte man sich teilweise überhaupt nicht. Die Freude an der Musik war im ganzen Raum erlebbar und hatte oberste Priorität. Klar, manchmal ging beim spontanen Musizieren auch mal was schief – aber das war egal, hauptsache, es machte Spaß!

     

    Es war wieder ein rundum gelungener Abend und Ihr könnt Euch sicher sein, dass das nicht mein letztes Mal war!

  • Vom Altenheim über die Landwirtschaft zum Fußballclub

    Eigentlich war ja nur ein Auftritt für den Dezember geplant, aber irgendwie kam dann eins zum anderen …

    Der erste Auftritt war mein „regulärer“ Auftritt. Am Dienstag, dem 10. Dezember 2019, machte ich mich ins Hagsfelder Kretschmar-Huber-Haus auf, um mit den dort lebenden Menschen Weihnachtslieder zu singen. Ich war nicht alleine gekommen: Einige Mitglieder des Freundeskreises, die sich auch auf andere Weise für das Altenheim engagieren, hatten sich an diesem Nachmittag aufgemacht und brachten Weihnachtsgedichte und einen kleinen Impuls mit. Hier zeichnete sich meine Ukulele mit ihrer Handlichkeit mal wieder richtig aus. Langweilig wurde es trotzdem nicht: Bei manchen Liedern wurde ich spontan von einer Querflöte unterstützt und dann gab es auch noch die kleine Orgel, die von mir natürlich nicht verschohnt blieb – gar nicht so leicht, mit Basspedalen unter den Füßen und einer durchaus eigenen Anschlagdynamik ohne Vorübung Lieder zu begleiten! -, doch gerade das sorgte für einen sehr schönen musikalischen Klang. Ich konnte die Freude und Dankbarkeit über dieses Adventsstündchen deutlich spüren und brauchte die positiven Blicke gar nicht beschrieben zu bekommen – da komme ich gerne wieder!

    So, das war’s eigentlich schon an Auftritten – aber offensichtlich nur eigentlich. Am darauffolgenden Sonntag war ich beim Glühweinfest des Hagsfelder Hofladens. Dort wurden gerade ein E-Piano und ein Mikrofon aufgebaut und wie ich nun mal so bin, kam ich auch gleich mit den beiden dazugehörigen Musikerinnen ins Gespräch. Wir verstanden uns sofort und so war es für mich selbstverständlich, dass ich gespannt auf deren Auftritt wartete, obwohl es bis dahin noch etwas dauerte.
    Der Auftritt kam. Spontan ausgewählte, auf die Situation abgestimmte Lieder von leicht mitsingbaren Oldies und Weihnachtsliedern bis hin zu eigenen Songs, die stilistisch irgendwo zwischen Pop und Jazz lagen und die gesanglich beeindruckend und doch häufig sehr simpel aufgebaut waren faszinierten und berührten mich, forderten zum Mitsingen auf, natürlich klingelte ich auch gerne bei „Jingle Bels“, als man mir ein kleines Glöckchen in die Hand drückte, und manchmal wurde ich geradezu dazu verleitet, mit einer dezenten Zweitstimme einzusteigen. Wie hätte ich ahnen können, dass man mich am Ende ans Piano führte und mich quasi als „Gastmusikerin“ spontan spielen ließ?

