Autor: Kerstin Peters

  • Schauinslandkönig 2018 mit dem Tandem

    Schauinslandkönig 2018 mit dem Tandem

    Bereits zum zweiten Mal nahmen wir vergangenen Sonntag am Schauinslandkönig, dem Bergzeitfahren auf den Hausberg Freiburgs, den Schauinsland, in der Tandemwertung teil.

    Bereits um 06.14 Uhr morgens stieg ich in den Zug, mein Tandempilot Tobias Wolfsteiner wartete bereits dort und hatte schon eine über 60-minütige Reise hinter sich – kein Wunder: Das Tandem musste ins Auto eingeladen und am Bahnhof wieder ausgeladen werden, und dann gab es da noch eine 45-minütige Zugfahrt. Trotzdem wirkte er sehr fit, obwohl er gerade einmal vier Stunden zuvor von einem Triathlon in Hamburg zurückgekehrt war. In diesem Sinne nochmal herzlichen Dank, dass wir trotzdem gemeinsam starten konnten!

    Von Karlsruhe fuhren wir mit einem Umstieg in Offenburg nach Freiburg. Dabei transportierten wir das Tandem im Bahnhof meistens per Aufzug zu den entsprechenden Gleisen, lediglich in Freiburg war der Aufzug zu klein, sodass wir es die Treppe hinuntertragen mussten. Auch das Rolltreppefahren mit Tandem und ohne Blindenstock war eine ganz neue Erfahrung.

    Als Aufwärmung fuhren wir vom Freiburger Bahnhof zum Start am Fuß des Schauinslandes. Dabei mussten wir bereits auf diesem Weg einige Höhenmeter überwinden – dafür waren wir bei Ankunft am Start aber dann wirklich warm.

    Insgesamt waren, wie im vergangenen Jahr, sieben Tandems für die Tandemwertung gemeldet, wobei die anderen alle zum ersten Mal mitfuhren. Bei diesem Rennen gibt es keinen Massenstart, sondern die Fahrer reihen sich entsprechend ein (z.B. vor der 425 die 424 und hinter der 425 die 426) und starten dann im Abstand von zwölf Sekunden. So taten wir es auch, umringt von Einzelrädern, Inlineskatern und Fahrrädern mit Kinderanhänger, und starteten gegen 11.25 Uhr zum Gipfel des Schauinslandes.

    Es war ähnlich hart wie vergangene Woche, aber anders hart. Wir hatten keine Probleme mit den Bodenbelägen, da der gesamte Weg asphaltiert war, allerdings gab es keine Abfahrten, bei denen man sich zwischendurch ausruhen konnte. Insbesondere der Anfang war mit zwölf Prozent durchaus steil und verlangte uns einiges ab. Von den anderen Tandems sahen wir auf dem gesamten Weg nur eines, welches an uns vorbei fuhr – das Resultat sahen wir erst nach dem Rennen.

    Die Spannung stieg, als wir später vor der Ergebnistafel standen. 01:09:52 h war unsere Zeit – acht Minuten schneller als beim letzten Mal. Und es kam noch besser: Wir waren fünfter von sieben! Kein Wunder, dass wir uns sehr über diesen Erfolg freuten – wir waren nicht Letzter und hatten unsere Zeit verbessert!

    Wir blieben noch bis abends auf dem Schauinsland, besuchten dort das Besucherbergwerk und unterhielten uns mit anderen Fahrern, bevor wir bei einer herrlichen Abfahrt ins Tal und einer reibungslosen Rückfahrt mit dem Zug den Tag beenden konnten.

    Es hat wieder viel Spaß gemacht und wir sind nächstes Jahr natürlich wieder dabei 🙂

    Kerstin und Tobi während des Rennens Selfie im Ziel Kerstin und Tobi vor dem Thron Kerstin und Tobi im Zug Kerstin beim Ausruhen im Ziel hart am Limit gut gelaunt starten wir das Rennen endlich im Ziel Daumen hochDas Besucherbergwerk im Hintergrund

     

  • Erstes Tandemrennen des Jahres: Der Erbeskopf-Marathon 2018

    Erstes Tandemrennen des Jahres: Der Erbeskopf-Marathon 2018

    Am Sonntag, dem 08.07.2018, stand für mich das erste Radrennen der Saison auf dem Programm – und nicht nur das: Es war zudem der erste Wettkampf mit meinem eigenen Tandem!

    Mit dem Tandem im Gepäck fuhren mein sehender Tandempilot Tobias Wolfsteiner, mit dem ich jede meiner bisherigen Rennteilnahmen bestritten hatte, und ich mit dem Auto nach Thalfang, einem kleinen Ort im Hunsrück in Rheinland-Pfalz. Dort angekommen, holten wir die Startunterlagen ab, zogen unsere Rennklamotten, bestehend aus einer Radhose und einem Radtrikot, an, checkten unsere Werkzeugbox sowie unsere Energienahrungs- und Getränkevorräte auf Vollständigkeit ab, begutachteten auf einem Streckenplan den Streckenverlauf und das Höhenprofil, luden das Tandem aus, befestigten die Startnummer daran, wärmten uns auf und platzierten uns rund zehn Minuten vor Wettkampfbeginn in der Startaufstellung. Dort trafen wir zufälligerweise das einzige weitere Tandem, welches in unserer Wettkampfklasse startete – und um Punkt 12.00 Uhr hallte der Startschuss über das Gelände.

    Rund 240 Fahrerinnen und Fahrer, die alle in unserer Wettkampfklasse starteten, mussten sich nun sortieren, wobei für uns nur das andere Tandem eine richtige Konkurrenz darstellte – und da kamen wir beim Start schon mal besser weg. Doch schon bald kamen wir an unsere Grenzen: Der Erbeskopf-Marathon, so hieß dieses Rennen, war ein Mountainbike-Rennen – und obwohl die Strecke explizit für Senioren und Jugendliche bzw. Einsteiger ausgeschrieben war, war der Kurs meines Erachtens wesentlich härter als der Odenwald Bike Marathon. Es war zwar diesmal trocken, sodass wir zumindest auf eine Schlammschlacht verzichten konnten, allerdings erwies sich das Gelände als sehr uneben mit Ästen, Wurzeln und Steinen. Ein Unterschied zum Odenwald Bike Marathon war vor allem die Tatsache, dass wir diesmal mehrfach schieben mussten. Das lag weder an der Tauglichkeit des Tandems noch an unserem Training, sondern an den Besonderheiten, die ein Tandem von Natur aus hat: Man kann nun mal keine enge 180-Grad-Kurve fahren, weil ein Tandem aufgrund seiner Länge einfach einen zu großen Wendekreis hat, und an einer besonders steilen Stelle war unser Tandem, welches ja schon von Natur aus schwerer als ein normales Mountainbike ist, mit zwei Personen darauf einfach zu schwer zum Bergauf-Fahren. Auch relativ zu Beginn, als eine ebenfalls ziemlich enge, steile und unebene Bergauffahrt bevorstand und wir noch von anderen Rädern umgeben waren, schoben wir lieber, denn beim Bergauf-Fahren ist man mit dem Tandem aufgrund des größeren Gewichts langsamer als mit dem einfachen Mountainbike und da uns das klar war, umgingen wir so gleich allen Überholmanövern. Doch das war nicht die einzige Strapaze: Plötzlich tauchte das zweite Tandem neben uns auf. Wir zogen das Tempo an und versuchten nun mit aller Kraft, dranzubleiben – doch nach einer Weile zeichnete sich ab, dass die anderen stärker waren. Vermutlich hing das plötzliche Aufkreuzen der Konkurrenz auch damit zusammen, dass es beim Schieben auf unwegsamem Gelände einen großen Unterschied macht, ob man den Weg noch sehen kann oder nicht, denn wenn nicht, braucht man ja viel mehr Anweisungen und ist allein dadurch schon ein Stück langsamer.

    Das zweite Tandem war zwar weg, trotzdem sollte es keine Kaffeefahrt werden. Im Laufe der Strecke gab es zwei Berge, wobei der zweite von ihnen der Erbeskopf, der regional bekannt ist und dem Erbeskopf-Marathon seinen Namen gibt, war. Wir mobilisierten kräftemäßig alles, was wir hatten und die Anfeuerungsrufe der Zuschauer am Wegesrand spornten uns nur noch mehr an. Zwischendurch konnten wir immer wieder bei Abfahrten oder Ebenen verschnaufen, trotzdem atmeten wir erleichtert auf, als wir den Aussichtsturm des Erbeskopfs erblickten.

    Kurz vor dem Ziel wurde es nochmal richtig aufregend: Auf dem letzten Kilometer sprang uns plötzlich die Kette runter und wir mussten einen kurzen Stopp einlegen, um die Sache zu beheben. Wenige Meter später sollte uns ein Problem, welches schon während des ganzen Rennens Bestand hatte, zum Verhängnis werden: Der zweite Gang funktionierte nicht zuverlässig. Das sorgte dafür, dass wir beim letzten, kurzen Anstieg einen zu schweren Gang hatten und nicht weiterkamen. Dafür erwartete uns im gleichen Moment eine Überraschung, die zumindest ich mit großer Freude wahrnahm: Die Besatzung des anderen Tandems stand genau an diesem Punkt der Strecke und erwartete uns und schob uns sogar samt Tandem über den Berg (wobei wir natürlich unser Bestes taten, um mitzuhelfen) – keine 20 Meter später, im Ziel, waren sie die ersten, die uns gratulierten. Es war schön zu sehen, wie freundschaftlich und fair Konkurrenten miteinander umgehen können bzw. dass die direkte Konkurrenz in einer schwierigen Situation für uns da war und uns assistierte, damit auch wir ins Ziel kamen. Zwar hätten wir es mit ziemlicher Sicherheit auch ohne sie geschafft, dennoch war dies eine extrem faire und großzügige Geste, die Respekt verdient hat.

    So sind wir also glücklich im Ziel aufgetaucht. Als Dankeschön haben wir vom Veranstalter noch Radtrikots geschenkt bekommen – an dieser Stelle nochmal vielen Dank dafür! – und konnten uns mit Getränken abkühlen. Diesmal blieben wir aus Zeitgründen nicht mehr bis zur Siegerehrung, sondern verluden schon nach wenigen Minuten unser Tandem im Auto und machten uns auf den Heimweg.

    Wie in diesem Bericht deutlich wurde, war das Rennen mit vielen Herausforderungen verbunden, jedoch habe ich einmal mehr gemerkt, wie sehr ich mich auf meinen sehenden Tandempartner verlassen kann, was ja gerade bei MTB-Rennen aufgrund der Blindheit sowie der Streckenverhältnisse elementar ist. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich glaube, wenn wir nächstes Jahr wieder mitfahren und die Strecke dann schon kennen, wird es noch besser.

    • 37 km Distanz
    • 830 Höhenmeter
    • 2:27:51 h Fahrzeit
    • 15,01 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit
    • 52,5 km/h Höchstgeschwindigkeit
    • 2. Platz Tandemwertung
    • 200. Platz overall

     

    Kerstin vor dem rennbereitem Tandem

    Kerstin und Tobi nach dem Warmfahren

    Kerstin und Tobi glücklich nach dem Rennen mit den neuen Trikots

  • Zu Gast beim VDK-Treff

    Zu Gast beim VDK-Treff

    Vielleicht wisst ihr, dass der VDK der Sozialverband in Deutschland ist. In Ilvesheim treffen sich die Mitglieder des VDK in der Gemeinde – vorwiegend ältere Menschen – einmal im Monat im Sängerheim des Gesangsvereins Aurelia. Bereits im Januar fragte man mich, ob ich nicht Lust hätte, bei einem der Treffen Musik zu machen. Auch bestand großes Interesse an meiner Blindheit und wie ich damit lebe – und am 24. Mai war es dann soweit …