    Unter den Zuhörern war unter anderem der Vorstand des örtlichen Fußballvereins, der mich nach diesem Spontan-Auftritt kurzerhand für dessen Weihnachtsfeier engagierte. So machte ich mich am folgenden Samstag mit Stage-Piano, Mikrofon und allem, was man für einen Auftritt so braucht, auf den Weg in die Vereinsgaststätte, wo bereits etwa 80 Leute versammelt waren. Nachdem ich einige der Fußballjungs beim Glühweinfest während den von den eigentlichen Musikerinnen vorgetragenen Weihnachtsliedern als munteren „Fußballchor“ erlebte (und daraus lernte, dass Fußballspieler mindestens genauso laut singen und gröhlen können wie ihre Fans), stellte ich mich auf einen sehr lustigen Abend ein.
    Als „Special Guest“ durfte ich das Programm eröffnen und war die Erste, die nach dem Weihnachtsbuffet auf die Bühne ging, zwar erst um 22.45 Uhr anstatt um 21.00 Uhr, aber während sonst häufig über Verspätungen gemeckert wird, machte dies niemandem etwas aus – auch mir nicht. Ich tat es der Darbietung des Glühweinfestes gleich und spielte eine bunte Mischung aus eigenen Songs und Weihnachtsliedern. Besonders fiel mir hier auf, dass alle sehr aufmerksam waren und ganz gespannt zuhörten. Ungeschickterweise funktionierte meine Ukulele ausgerechnet heute nicht mit der Soundanlage, weshalb ich nicht – wie ursprünglich geplant – am Schluss mit „Never forever alone“ nochmal ordentlich für Stimmung sorgen konnte, aber inzwischen bin ich ja in Spontanität geübt und erreichte mit dem Ersatzlied nahezu den gleichen Effekt.

    Es waren drei sehr spannende Auftritte, durch die ich jetzt schon weiß oder zumindest relativ sicher erahnen kann, was im nächsten Jahr zur Weihnachtszeit auf der Auftritts-Agenda stehen wird.

    kerstin peters spielt klavier

  • Ausbildung inklusiv – die ersten Monate

    Wie Ihr spätestens durch meinen Aufruf bezüglich der benötigten Arbeitsassistenz mitbekommen habt, habe ich im September meine Ausbildung zur Verwaltungswirtin begonnen. Nun möchte ich mal ein kleines Resumé der ersten Monate ziehen und Euch erzählen, wie eine Ausbildung als einzige Blinde unter Sehenden so funktioniert.

    Vorab: Vielen Dank, dass Ihr mein Gesuch so fleißig geteilt habt! Es hat sich tatsächlich eine junge Interessierte gemeldet, die in meiner dritten Ausbildungswoche ihr Freiwilliges Soziales Jahr bei mir begann und mich seither großartig unterstützt!

    Alles neu
    Als ich meinen ersten Arbeitstag hatte, war ich ziemlich aufgeregt. Immerhin war es für mich eine komplett neue Erfahrung, in eine Gruppe Sehende integriert zu werden und gleichberechtigt eine ganz gewöhnliche Ausbildung zu absolvieren, nachdem ich bislang durchgehend eine Blindenschule besucht hatte. Dort war das Arbeitstempo deutlich niedriger und alle Unterlagen wurden uns sofort barrierefrei zur Verfügung gestellt, wir hatten einen Computerarbeitsplatz im Klassenzimmer und unsere kleine Klasse von zehn Leuten ermöglichte ein sehr individuell abgestimmtes Lernen. Aus Erzählungen wusste ich, dass in der Inklusion dahingehend einiges auf mich zukommen würde und dem entsprechend stellte ich mir diverse Fragen: Kann ich die gestellten Aufgaben wirklich in gleicher Qualität wie die Sehenden ausführen? Wird es mir gelingen, die Anforderungen zu erfüllen? Werde ich die Ausbildung schaffen oder habe ich mir vielleicht doch zu viel vorgenommen?

    Ganz viele Anträge
    Dem Ausbildungsbeginn waren diverse organisatorische Dinge vorausgegangen. Hilfsmittel mussten beantragt werden, zudem benötigte ich die Assistenz, die auch gesucht werden musste, und Mobilitätsunterricht, um die Ausbildungswege zu lernen. Für all das brauchte ich eine Kostenzusage eines Kostenträgers (in meinem Fall des Kommunalverbands für Jugend und Soziales), um nicht selbst zahlen zu müssen. Dass ich zum ersten Mal solche Anträge stellen musste und die Abläufe noch nicht kannte, sorgte immer wieder für Verunsicherung. Wie gut, dass ich durch mein FSJ als „Brücke“ zwischen Schule und Ausbildung keinen Lerndruck und viel Zeit hatte! Nicht zuletzt wurde ich bei jedem Arbeitsschritt unterstützt und alle Beteiligten waren sehr kooperativ. Hingegen zahlreicher Erfahrungen anderer Blinder, die in diesem Prozess teilweise großen Hürden gegenüberstanden, gestaltete sich das bei mir alles sehr schnell und problemlos.