    Exakt zwei Monate nach meinem Auftritt im Olympia-Kino war ich wieder unterwegs, im Gepäck meine Ukulele und vier meiner Lieder – wobei die beiden Klavierstücke schon bald keine Bedeutung mehr haben sollten und fünf Minuten vor meinem Einsatz noch durch zwei andere Lieder ersetzt wurden. An der Abwechslung meines Programms änderte sich dadurch aber nichts: Ein Instrumentalstück, ein Lied mit deutschem Text, eines mit englischem Text sowie mein einziges französisches Lied. Nach einer kurzen Begrüßung und einem leckeren Stück Kuchen ging es um 15.00 Uhr für mich los. Die ersten zwei Lieder begleitete ich auf dem dortigen Flügel, dann kam eine Gesprächsrunde, in der ich von meinem Leben mit Blindheit erzählte, und für die letzten zwei Lieder nahm ich meine Ukulele zur Hand. Die Menschen waren sehr interessiert und stellten viele Fragen, die ich mit Freude beantwortete. Egal, ob es um Blindenschrift, Schulalltag, Mobilität oder das Songwriting ging – ich versuchte, alles so anschaulich wie möglich rüberzubringen. Passend dazu wurde im Anschluss ein Gedicht zum Thema Behinderung vorgetragen, und dann gab es noch einen Text, der zum Nachdenken anregen sollte und der ebenfalls sehr schön war. Auch wurde über vergangene Ausflüge berichtet und die kommenden Ausflüge wurden angekündigt – sogar einen Urlaub hatte die VDK für ihre Mitglieder organisiert! Es war spannend, einen Einblick in die Arbeit dieses sozial tätigen Verbands zu bekommen. Doch später musste ich dann spontan nochmal ran: Ähnlich wie beim Auftritt im Heinrich-Vetter-Stift im April wurde ich hier erneut gefragt, ob ich spontan ein Lied begleiten könnte. Wir schauten also das Liederheft des VDK durch und prüften, was ich davon kannte. Schlussendlich entschieden wir uns für das Badnerlied – und hier konnte ich mich richtig austoben: Obwohl ich das Lied seit Jahren nicht mehr gespielt hatte und ich mich spontan auch noch für eine andere Tonart entschied, improvisierte ich einfach drauflos. Da die anderen so locker und leidenschaftlich sangen, war mir eine möglichst schöne Begleitung weniger wichtig als die Leidenschaft, die dahinter steckte, und so variierte ich meine Begleitung bei jeder Strophe aufs Neue. Mit einem gemütlichen Abendessen, bei dem ich mit vielen Menschen ins Gespräch kommen konnte, neigte sich ein ereignisreicher Nachmittag, der viel Spaß machte, dem Ende.
    Kerstin am PianoKerstin mit der Ukulele

  • Step by step – meine ersten Monate mit Schrittzähler

    Wie ihr vermutlich bereits gemerkt habt, bin ich gerade sehr selten online aktiv – tja, die Prüfungsphase ist immer noch nicht vorbei und das bedeutet natürlich vor allem lernen, lernen und noch mehr lernen. Jetzt gibt es da nur ein Problem: Dadurch, dass man so viel lernt, sitzt man nur noch am Schreibtisch rum und bewegt sich gar nicht mehr – und das ist natürlich nicht gut. Deshalb habe ich im Januar den Fitbit Flex 2, einen Schrittzähler, gekauft. Diesen Schrittzähler kann ich als Armband tragen oder auch in die Hosentasche stecken. Dabei sind mir keine Grenzen gesetzt, denn der Schrittzähler ist wasserdicht und kann somit auch beim Schwimmen getragen werden. Über Bluetooth kann ich ihn mit meinem Handy, auf dem ich zuvor die Fitbit-App installiert habe, koppeln. Alle Daten, die der Schrittzähler misst, werden so in die App übertragen. Diese Übertragung ist für mich essentiell, da ich die Anzeige des Schrittzählers ja nicht sehen und daher meine Daten nur über die App einsehen kann: Anzahl der Schritte, die ich an diesem Tag schon gemacht habe, verbrauchte Kalorien und gelaufene Kilometer. Ich kann auch meinen Schlaf aufzeichnen lassen und bekomme im Anschluss angezeigt, wie viel ich geschlafen habe. Damit man nicht einfach nur sieht, wie wenig/viel (in meinem Fall eher wenig…) man sich eigentlich bewegt, sondern sein Bewegungsverhalten verändert, habe ich mir Ziele gesetzt. Diese kann ich ebenfalls in der App einsehen. So möchte ich pro Tag mindestens 6000 Schritte machen und mindestens sieben Stunden pro Nacht schlafen – denn leider hatte ich in der Vergangenheit so viel zu tun (oder glaubte, so viel zu tun zu haben), dass ich häufig nur sehr wenig schlief, was sich wiederum auf die Folgetage auswirkte.
    Seitdem ich allerdings meinen Schrittzähler habe, ist Schluss mit diesem Verhalten. Ich habe sowohl mein Schlaf- als auch mein Schrittziel nahezu immer erreicht und an einigen Tagen sogar übertroffen. Zur weiteren Motivation kann man sich mit anderen Fitbit-Trägern messen, „wer an einem Tag, in einer Woche oder an einem Wochenende die meisten Schritte macht“ lautet hier die Devise. Zwar gewinne ich hier nicht jedes Mal, aber das verlange ich gar nicht, und mit meinen persönlichen Leistungen bin ich zufrieden. Lediglich in einer Sache muss ich noch besser werden: Jede Stunde mindestens 250 Schritte zu machen. Manchmal ist man einfach doch zu unmotiviert, aufzustehen und eine Runde zu laufen – doch ich arbeite dran, denn der Schrittzähler ist eine super Möglichkeit, um sich im stressigen Schulalltag trotzdem noch ausreichend zu bewegen!

  • Ein Nachmittag im Heinrich-Vetter-Stift

    Am Dienstag, den 10. April 2018, machte ich mich ganz nach dem Motto „Musik für andere“ auf den Weg ins Heinrich-Vetter-Stift, das Ilvesheimer Altenheim, um das dort stattfindende Frühlingsfest mitzugestalten.

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  • Die Sprache des Herzens – Ein Abend zum Thema Blindheit

    Die Sprache des Herzens – Ein Abend zum Thema Blindheit

    Wie sowohl auf meiner Seite als auch in der regionalen Zeitung angekündigt wurde, fand nun vergangenen Samstag, den 24.03.2018, die Veranstaltung „Die Sprache des Herzens – ein Abend zum Thema Blindheit“ statt, welche ich gemeinsam mit dem Olympia-Kino in Leutershausen organisierte und durchführte.

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  • Achtung, Aufnahme!

    Achtung, Aufnahme!

    Wie einige ja bereits mitbekommen haben, war ich am Donnerstag, dem 4. Januar 2018, im Tonstudio. Heute möchte ich Euch davon erzählen.

    Als ich am Donnerstagnachmittag mit meinem Stage-Piano und meinem Eltern im Auto saß, war ich ziemlich aufgeregt. Wie würde es werden? Ich war zwar schon einmal mit meiner Schulklasse in einem Tonstudio gewesen, hatte dort aber nicht selbst aufgenommen. So war ich sehr gespannt.

    Am Ziel angekommen, musste ich mich erstmal etwas orientieren. In dem großen Raum, in den ich geführt wurde, gab es jede Menge Technik: Ein Mischpult, ein Computer und einiges mehr. Ebenfalls beeindruckend war die riesige Gitarrensammlung – da konnte man mindestens 15 Gitarren in den verschiedensten Ausführungen finden. Und nicht nur das: Auch ein Studio-Piano stand dort. Eigentlich wollte ich auf meinem eigenen Piano spielen, jedoch ließ sich dieses mit dem vorhandenen Anschluss nicht an die Anlage im Studio anschließen und deshalb spielte ich dann auf dem Studio-Piano. Nun war alles bereit. Das Piano war aufgebaut, die Technik gerichtet und Matthias, der Betreiber des Tonstudios, war auch soweit. Insgesamt standen drei Lieder auf dem Programm. Als erstes wurde immer das E-Piano eingespielt. Dabei spielte ich auf Klick, also mit einem Metronom, welches mir den Rhythmus vorgab. Das Einspielen des Pianos war recht unkompliziert, da wir eventuelle Fehler gut korrigieren konnten. Was Matthias mit der Aufnahme machen konnte, war schon beachtlich. Er konnte die einzelnen Töne auf dem Bildschirm sehen. Dabei spreche ich nicht von den Akkorden, sondern wirklich von den einzelnen Tönen. Er konnte jeden einzelnen Ton markieren und im Lied verschieben, ausschneiden und an einer anderen Stelle wieder einsetzen, die Lautstärke verändern und sogar die Tonhöhe anpassen. Hatte ich also versehentlich die falsche Taste erwischt, konnte er in wenigen Sekunden den entsprechenden Ton so korrigieren, dass der richtige Ton erklang. Gerade bei „music at the river“ hat diese Bearbeitung ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen. Ist es dann irgendwann vernünftig, ging es an den Gesang. Dafür gab es einen Raum mit schalldichten Wänden. Da das Gesangsmikrofon so empfindlich war, musste es exakt auf mich eingestellt werden. Besonders wichtig war, das Mikrofon während der Aufnahme nicht zu berühren, denn es reagierte auf jedes kleinste Geräusch. Um mich mit Matthias, der im Technikraum saß, verständigen zu können, trug ich Kopfhörer und sprach durch mein Mikrofon. So konnte er auch meine fertige Pianobegleitung einspielen. Das war am Anfang ganz schön ungewohnt, darauf zu singen. Das hörte sich irgendwie ungewöhnlich an, irgendwie qualitativ ungewöhnlich gut, ganz anders als die Aufnahme meines Diktiergeräts. Den einzigen Fehler, den ich gemacht habe, war, sich nicht einzusingen, denn so waren ein paar schräge Töne dabei. Dennoch haben wir den Gesang nicht bearbeitet. Deshalb klingt dieser sehr natürlich. Doch die Qualität ist einfach nur klasse. Auf diese Weise wurden, wie bereits erwähnt, drei Lieder aufgenommen. Es war eine sehr interessante Erfahrung, denn schließlich erlebt man sowas ja nicht alle Tage. Und damit Ihr Euch das Ergebnis auch anhören könnt, gibt es „Traum nach Freiheit“ als neues Lied bei den Downloads.

    Im Tonstudio - Kerstin am Piano

    Im Tonstudio - Kerstin hört Probe

    Im Tonstudio - Kerstin singt

  • Weihnachtsaktion 2017

    In den letzten zwei Wochen vor den Weihnachtsferien, vom 12.12. bis zum 21.12., fand meine Weihnachtsaktion statt. Dabei ging es darum, an Menschen zu denken, an die man sonst nicht denkt – und zwar nicht irgendwo weit weg, sondern ganz regional: An meiner eigenen Schule.

    An der Schule, die ich besuche, leben und lernen blinde und sehbehinderte Kinder sowie Kinder mit einer Mehrfachbehinderung. Viele leben dort im Internat, da die Schule zu weit von ihrem Zuhause entfernt ist. So ist die Schule für viele zur zweiten Heimat geworden. Aber natürlich braucht es auch Menschen, die dafür sorgen, dass der Schulalltag gut funktioniert. Oft ist man häufig selbst so beschäftigt, dass man viele Personen, die wichtige Aufgaben übernehmen, im Alltag ganz vergisst. Das ist keine Kritik an irgendwem, das ist einfach so – und trotzdem ist es schade. Deshalb habe ich mich dieses Jahr genau auf diese Personen konzentriert und gleichzeitig verdeutlicht, dass auch Lehrer oder Erzieher nur Menschen sind.

    Teil 1: An Menschen denken

    Vor Beginn der Aktion hieß es erstmal einkaufen gehen – für viele Menschen, die an unserer Schule wichtige Aufgaben übernehmen, aber deren Arbeit im Schulalltag häufig gar nicht richtig geschätzt wird. Ich wollte diesen Anlass nutzen, um „Danke“ zu sagen – mit netten Worten, Schoko-Nikoläusen und Schoko-Bären. Und auch wenn Dir das vielleicht zunächst langweilig erscheint: Man kann dabei wahnsinnig viel erleben!

    1. Wäscherei

    Im normalen Internatsalltag läuft das so: Die Schülerinnen und Schüler werfen ihre schmutzige Wäsche in die Wäschecontainer und bekommen sie sauber wieder zurück. Aber was passiert eigentlich dazwischen? Die Frauen in der Wäscherei, die die Wäsche waschen, falten und bügeln, werden häufig gar nicht wahrgenommen. Doch ich habe mich auf den Weg gemacht, um ihnen ein kleines Dankeschön zu bringen. Wie lange war ich schon nicht mehr in der Wäscherei? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war ich sehr froh, dass die Chefin zufälligerweise gerade dort war, mich gleich gesehen hat und mir den Weg zeigen konnte.

    2. Küche

    Wenn der Unterricht zu Ende ist und alle hungrig in den Speisesaal stürmen, steht das Essen meist schon auf dem Tisch. Wenn alle dann essen, hört man eher ein „igitt“ als ein „lecker“. Aber wie viel Arbeit eigentlich hinter so einem Essen steckt, ist den meisten nicht bewusst. Das ist einfach Alltag. Deshalb haben auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Küche ein kleines Geschenk verdient. Hier war es nicht ganz so einfach, auf sich aufmerksam zu machen, denn alle waren eifrig beschäftigt – aber meine Ukulele half mir: Schon nach wenigen leisen Tönen kam eine Küchenfrau zu mir herüber und konnte die Dose mit Schokobären entgegennehmen.