    Hilfsmittel und ihre Grenzen
    Zu meiner Hilfsmittelausstattung gehören ein Laptop, eine Braillezeile und die „Pearl“ (eine Kamera zur Texterkennung) sowie diverse Programme wie das Texterkennungsprogramm „Openbook“, das mit der Kamera kooperiert, und natürlich meine Bildschirmausleseprogramme „Jaws“ und „NVDA“. Diese Ausstattung ermöglicht es mir, weitgehend selbstständig zu arbeiten. Im ersten Praxisblock setzte ich mich viel mit den Gesetzen, die für die Tätigkeiten der entsprechenden Abteilung erforderlich sind, auseinander und löste Fallbeispiele dazu. Zudem schrieb ich Merkblätter zu verschiedenen Themen, Artikel für die hausinterne Zeitung und zahlreiche E-Mails. Im zweiten Praxisblock kümmerte ich mich um die Aktualität einiger Excel-Tabellen und führte manche Verwaltungsgänge nahezu eigenständig unter Einhaltung der entsprechenden Gesetze und Formalitätsregeln aus. Schwierig wurde es manchmal dann, wenn es digitale Vordrucke auszufüllen galt. An sich sind solche Vorlagen super, weil Adressat, Absender o.Ä. schon an den richtigen Stellen stehen, wenn man richtig einträgt und man nichts mehr optisch anpassen muss. Allerdings können solche Formulare auch ganz schön herausfordernd sein, beispielsweise dann, wenn Auswahlfelder nur mit der Maus anklickbar sind oder manche Dinge von der Sprachausgabe nicht zuverlässig vorgelesen werden. Das Paradebeispiel war ein Formular, bei dem manche Eingabefelder vom Screenreader noch nicht einmal erkannt wurden und – navigierte mich die Assistenz dann hinein – dieser nicht nur sich selbst, sondern auch das ganze Microsoft Word zum Absturz brachte – zum Glück blieben solche Extremfälle bislang die Ausnahme.

    Die Position der Assistenz
    Wenn mir Papierdokumente vorgelegt werden, kann hier häufig die „Pearl“ in Kooperation mit „Openbook“ Abhilfe schaffen. Habe ich das entsprechende Blatt unter der Kamera platziert, wird es auch schon abfotografiert und wenige Sekunden später wird mir das Ergebnis auf dem Computer angezeigt. Auf diese Weise schaffte ich es, Unterlagen auch dann richtig zu sortieren, als die Assistenz mal nicht da war. Allerdings: Die Kamera erkennt zwar sehr gut, aber Handschrift mag sie überhaupt nicht – und Post verteilen ohne Assistenz, wo man dann jedes einzelne Blatt einscannen muss, ist echt mühsam …
    Noch wichtiger ist die Assistenz in der Berufsschule: Hier überträgt sie mir die Unterrichtsmaterialien. Dafür schicken die Lehrer/innen ihr die Arbeitsblätter für den kommenden Unterricht per Mail zu und sie bereitet die Dateien barrierefrei auf, entfernt Bilder und ersetzt sie durch Bildbeschreibungen, beseitigt für mich störende Formatierungen und gestaltet Tabellen so um, dass sie für mich gut lesbar sind. Damit sie das sowohl während des Unterrichts als auch daheim machen kann, hat sie einen Dienstlaptop. Insbesondere in puncto Dateiübertragung bin ich auf eine gute Zusammenarbeit und Zuverlässigkeit seitens der Lehrer/innen und der Assistenz angewiesen. Manche Lehrer/innen schicken ihre Unterlagen erst sehr spät am Vorabend, sodass die Assistenz sie nicht mehr rechtzeitig aufbereiten kann. Ein Lehrer legte ihr sogar einmal ein Arbeitsblatt als Ausdruck vor und meinte: „So, das bearbeiten wir jetzt.“ … Zum Glück waren die Lehrkräfte bislang immer sehr offen, wenn ich besagte Probleme thematisierte. Umso mehr zeigt sich: Ohne aufgeschlossene Lehrer/innen geht es nicht. Zudem muss die Assistenz absolut verschwiegen sein, da sie auch Klassenarbeiten aufbereitet. Da kommen dann von Klassenkameraden dann auch mal Fragen wie: „Was kommt denn dran?“ oder „Können wir mal reinschauen?“