    3. Textservice

    Wenn man in der Schule in den Schulbüchern liest, denkt man vermutlich vor allem an die Inhalte. Aber einmal habe ich mich etwas anderes gefragt: Wer überträgt das alles eigentlich, scannt die „normalen“ Schulbücher ein und macht sie so barrierefrei, dass sie von blinden Menschen am Computer gelesen und bearbeitet werden können? Die Antwort: Der Textservice. Dabei ist es fast peinlich, dass ich in meinen ganzen zehn Jahren an dieser Schule noch kein einziges Mal dort war. Aber das sollte sich hiermit ändern, denn wer uns blinden die Möglichkeit auf gleichberechtigte Bildung wie die sehenden erst ermöglicht, hat auch eine Gegenleistung verdient. So machte ich mich ganz gespannt auf den Weg – und ging unheimlich erfrischt, aber andererseits auch etwas nachdenklich wieder zurück: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren sehr interessiert, da sie normalerweise keinen Kontakt zur Schülerschaft haben und wir waren schon bald in ein langes Gespräch vertieft, in dem äußerst viel gelacht wurde, und gleichzeitig ist es schade, wie viele nette Menschen es an unserer Schule gibt, die wir Schüler gar nicht richtig kennen. Ein Glück, dass ich bei meiner Aktion ein bisschen herumkomme …

    4. Verwaltung

    Was wäre, wenn keiner über die finanzielle Lage der Schule Bescheid wüsste, wenn alle Briefe nicht gelesen und beantwortet werden würden und wenn allgemein niemand schauen würde, ob alles seine Ordnung hat? Dann würde so einiges nicht funktionieren. Aber dafür gibt es ja die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung! Auch für sie hatte ich eine Kleinigkeit. Aber obwohl ich schon zehn Jahre an der Schule bin, da hörten meine Wegkenntnisse wirklich auf und mir war gleich klar: Alle Büros würde ich nicht finden. Ein Glück gibt es an unserer Schule viele nette Menschen, die mir helfen konnten – und all diejenigen, die ich nicht persönlich angetroffen habe, bekamen ihr Geschenk vom Sekretariat. Das war zwar irgendwie schon schade, dass wir uns nicht persönlich begegnen konnten, aber ich bin dennoch sehr froh über die vielen Menschen an unserer Schule, die die Dinge vertrauensvoll weitergeben.

    5. Hausdienst

    Sie basteln und tüfteln, wenn mal etwas nicht so funktioniert, wie es funktionieren soll. Sie tragen Stühle, Tische, Instrumente oder anderes von A nach B, je nachdem, wo es gebraucht wird. Ihr Elektroauto dürfte allen Schülerinnen und Schülern bekannt sein. Schon erkannt, um wen es geht? Richtig, um die Hausmeister. Auch sie haben mal eine kleine Stärkung verdient – was für ein Zufall, dass gerade alle versammelt waren, als ich zum Büro des Chefs kam …

    6. Pforte

    Die Arbeit an der Pforte beinhaltet Schultore aufmachen, wenn jemand klingelt oder die Leute wieder herauswollen und ganz viel telefonieren. So bin ich an einem kühlen, verregneten Spätnachmittag mit Schokoladennikoläusen bewaffnet zur aktuell diensthabenden Pförtnerin aufgebrochen, um dieser Nervennahrung für das ganze Team zu bringen. Dabei wurden auch hier ein paar nette Worte gewechselt, bevor es für mich weiterging.

    7. Pflegekräfte und Fachlehrer K

    Viele mehrfachbehinderte Kinder haben ganz spezielle Bedürfnisse. Zum Beispiel können sie nicht alleine essen oder nicht alleine auf die Toilette gehen, weshalb sie Windeln tragen oder über eine Sonde ernährt werden müssen. Absolut nachvollziehbar, dass es nicht so einfach zu bewerkstelligen wäre, wenn die Lehrerinnen und Lehrer in der Unterrichtszeit immer noch Windeln wechseln müssten. Deshalb gibt es spezielle Pflegekräfte, die diese Kinder unterstützen und die Lehrerinnen und Lehrer dadurch entlasten. Und nicht nur das: Da viele Kinder aufgrund einer Körperbehinderung weitere diesbezügliche Förderung brauchen, gibt es die sogenannten Fachlehrer K, ein Team aus Therapeutinnen und Therapeuten. Viele Schülerinnen und Schüler dürften gar nicht wissen, dass es diese Bereiche gibt (insofern sie nicht selbst etwas mit diesen zu tun haben). Deshalb habe ich auch dorthin einen kleinen Weihnachts- und Dankesgruß versendet – im wahrsten Sinne des Wortes, denn da die Zeit für einen persönlichen Besuch leider nicht ausreichte, wurden die Geschenke ganz bequem per „Hauspost“ verschickt und vom stellvertretenden Schulleiter überbracht.

    Teil 2: Weihnachtskarten

    Lehrerinnen und Lehrer sind auf den ersten Blick eher unbeliebt, denn sie bestimmen, was man als Schüler/Schülerin zu tun hat, geben Hausaufgaben auf und verteilen womöglich auch noch schlechte Noten. Auf den zweiten Blick sind aber auch Lehrerinnen und Lehrer ganz normale Menschen und sind als solche vielleicht gar nicht so streng, wie es auf den ersten Blick ausschaut. Gleiches gilt für die Erzieherinnen und Erzieher, für die Putzfrauen, die die Internatsgruppen und Schulgebäude putzen – und auch für die Schulleitung. Deshalb habe ich mir meine Punktschriftmaschine geschnappt und Karten gebastelt – insgesamt 17 Stück! Wo diese gelandet sind, erfährst Du hier:

    1. Fachlehrer

    Alle Lehrerinnen und Lehrer, die mich in einem Hauptfach unterrichten, haben eine Weihnachtskarte bekommen. Eigentlich eine nette Geste, oder? Aber das Schenken einer Karte ist gar nicht so einfach wie es vielleicht scheint – denn womöglich hat man den entsprechenden Lehrer oder die entsprechende Lehrerin zwar schon jahrelang im Unterricht, dennoch kostet es Überwindung, auf die Personen zuzugehen und zu sagen: „Ich habe da noch was für Sie …“ Doch ich habe meine Angst überwunden und so hatte am Ende jede Karte ihren Adressaten bzw. ihre Adressatin gefunden.

    2. Erzieherinnen

    Man begegnet ihnen jeden Tag, wenn man im Internat ist: Den Erziehern und Erzieherinnen. So habe ich auch den Erzieherinnen meiner Internatsgruppe Weihnachtskarten geschenkt – und die Freude darüber war nicht zu übersehen.