    Sonderpädagogischer Dienst und Nachteilsausgleich
    Neben der Arbeitsassistenz unterstützt mich eine Lehrerin aus dem Sonderpädagogischen Dienst. Sie half mir beispielsweise dabei, die Assistenz einzulernen. Positiv in meinem Fall war daran, dass meine Ausbildung mit einem Praxisblock begann, sodass wir viel Zeit für eine stressfreie Einarbeitung hatten. Die Lehrerin nahm auch an einer Lehrerkonferenz meiner Berufsschule teil, um meine Lehrer/innen über den Umgang mit mir aufzuklären, beispielsweise im Hinblick auf den Nachteilsausgleich, und Fragen zu beantworten. Wir stehen in regelmäßigm Kontakt und sie kommt immer wieder vorbei, um im Unterricht zu hospitieren, sich mit mir oder den Lehrer/innen auszutauschen oder bei aufkommenden Fragen und Problemen zu unterstützen.
    Apropos Nachteilsausgleich: Auch das ist in meiner Ausbildung besonders. Aufgrund meiner Blindheit bekomme ich einen Nachteilsausgleich, welcher sich in meinem Fall durch Zeitverlängerungen zur Bearbeitung von Klassenarbeiten auswirkt. Wie viel zusätzliche Zeit ich bekomme, variiert von Unterrichtsfach zu Unterrichtsfach. Wenn es nur Fragen gibt, die ich schriftlich beantworten muss und für die ich neben dem Dokument mit dem Aufgabentext nichts weiter brauche, schaffe ich eine Arbeit manchmal sogar in Regelzeit, aber gerade, wenn es um Tabellen geht, brauche ich wesentlich länger als Sehende, denn durch meine Blindheit kann ich nicht querlesen und brauche daher mehr Zeit, um mir einen Überblick zu verschaffen. So habe ich in tabellenlastigen Fächern wie z. B. Rechnungswesen 75 Prozent mehr Zeit, während ich in Deutsch „nur“ 30 Prozent Verlängerung bekomme. In jedem Fall ist es wichtig, dass der Nachteilsausgleich individuell auf mich abgestimmt ist, damit ich keine Nachteile, aber auch keine Vorteile gegenüber den Sehenden habe. Ich habe deshalb auch vorab einige Aufgaben in verschiedenen Fächern mit Zeitmessung bearbeitet und meine Bearbeitungszeiten mit denen der sehenden Mitazubis verglichen. Ergänzend dazu nahm ich an einem Kurs für Blinde teil, in dem wir lernten, wie man effektiver mit seinen Hilfsmitteln umgehen und durch neue und bessere Arbeitstechniken produktiver und schneller agieren kann.

    Klassengröße und Mehrarbeit
    Auch an die Klassengröße musste ich mich gewöhnen. Zwar sind wir mit 18 Auszubildenden noch eine recht kleine Klasse, trotzdem ist das Umfeld nicht so familiär und individuell wie in der Blindenschule. Man trägt viel mehr Verantwortung und während ich insbesondere in den niedrigeren Klassen oft unterfordert war, arbeite ich hier auch mal zwei oder drei Stunden die Inhalte des Tages nach, wenn Unterlagen im Unterricht nicht entsprechend angepasst vorhanden sind und/oder ich mit dem Arbeitstempo nicht mithalten kann.