    3. Leitungsteam

    Auch die Schulleiterin und der stellvertretende Schulleiter profitierten von meiner Aktion, denn sie bekamen mit einer Weihnachtskarte und einem Schoko-Nikolaus sogar das doppelte Programm. Dabei konnte ich die Umschläge sogar persönlich übergeben – und auch bei den Menschen in den höchsten Positionen unserer Schule konnten sich alle Beteiligten über freundliche und offene Begegnungen freuen.

    4. Reinigungskräfte

    Die beiden verbliebenen Weihnachtskarten gingen an die beiden Reinigungskräfte, mit denen ich häufig zu tun habe. Die eine reinigt die Internatsgruppe, die andere in meinem Klassenzimmer. Bei all der Arbeit ist es doch nett, ein kleines Zeichen weiterzugeben.

    Fazit

    Durch meine Aktion, insbesondere durch den ersten Teil, habe ich viele nette Leute und bislang unbekannte Orte meiner Schule kennengelernt, was sehr spannend war. Ich habe gemerkt, wie einfach es sein kann, anderen eine Freude zu bereiten – und ganz wichtig: Erwachsene freuen sich genauso über Geschenke wie Kinder. Das Beste daran: Dafür braucht es noch nicht einmal viel. Es reicht schon ein freundliches „Danke“ aus. Es ist nämlich nicht wichtig, möglichst viel zu schenken, sondern dass man an die Menschen denkt.

    Inspiration

    Morgen ist Heiligabend und danach folgen zwei freie Weihnachtstage. Nutze diesen Anlass und überlege Dir einmal, welche Person eine wichtige Position in Deinem Leben einnimmt und dieses entscheidend bereichert und zeige dieser, dass Du an sie denkst. Ein einfaches, aber ehrlich gemeintes „Danke“ kann dabei schon genügen.

  • Wie ich blind durch die Welt gehe

    Vor kurzem habe ich einen neuen Blindenstock bekommen. Aber wozu brauche ich den eigentlich? Und wie bewege ich mich eigentlich im Straßenverkehr? Ich möchte diesen Anlass nutzen, um Euch meine mobilitätstechnischen Tricks und Hilfen etwas näher zu bringen.

     

    Es ist Mittwochnachmittag und ich muss nach Heidelberg zu einem Termin – konkret bedeutet das: Erst zu Fuß, dann mit dem Bus, dann mit der Straßenbahn und dann nochmal ein kurzer Fußweg. Da liegt ein ganzes Stück Weg vor mir. Seid ihr bereit? Na, dann lasst uns losgehen!

     

    Ohne meinen Stock geht nichts!

    Das wichtigste Hilfsmittel ist für mich mein Blindenstock – ohne den geht gar nichts! Am einen Ende des Stocks ist eine Kugel angebracht. Wenn ich mit dem Blindenstock unterwegs bin, befindet sich diese Kugel auf dem Boden. Um meine Umgebung erfassen zu können, bewege ich den Blindenstock im Rhythmus zu meinen Schritten hin und her. Das bedeutet nicht, dass ich unorganisiert damit herumfuchtele. Die Kugel bleibt immer auf dem Boden und ich bewege den Blindenstock nur etwa in Schulterbreite. So merke ich genau an den Stellen, die unmittelbar vor mir sind, ob eine Treppe oder eine Bordsteinkante kommt oder ob da jemand seinen Sperrmüll rausgestellt hat. Damit sich die Kugel gleichmäßig abnutzt, dreht sie sich mit der Bewegung des Blindenstocks. Und wenn ich den Stock – wie beispielsweise nachher bei meinem Termin – nicht brauche, kann ich ihn einfach zusammenklappen und ihn in meine Tasche oder unter den Stuhl legen. Davon abgesehen, dass ich als blinde Person gesetzlich verpflichtet bin, mich als „blind“ zu kennzeichnen, würde ich mich ohne Blindenstock alleine unsicher und in vielen Situationen hilflos fühlen.

     

    Einmal durch den Ort

    Der Weg zur Bushaltestelle führt mich einmal durch den Ortskern. Hier komme ich an verschiedenen kleineren Geschäften sowie am Wochenmarkt vorbei. Ich muss Straßen überqueren, an diversen Einfahrten und Abzweigungen vorbei und abgestellten Fahrrädern, Tischen vor einem Café, Verkaufsschildern, Laternenpfosten und einem auf dem Weg geparkten Auto ausweichen. Eigentlich habe ich hier dahingehend inzwischen viel Routine, trotzdem fordert dieses Stück des Weges meine volle Konzentration.

     

    Unterwegs mit Bus und Bahn

    Endlich bin ich an der Bushaltestelle angelangt. Nun heißt es: Den richtigen Bus nehmen. Normalerweise müsste ich an dieser Stelle den Fahrer fragen, welcher Bus da vor mir steht, aber in diesem Fall habe ich Glück, denn ich kann alle Busse nehmen, die kommen. Dennoch stelle ich mich ganz vorne an die Haltestelle und stelle meinen Blindenstock vor mich. Das ist sehr wichtig, denn der Blindenstock ist nicht nur eine Hilfe für mich, sondern auch – wie bereits erwähnt – ein Erkennungszeichen für andere. Er macht darauf aufmerksam, dass ich nichts sehe und die Menschen um mich herum Rücksicht auf mich nehmen sollen.

     

    Die Fahrerin der Straßenbahn, in die ich nach meiner Busfahrt steigen muss, demonstriert das vorbildlich: Sie sagt von sich aus die Bahnlinie durchs Außenmikrofon durch und macht die Tür auf, damit ich sie finden kann. Das wünsche ich mir öfter. Gerade an Haltestellen, an denen mehrere Bahnlinien fahren, würde das so vieles erleichtern! Oft hören sich alle Bahnen gleich an, und deshalb muss ich immer nachfragen oder einfach einsteigen, wenn ich das Gefühl habe, dass das die richtige Bahn sein könnte. In Karlsruhe gibt es zwischen manchen Bahntypen noch akustische Unterschiede, da kenne ich dann die Reihenfolge der einfahrenden Bahnlinien und hoffe halt, dass keine Bahn ausfällt oder Verspätung hat und alles durcheinanderbringt. Das ist aber alles nicht optimal und so bleibt mir oft nur das Nachfragen. Dass die Fahrer die Bahnlinie durchsagen, ist leider sehr selten – schade!

     

    In der Bahn selbst kriege ich direkt einen Sitzplatz angeboten. Klar könnte ich auch stehen, aber die Bahn ist so voll, dass ohnehin überall Leute stehen, da bin ich ganz froh, wenn ich aus dem Trubel raus bin. In der Regel ist Bahnfahren recht entspannt. Wie sicher auch einige von Euch Sehenden schon gemerkt haben, gibt es in der Regel Haltestellenansagen, sodass ich die richtige Haltestelle nicht verpassen kann. Blöd wird es nur, wenn die Ansage mal ausfällt, was nicht so oft, aber doch ab und zu mal passiert. Klar kann man nachfragen, wo man sich gerade befindet, aber das mache ich ungern, weil ich genau weiß, dass ich das eigentlich selbst mitbekommen könnte. In meiner Heimatstadt Karlsruhe komme ich auf den Strecken, die ich immer wieder fahre, inzwischen auch ohne Ansage  gut klar, aber auf Strecken, die ich seltener fahre, wird es schon schwieriger: Mag ja sein, dass ich die Reihenfolge der Haltestelle kenne, aber dann will an einer Haltestelle mal niemand ein- oder aussteigen oder die Bahn fährt kurzfristig Umleitung – kurzum: Eine Straßenbahn ohne Ansage ist einfach blöd und immer mit dem Risiko verbunden, falsch zu fahren oder an der falschen Haltestelle auszusteigen.

     

    Straßenquerungen

    Wenn dann alles gut läuft und die Ansage vorhanden ist, komme ich irgendwann in Heidelberg an der richtigen Haltestelle an. Ich steige aus der Bahn aus – und muss erstmal die Straße überqueren. Straßenüberquerungen können ganz unterschiedlich aussehen. In diesem Fall gibt es eine Ampel mit Blindensignal. Wenn Ihr irgendwo mal ein regelmäßiges Klicken an einer Straße oder einer Haltestelle hört, kann es gut sein, dass es von einer Blindenampel stammt. Der Trick dabei ist: Neben einem ganz normalen Knopf für Sehende gibt es – etwas versteckt – einen speziellen Knopf für Blinde. Dieser Knopf ist als Pfeil dargestellt, der in die entsprechende Richtung zeigt, in die man laufen muss. Das ist beispielsweise dann hilfreich, wenn es – wie an diesem Ampelmast – zwei Ampelknöpfe gibt, wobei das eine Signal der Straße vor mir und das andere Signal den Straßenbahngleisen hinter mir gilt. In Kombination mit dem taktilen Aufmerksamkeitsfeld auf dem Boden kann ich mich genau ausrichten, sodass ich die Straße nicht schräg überquere. Wenn die Ampel grün wird, piepst diese. Es gibt auch Ampeln, an denen es keinen speziellen Pfeil für Blinde gibt, bei denen man aber bei grün eine Vibration spüren kann, wenn man die Hand auf die Ampel legt. Wenn man eine Straße überqueren muss, an der es keine Blindenampel gibt, gibt es dafür auch einen Trick: Man wartet, bis die Ampel rot wird und der Querverkehr vorbeifährt, und wenn man dann den Parallelverkehr wieder anfahren hört, läuft man mit über die Straße. Es gibt aber auch Kreuzungen, die so kompliziert und befahren sind, dass man sich entweder jemanden sucht, der einen mit rübernimmt, oder – wenn möglich – die Kreuzung meidet.

     

    WICHTIG für alle Sehenden:

    Leider trifft man immer wieder Leute, die einen einfach über die Straße ziehen, ohne etwas zu sagen und glauben, sie wüssten genau, wo die blinde Person hinlaufen möchte. Jedoch greift man – bei aller Gutmütigkeit – damit in das Konzept der blinden Person ein, was häufig Orientierungslosigkeit und Verwirrung zur Folge hat. Deshalb: Wenn Ihr helfen wollt, bitte immer erst fragen und auch akzeptieren, wenn die blinde Person dankend ablehnt! Der andere Fall, der immer wieder vorkommt, ist, dass ich aktiv nach Hilfe suche und entweder ausgerechnet jetzt niemand da ist oder aber zwar jemand in der Nähe ist, sich aber nicht akustisch bemerkbar macht. Bitte seid in solchen Situationen so offen und geht entsprechend auf uns zu!

     

    Sichere Ankunft

    Der Rest meines Weges ist nicht schwer und für mich problemlos zu finden. Den richtigen Eingang erkenne ich an einer gut hörbaren Tiefgarageneinfahrt. Dank meines Blindenstocks, Hilfen wie Blindenampeln und Blindenleitsystemen, aufmerksamen und hilfsbereiten Mitmenschen und einigen Tricks und Techniken konnte ich komplett alleine mit Bus und Bahn nach Heidelberg  bzw. zurück ins Internat fahren und meinen Termin wahrnehmen, ohne dass ich jemanden darum bitten musste, mich zu begleiten. Blind weitgehend unabhängig und selbstständig von sehenden zu sein, ist durchaus möglich – man muss nur wissen, wie!

     

  • Ein etwas anderer Rundflug

    Ein etwas anderer Rundflug

    Diesmal hatte ich etwas ganz besonderes vor: Einen Rundflug. Es war mein erster Flug überhaupt, weswegen ich ziemlich aufgeregt war. Dennoch war ich erstaunlich ruhig, als ich am Montag, den 02.10.2017, um 16.00 Uhr am Flugplatz in Worms ankam. Dort wartete schon ein Pilot, der Kleinflugzeuge fliegt, auf mich.

    Wir gingen gemeinsam in die Flughalle. Dort standen viele verschiedene Kleinflugzeuge. Der Pilot führte mich zu dem Flugzeug, mit dem wir fliegen wollten. Ich durfte alles anfassen und erkunden. Die Flügel sind ganz schön lang! Im Inneren des Flugzeugs durfte ich als Kopilotin mitfliegen. In diesem Zusammenhang durfte ich auch das Steuerrad anschauen. Da das Steuerrad des Piloten mit meinem Steuerrad verbunden war, konnte ich immer genau spüren, was der Pilot gerade machte. Bewegte er den Hebel vor und zurück, stiegen oder sanken wir. Bewegte er den Hebel nach rechts und links, bewegte sich auch das Flugzeug in diese Richtung. Es war eine sehr spannende Erfahrung, mal genau spüren zu können, wie das Flugzeug schon auf kleinste Bewegungen des Piloten reagiert.