    Mobilitätstraining
    Und dann gibt es noch das Mobilitätstraining. Hier lerne ich mit einer speziell ausgebildeten Mobilitätstrainerin alle Wege, die ich während meiner Ausbildung benötige. Da ich die Praxisphasen in verschiedenen Abteilungen absolviere und diese sich teilweise in verschiedenen, über die ganze Stadt verteilten Gebäuden befinden, findet das Mobilitätstraining immer vor dem Wechsel in die jeweilige Abteilung statt (die Berufsschule bleibt ja übers ganze erste Lehrjahr hinweg gleich, da habe ich den Weg ganz am Anfang gelernt und kann ihn jetzt in jedem Schulblock anwenden). Die Mobilitätstrainerin schaut sich teils allein, teils mit mir gemeinsam die Gegebenheiten an und wir beurteilen zusammen, welcher Weg für mich am sichersten und gleichzeitig am günstigsten ist. Die Orientierung erfolgt mittels sogenannter „Leitlinien“, z. B. einer Wiese, einer Hauswand oder eines Blindenleitsystems, und „Orientierungspunkten“ wie z. B. einem Laternenpfosten oder – wie bei meinem Schulweg – einem Stromverteilerkasten, einem Baum und einem Mülleimer. Zudem kann ich mich auch akustisch orientieren, z. B. über das Hören auf den Verkehr einer Straße oder dem Erkennen des Unterschieds zwischen Hauswänden, Einfahrten, geparkten Autos etc. Die Mobilitätstrainerin weist mich außerdem auf Hindernisse hin, denen ich auf dem Weg begegnen könnte z. B. einem Schild in Kopfhöhe oder geparkte Fahrräder am Straßenrand, sodass ich mich an diesen Stellen entsprechend achtsam bewege. Dank dieses Trainings kann ich selbstständig zu den Ausbildungsstätten und wieder zurück fahren und kenne mich durch das integrierte Gebäudetraining auch vor Ort grundlegend aus, wodurch ich weitgehend unabhängig von sehender Unterstützung bin.

    Fazit
    Meine inklusive Ausbildung ist nicht nur inhaltlich, sondern auch aufgrund meiner Blindheit eine ganz neue Erfahrung für mich, sehr vielseitig und manchmal auch herausfordernd. Bislang läuft es aber echt gut und ich bin froh, mich darauf eingelassen zu haben, denn jede blinde Person, die mal auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten möchte, muss irgendwann den Sprung in die Welt der Sehenden schaffen und das ist eine Umstellung, die gelernt sein will, wenn man bislang durchgehend in einer auf Blinde spezialisierten Einrichtung war. Aktuell kann ich sagen, dass ich mir den richtigen Moment und den richtigen Arbeitgeber ausgesucht habe. Ohne die Offenheit und Hilfsbereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den jeweiligen Abteilungen, der anderen Azubis, der Lehrerinnen und Lehrer und nicht zuletzt der Ausbildungsbeauftragten würde die Situation vermutlich ganz anders sein. Wenn irgendwas nicht gleich funktioniert oder nicht barrierefrei ist, suchen wir gemeinsam nach Lösungen und wenn ich etwas nicht gleich hinbekomme, war das bislang nie ein Problem. Bei den Anträgen, die bezüglich meiner Hilfsmittelausstattung, der Assistenz und dem Mobilitätstraining zu stellen waren, hat alles perfekt ineinandergegriffen und ich wurde von allen Seiten super unterstützt. Auch sind viele an meiner Blindheit sehr interessiert und nutzen die Chance, um Fragen zu stellen. Gleichzeitig werde ich nicht wie eine Behinderte behandelt, sondern wie alle anderen Auszubildenden auch – und diese Gleichberechtigung gibt mir das Gefühl, dazuzugehören. Ist ja auch so, denn ich kann – bis auf ganz wenige Ausnahmen – die gleichen Arbeiten wie meine sehenden Mitazubis ausführen – vielleicht etwas langsamer, mit Hilfe meiner Assistenz oder mit Hilfsmitteln, aber es geht. Meine Kollegen und Kolleginnen geben mir die Zeit, die ich brauche und bewerten meine Leistungen dennoch wie die Leistungen aller anderen. Bislang ist es total interessant und abwechslungsreich und die Arbeit macht mir sehr viel Spaß. Kurzum: Gerade, wenn man nur die Blindenschule kennt und dannn in die Inklusion kommt, stürzt man sich erstmal ins Abenteuer. Doch zumindest in meinem Fall läuft es super – und für alle Blinden, die überlegen, ebenfalls eine Ausbildung im Verwaltungsbereich zu machen: Das ist absolut möglich!