    Und dann ging es los. Jetzt wurde ich doch etwas nervös. Langsam rollten wir auf die 800 Meter lange Startbahn. Gut ein Drittel der Startbahn braucht es bis zum Abheben des Flugzeugs. Dieses hat dann etwa eine Geschwindigkeit von 120 Stundenkilometern. Das fand ich interessant, denn 120 Stundenkilometer erreicht man ja auch mit dem Auto auf der Autobahn (insofern kein Stau ist). Zur Eingewöhnung flogen wir eine Runde um den Flugplatz. Danach mussten wir den Flug leider abbrechen, da man aufgrund von Nebel nicht mehr genug sehen konnte, um fliegen zu können. Schade, aber es gab eine neue Chance. Und ganz davon abgesehen übten wir dadurch auch gleich die Landung. Ein bisschen hart war die Ankunft auf dem Boden durchaus, aber sie war laut Aussage des Piloten wohl deutlich sanfter als bei großen Flugzeugen. Dort gibt es nämlich, so erklärte man mir, eine bestimmte Stelle an der Landebahn, an der sie den Boden erreichen müssen, da sie so viel Strecke brauchen, um zum Stehen zu kommen. Ich überlegte, wie sich eine Landung im großen Flugzeug wohl anfühlt. Vielleicht würde ich das früher oder später auch noch erfahren. Bevor es aber soweit kam, gab es erstmal den zweiten Flugversuch.

    So trafen wir uns am nächsten Tag wieder am Flugplatz in Worms. Da ohnehin Feiertag war, gestaltete sich das als äußerst unproblematisch. Das Wetter spielte diesmal deutlich besser mit als gestern. Die Sonne schien und es war angenehm warm. So stiegen wir diesmal relativ zügig ins Flugzeug und flogen los. Wir flogen nach Rothenburg an der Tauber, eine bayerische Stadt (wenn auch nahe an der Grenze zu Baden-Württemberg), und was ziemlich verrückt klingt, schafften wir mit dem Flugzeug in wenger als einer Stunde. Dabei flogen wir über Neckar und Rhein und in rasanten Kurven durchs Neckartal. Während die Kurven bei großen Flugzeugen recht sanft geflogen werden, spürt man die Kurven im Kleinflugzeug sehr deutlich. Allgemein kann man mit einem Kleinflugzeug deutlich mehr experimentieren. Mit unserem einmotorigen Flugzeug mit vier Sitzplätzen konnten wir zum Beispiel das Gefühl einer Achterbahnfahrt nachstellen, indem wir steil nach unten sanken und dann wieder steil nach oben stiegen. Ich fand es faszinierend, wie man mit der Luft spielen konnte und dass man sich in der Luft so frei bewegen konnte. Auch war es faszinierend, das Wetter zu beobachten. Während in Worms die Sonne schien, gab es im Verlauf des Flugs immer mehr Wolken und in Rothenburg regnete es.

    In Rothenburg gingen wir Pizza essen. Die Pizzeria war direkt am Flugplatz. So landeten wir fast direkt vor der Tür. Da wir natürlich nicht auf der Landebahn stehen bleiben konnten, rollten wir auf einen speziellen Parkplatz für Flugzeuge. Weil jede Start- und Landebahn etwas anders aussieht, hatte der Pilot eine Art Lexikon, in dem alle Start- und Landebahnen mit Bildern und Beschreibungen aufgelistet waren. Schon lustig, wenn man zum Essen einfach mal schnell nach Rothenburg fliegt. Auf dem Rückweg fiel mir dann noch etwas anderes ganz bewuist auf: Der Funk. Als Passagier eines großen Flugzeugs kriegt man davon in der Regel nichts mit, doch über das Headset, welches jeder von uns aufgrund der Lautstärke des Motors etc. trug, bekam ich alles mit. Während unseres Flugs mussten wir mehrmals die Frequenz wechseln. Zuerst standen wir in Kommunikation mit dem Funknetz am Flugplatz in Rothenburg. Bevor wir starteten, mussten wir darüber informieren, dass wir starten wollten. Die Person am anderen Ende des Funks, die über Bildschirme den ganzen Flugplatz im Blick hatte, sagte uns dann, ob wir starten konnten oder ob noch ein anderes Flugzeug auf der Bahn war. Nach dem Start mussten wir dann bescheid geben, dass wir die Startbahn verlassen hatten, und schalteten im Anschluss auf ein zentrales Funknetz um. Hier wurde der Luftraum eines großen Gebiets beobachtet. So wurde man immer darauf hingewiesen, wenn andere Flugzeuge oder Fallschirmspringer in der Nähe waren. Dabei interessierten uns große Flugzeuge nicht, da diese deutlich höher flofen als wir. Interessant war, dass wir nicht nur an uns gerichtete Informationen, sondern auch die Informationen, die anderen Flugzeugen galten, mithören konnten. Tatsächlich begegneten uns auf dem Weg ein weiteres Kleinflugzeug und ein paar Fallschirmspringer. Je nach dem, wie weit man fliegt, muss man zwischendurch nochmal die Frequenz umschalten, denn auch die zentraleren Funkstellen beobachten nur einen bestimmten Umkreis. Kurz vor der Landung mussten wir dann wieder auf den regionalen Flugplatzfunk umschalten. Da galt dann wieder die gleiche Prozedur: Erst fragen, ob die Bahn frei ist, dann landen und wieder bescheid geben, wenn wir die Bahn verlassen hatten. Damit auch jedes Flugzeug klar identifiziert werden kann und alle Beteiligten wissen, um wen und was es sich handelt, hat jedes Fluggerät einen Namen. So hieß unser Flugzeug zum Beispiel „Romeo Kilo“.

    Nachdem wir gelandet waren, rollten wir direkt zur Flugzeug-Tankstelle. Wie auch beim Auto kann man den Motor öffnen und neuen Treibstoff einfüllen. Ich war erstaunt, wie leicht und schnell sich das alles gestaltete. Bevor es für mich wieder nach Hause ging, konnte ich mich noch mit einem Piloten, der große Passagierflugzeuge fliegt, unterhalten. Das war sehr spannend! Viermal im Monat macht er einen Langstreckenflug. Dabei fliegt er beispielsweise nach Tokio (etwa elf Stunden Flugzeit) oder nach Buenos Aires (etwa 13 Stunden Flugzeit). Ich durfte auch ein zweimotoriges Flugzeug anschauen. Das war gleich deutlich größer als die kleine „Romeo Kilo“.

    Ich freue mich schon darauf, wenn ich mal ein großes Flugzeug anschauen kann. Es ist wirklich interessant, mal alles anfassen und hinter die Kulissen schauen zu dürfen, damit ich mir auch als Blinde etwas darunter vorstellen kann. Es war ein aufregendes und sehr spannendes Erlebnis – tja, eine blinde Kopilotin gibt es schließlich auch nicht alle Tage!

    vor dem Flugzeug

    Anschauen des Flugzeugs

    Betrachten des Propellers

    im Cockpit